GRIP 17
01.07.1997
Filme, auf die wir warten »Der Fluß«
Von Heike Kühn
Tsai Ming-liangs Film »Der Fluß« ist nicht ganz so konsequent im Verzicht auf klärende Hinweise wie sein vorangegangener Film »Vive L'amour«, für den der 1957 in Malaysia geborene Regisseur, der seine Filme in Taiwan dreht, 1994 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Dennoch ist auch »Der Fluß« ein Wunder an Stilwillen. Gleich »Vive L'amour« äußert sich »Der Fluß« erst über die Beziehungen zwischen seinen Hauptpersonen, wenn sie schon längst als Opfer einer Beziehungslosigkeit eingeführt sind, die auf dem staatsübergreifenden Territorium einer selbstzweckhaften Rationalisierung schlimmer grassiert als die asiatische Grippe. Die Fahrstuhlführerin, die von ihrem Geliebten vernachlässigt wird; der alternde Schwule, der für flüchtige Berührungen bezahlt; der Junge mit dem verrenkten Hals, dem weder Ärzte noch Geistheiler helfen können - sie bewohnen nicht nur gemeinsam eine Wohnung, die von unerklärlichen Überschwemmungen heimgesucht wird, sie sind eine Familie. Eine auseinandergedriftete allerdings, die erst angesichts der tragikomischen Sintfluten, die mit den tiefreichenden Bewußtseinsströmen des Films über sie kommt, das Gespräch wieder aufnimmt.
Wie in anderen asiatischen Filmen, in denen fehlende Kommunikation den Subtext eines beunruhigenden und verwirrenden Schweigens abgibt, kann man auch hier kaum behaupten, daß sich die Protagonisten unterhalten. Und doch, auf lange Sicht wird das Mißgeschick, das dem arbeitslosen Xiao-Xing widerfährt, als er In Taipeh eine ehemalige Mitschülerin trifft und sie zu den Dreharbeiten an einem Krimi begleitet, einen aufschlußreichen Austausch hervorbringen. Von der Regisseurin des Krimis läßt sich Xiao-Xing überreden, in einem Fluß toter Mann zu spielen. Wenig später ist er mit einer seltsamen Steifheit des Nackens und verzehrenden Schmerzen geschlagen.
Ob es das symbolträchtige Bad in dem verseuchten Fluß ist oder der beiläufige Sex mit der ehemaligen Mitschülerin, der seine Seele beleidigt und dem latent homoerotisch veranlagten Jungen den Kopf verdreht, läßt der Film offen. Der Austausch, der zwischen dem schwulen Vater und dem geheimnisvoll »erkrankten Sohn« auf der Suche nach Heilung stattfindet, wird nicht flüssige Sätze, sondern den inzestuösen Akt eines überfließenden Gefühls hervorbringen. Die Erlösung des geschmerzten Helden findet nicht statt. Aber die Phantasie des Betrachters gerät in einen Mahlstrom von Andeutungen, der mitreißender ist als die Patentlösungen, mit denen wir im Kino der Gegenwart so oft abgespeist werden.
Kategorie: Rezensionen (Bücher und Film bzw. GRIP Kritik)
Schlagworte: Spielfilm
