GRIP 17

01.07.1997

Brückenschläge zwischen den Medien Das 10. European Media Art Festival in

Von Reinhard Kleber

Die Tür steht offen. Doch die leere Zelle mit der kalten Sitzbank in einem Metallblock lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Die Beklemmung wächst angesichts des schweren Riegels an der Außenseite der Tür. Wer sich in eine der vier düsteren Zellen begibt, bekommt nicht gerade Erhebendes zu hören: Aus einem Lautsprecher dröhnt die Stimme eines verurteilten Mörders, der über physische und psychische Gewalt in der Isolationshaft berichtet. Doch damit nicht genug: Auf der Rückseite des Blocks berichten Opfer von Gewaltaten in einer Video-Großbildprojektion über ihre traumatischen Erfahrungen. In ihrer Multi-Media-Collage »Under Lock And Key« gelingt es der US-Amerikanerin Beth B., die Besucher zu einer intensiven und außergewöhnlichen Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Thema Gewalt zu bewegen. Der Medienkünstlerin und Filmemacherin genügt es dabei nicht, wenn die Zuschauer einfach nur konsumieren; um die Installation zu erfassen, müssen sie, wenn auch vielleicht widerstrebend, ein Wagnis eingehen.

»Under Lock And Key« war die spannendste der acht Installationen in der Osnabrücker Dominikanerkirche, dem zentralen Ausstellungsort des 10. European Media Art Festivals, das vom 7. bis 11. Mai stattfand. Die faszinierendste Installation in Osnabrück schuf ebenfalls eine New Yorkerin: Clea T. Waite lädt in »Kur« den Betrachter dazu ein, sich mit einer 3-D-Brille in einen quadratischen Raum zwischen vier Leinwände zu begeben, auf denen per lebensgroßer stereoskopischer Videoprojektionen fremdartig wirkende Tanzszenen zu sehen sind. Dreht sich der Betrachter nun um die eigene Achse, so kann er in annähernd natürlicher Tiefenschärfe unterschiedliche Phasen der Bewegungen der Tänzer verfolgen, die ihrerseits den uralten sumerischen Mythos vom Abstieg der Göttin Inanna in die Unterwelt Kur darstellen. Wer Waite bei ihrem ambitionierten Versuch, die Orientierung in Raum und Zeit in Frage zu stellen und eine Brücke zwischen vorchristlichem Mythos und hochmodernerer Technologie zu schlagen, nicht folgen mochte, konnte sich auch allein an den meditativen Tanzsequenzen erfreuen.

Die Faszination des Tanzes stand auch im Mittelpunkt der Performance »Communion - Le Partage des Peaux II«. Die kanadische Choreographin Isabelle Choinière hat auf Armen, Beinen und Rumpf Sensoren verteilt, die ihre Bewegungen registrieren und zuvor aufgenommene Videobilder der Tänzerin beeinflussen, die auf halbtransparenten Leinwänden um sie herum zu sehen sind.

Die irreale Atmosphäre des dynamischen Multi-Media-Balletts wird im dunklen Vorführraum noch verstärkt, indem variabel eingesetztes farbiges Scheinwerfer- oder Stroboskoplicht von fluoreszierenden Streifen auf dem Trikot der Tänzerin reflektiert wird. Indem Choinière mit ihrem realen Körper Bilder und auch pulsierende Klänge auslöst und steuert, setzt sie sich zugleich mit dem so erzeugten virtuellen Körper auseinander.

Die Arbeiten dieser drei Künstlerinnen können nur ansatzweise die Breite des Spektrums der künstlerischen Angebote in Osnabrück verdeutlichen. Denn das wichtigste deutsche Medienkunstfestival hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Vielfalt aktueller und innovativer medialer Ausdrucksmöglichkeiten vorzustellen.

Dementsprechend reichte die Bandbreite von Video-Installation und Performance über experimentelle Film- und Videoarbeiten bis zu neuen CD-ROMs und Internet-Projekten. Wer wissen will, was sich in Sachen Medienkunst national und international tut, kommt hierzulande um Osnabrück nicht herum. Bei insgesamt 210 Beiträgen, die eine Kommission aus 970 eingereichten Arbeiten aus 29 Ländern ausgewählt hat, fiel der Überblick zwar schwer, für irritierende Begegnungen und überraschende Entdeckungen war aber allemal gesorgt.

In der Internationalen Auswahl liefen 115 Filme und Videos, darunter zahlreiche studentische Arbeiten, von denen allerdings etliche über den Status von Fingerübungen kaum hinauskamen. So wichtig den Organisatoren auch der Erfahrungsaustausch gerade der jungen Filme- und Videomacher untereinander auch sein mag, eine strengere qualitative »Auswahl« hätte den zuweilen ziemlich anstrengenden Programmblöcken gut getan. So mancher Fachbesucher vermißte außerdem das Fehlen eines organisierten Gesprächsforums für interessierte Zuschauer, die nach der Vorführung in der ungemütlichen »Lagerhalle« doch noch gerne mit anderen Besuchern und dem Regisseur über den einen oder anderen ratlos machenden Film gesprochen hätten.

Als überragender Beitrag in der genannten Internationalen Auswahl entpuppte sich »Gallivant« von Andrew Kötting. In dem experimentellen Dokumentarfilm schildert der witzige britische Regisseur die gemeinsame dreimonatige Reise mit behinderter Tochter und 85jähriger Großmutter entlang der Küste Großbritanniens. Kötting illustriert den erlebnisreichen Filmtrip stilistisch mit zahlreichen Zeitrafferaufnahmen und würzt die Mini-Porträts der unterwegs getroffenen Zeitgenossen mit exzessivem britischen Humor.

Einen Preis konnte »Gallivant« jedoch nicht gewinnen, wird doch in Osnabrück seit 1985 alljährlich nur ein Preis für den besten deutschen Experimentalfilm des Jahres vergeben. In diesem Jahr entschied sich die Jury der Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten unter den 39 deutschen Beiträgen für »L'hôtel« von Mark-Steffen Göwecke. Die elfminütige Abschlußarbeit Göweckes an der Fachhochschule für Gestaltung in Würzburg porträtiert eine alte Frau, deren freistehendes Hotel auf der westlichsten Landzunge der Bretagne aus Landschaftsschutzgründen abgerissen wird. Zur Begründung erklärte die Jury, der Film schildere den authentischen Fall der Zerstörung einer menschlichen Existenz durch Behördenwillkür. Durch eine überragende Schwarzweißfotografie gelinge es dem Filmemacher, die Verwurzelung der Frau in ihrem Haus und die Verschmelzung des Hotels mit der Landschaft spürbar zu machen. Seine gestalterische Stärke gewinnt »L'hôtel« laut Jury »vor allem durch die gleichzeitige Verwendung der drei Medien Film, Video und Computer. «

Eine lobende Erwähnung erhielt »Busby« von Anna Henckel-Donnersmarck für »den pfiffigen Brückenschlag zwischer digitaler Bildgestaltung und dem Glamour alter Hollywood-Filme«.

In dem dreiminütigen Schwarzweißvideo läßt die Studentin an der Ludwigsburger Filmakademie die eigenen Hände mittels geschickter digitaler Bildbearbeitung zu einer stimmungsvollen Jazzmusik »tanzen« und erweist so dem berühmten Hollywood- Choreographen Busby Berkeley ihre Reverenz.

Das fünftägige Medienkunstfestival, 1988 aus dem Experimentalfilm-Workshop hervorgegangen, zeigte anläßlich des kleines Jubiläums eine Retrospektive mit den Preisträgerfilmen der letzten zehn Jahre. Sie brachte ein Wiedersehen mit manchem ansonsten selten gezeigten Highlight des deutschen Experimentalfilmschaffens, so etwa mit dem 15-minütigen experimentellen Meisterwerk »Der Hahn ist tot« von Zoltan Spirandelli, einem »wunderbar komisch-ernsten Film der Selbstreflexion des Kinoraums«, wie die Jury 1988 urteilte.

Eine weitere Werkschau war dem 1984 gestorbenen amerikanischen Film- und Videoavantgardisten Stan Vanderbeek gewidmet, der mit frühen Collagefilmen in den fünfziger Jahren, später auch mit ersten experimentellen Videoarbeiten, Computeranimationen und Versuchen mit interaktivem Fernsehen zahlreiche Film- und Medienschaffende beeinflußte. Sechs Wochen vor der Übergabe der britischen Kronkolonie Hongkong an China informierte das Festival zudem in mehreren Programmblöcken über das dortige sehr lebendige Medienkunstschaffen

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Festival, Filmförderung, Ausbildung/Weiterbildung/Studium

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