GRIP 16

01.03.1997

Porträt: Verlag der Autoren

Von Petra Schleinig

Sie träumten von einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung, von Selbstbestimmung und Solidarität. 1969 sagte eine Handvoll idealistischer Lektoren und Autoren des Frankfurter Suhrkamp-Verlages dem Kapitalismus ihren Kampf an. Der Herrschaft des Kapitals setzten sie ein neues praktikables Modell mit ökonomisch und strukturell veränderten Produktionsprozessen entgegen und gründeten den ersten deutschen Verlag auf genossenschaftlicher Basis. Ein Theaterverlag, der anders als die anderen und dessen Formel so einfach wie demokratisch war: Der Verlag der Autoren gehört den Autorinnen und Autoren des Verlages. Und so ist es bis heute geblieben. In 27 erfolgreichen Jahren hat sich die Anzahl der Gesellschafter stetig vergrößert, stimmt die wirtschaftliche wie ideelle Realität mit dem Motto der Gründer überein. Begann der Verlag in den siebziger Jahren als einer der ersten Bühnenverleger mit der Interessenvertretung von Filmemachern wie Rainer Werner Faßbinder, Wim Wenders und Peter Lilienthal, gehört die Abteilung Film, TV & Radio heute mit mehr als 70 aktiven Autoren zu Deutschlands führenden Drehbuchvertretungen. Das Spektrum des Verlages reicht vom Fernsehfilm über situation comedys bis zur internationalen Kinoproduktion, die Projekte werden vom ersten Entwurf bis hin zur Premiere betreut. Dabei repräsentiert der Verlag der Autoren auch heute noch einen Teil der »neuen Generation« von Filmemachern, kämpfen seine Mitstreiter in Zeiten eines verschärften Wettbewerbes wieder für bessere Arbeitsbedingungen der Autoren.

Was hat sich seit der Gründerzeit in Ihrer Arbeit verändert?

Wir vertreten noch immer die Bühnenrechte von Autoren, als Medienverlag aber auch die Rechte von Drehbuchautoren. Wir arbeiten in zwei Abteilungen: Die Theaterabteilung lektoriert, schließt Bühnenverträge ab und gibt Textbücher heraus. Die Abteilung Film, TV & Radio kümmert sich um die Verträge mit Produzenten und Sendern. Unser Selbstverständnis ist uns immer noch wichtig. Sind wir noch ein von Autoren bestimmter Verlag? Was ist das Modell noch wert? Diese Fragen werden immer noch diskutiert. Natürlich müssen wir Umsatz und Gewinn machen, damit wir den Verlag haften können. Aber wir arbeiten immer noch ohne große Hierarchie. Eigentlich macht jeder hier dasselbe, spricht mit Autoren, lektoriert, verhandelt und schließt Verträge ab. Wir schreiben sogar die Rechnungen selbst. In den letzten Jahren haben wir unsere Agenturtätigkeit verstärkt, arbeiten mehr als »Autorenpool«. Wir sprechen Produzenten und Redakteure direkt auf ihre Nachfrage an, bieten Ihnen offensiv Ideen und Stoffe an, vermitteln die Zusammenarbeit mit geeigneten Autoren, bieten zusätzliche Serviceleistungen wie Stoffentwicklung, Stoffberatung und Packaging an.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Autoren aus?

Die Abteilung ist sehr überlastet, deshalb nehmen wir nur noch in Ausnahmefällen neue Autoren auf. Aber, wenn ein Autor ein interessantes Projekt zu bieten hat, das eine spannende Zusammenarbeit verspricht nehmen wir ihn auf und suchen einen Produzenten für ihn. Das kann ein Bühnenstück, ein Textbuch, ein Hörspiel oder ein Drehbuch sein. Was wir nicht machen sind daily soaps. Da wird das Buch schneller geschrieben als man braucht, um einen Vertrag zu schließen.

Wie wird ein Autor zum Gesellschafter?

Die Autoren haben nach zwei oder drei Stücken, die von uns vertreten wurden die Möglichkeit Gesellschafter zu werden, indem sie Verlagsanteile von mindestens 500 Mark erwerben. Man muß also nicht riesige Summen zahlen, um an allen Entscheidungen beteiligt zu sein. Aber nicht jeder Autor will ein Gesellschafter sein. Der Status bringt es mit sich, daß die Werke des Autors zuerst dem Verlag der Autoren angeboten werden müssen.

Welche Erfolge zeigt der Verlag?

Das Bestehen eines genossenschaftlichen Modells über fast 30 Jahre hinweg. Auf der Gesellschafterversammlung werden von den Angestellten jährlich zwei Delegierte gewählt, die als Geschäftsführer nach außen füngieren und unterschriftsberechtigt sind. Aber alle Gesellschafter bestimmen die wesentlichen Geschicke des Hauses mit. Das dieses eher komplizierte Modell noch immer funktioniert ist unser größter Erfolg. Für die Abteilung Film, TV & Radio war die Schaffung und Sicherung von bestimmten Vertragstandarts ein wichtiger Erfolg. Wir sind im Bühnenverlegerverband organisiert und haben von Anfang an Verhandlungen mit den öffentlich-rechtlichen Sendern geführt. Durch die Medienkommission haben wir bestimmte rechtliche Standarts und vernünftige, finanzielle Tarife für Drehbuchautoren erzielt. Diese Erfolge gilt es nun zu verteidigen.

Hat sich die Situation der Autoren also wieder verschlechtert?

Ja. Die Vertragsstandarts, die sich seit langem bewährt haben, sind zur Zeit ein bißchen am Rutschen, weil die Fernseh- und Produzentenlandschaft sich durch die vielen Privatsender sehr verändert hat. Da wir auch Autoren betreuen, die für die kommerziellen Sender schreiben, müssen wir mit diesen Sendern ebenfalls Vereinbarungen treffen. Da es aber keine Rahmen-abkommen gibt, ist erst einmal alles verhandelbar. In einem Vertrag von RTL werden alle Rechte an den Sender übertragen. Die Autoren verkaufen praktisch ihr Werk, haben später also keine Rechte mehr und bekommen natürlich auch kein Geld mehr. Wir bemühen uns z. B. mit RTL und Sat1 Verträge zu schließen, in denen solche Rechte wie Wieder- holungs- oder Übertragungsrechte beim Autor bleiben.
Hinzu kommt, daß auch die öffentlich-rechtlichen Sender wieder mehr wollen. Es ist immer ein schwieriges Spiel: Auf der einen Seite steht der Autor, der einen bestimmten Auftrag möchte, auf der anderen Seite steht der Produzent, der diesen Autor möchte. Ist der Autor berühmt ist der Produzent oder Sender auch bereit nachzugeben.

Haben es junge, unbekanntere Autoren schwerer?

Ja, auf jeden Fall. Junge, unbekanntere Autoren haben auf der einen Seite zwar heute mehr Möglichkeiten, weil es mehr Sender, mehr Sendeplätze und unendlich viele Serien gibt. Aber für diese Autoren sind sehr schwierig bestimmte Vertragsstandarts zu sichern. Diese Autoren müssen oft ihr Werk verkaufen oder gehören zu einem Stamm von Autoren, die alle nach den gleichen Bedingungen arbeiten. Wenn wir versuchen bestimmte Rechte für einen unserer Autoren zu sichern ist das sehr schwierig.

Obwohl die Nachfrage an Autoren wächst hat der Nachwuchs schlechtere Chancen?

Das kann man so nicht sagen. Es werden immer mehr Autoren gebraucht und die Gesamtausgaben der Sender für Drehbücher und ihre Autoren ist bestimmt angestiegen. Aber die Sender versuchen trotzdem die Preise zu drücken. Für bestimmte Autoren, die erfolgreiche Filme geschrieben haben gilt das natürlich nicht. Aber, die Quote bestimmt den Erfolg, nicht etwa die Kritik. In diesem Sinne weniger erfolgreiche Autoren haben es heute schwerer. Wenn eine Entwicklung, wie die des Privatfernsehens, so wahnsinnig schnell geht, gilt Quantität vor Qualität. Es werden viele Sachen sehr schnell gemacht, vor allem die Serien und es wird weniger Zeit für eine lange, begleitende Drehbuchentwicklung aufgewandt. Bei Pro7 und RTL2 gibt es aber auch schon Versuche, Drehbücher systematischer zu bearbeiten.

Verbessert sich dadurch die Qualität der Drehbücher?

Es gibt immer mehr Autoren, aber dadurch wächst ja nicht automatisch die Zahl der professionellen Autoren, die Talent und Erfahrung haben. Es gibt immer neue, auch begabte Autoren. Zur Zeit kommt ein Drehbuchlehrbuch nach dem anderen auf den Markt und jede Lizenz aus Amerika, die zu haben ist wird von einem deutschen Verlag aufgekauft. Es ist auch ganz gut, daß das amerikanische Modell in Deutschland Schule macht und nicht länger so getan wird, als fiele diese Begabung vom Himmel. Aber die Entwicklung »Auch sie können Drehbuch schreiben« hat natürlich auch damit zu tun, daß es mehr Sendeplätze zu füllen gibt. Ein Serienautor muß nicht so viel können.

Wie sehen Sie Frankfurt als Filmstadt?

Frankfurt ist nun mal keine Produzentenstadt, das hat historische Gründe und es wird sicher noch eine ganze Weile dauern bis sich das ändert. Die meisten Produktionen sitzen in Berlin und die größte Zahl unserer Drehbuchautoren leben auch in Berlin. Aber es gibt ja Telefon, Fax und Post und wir reisen sehr viel, um die Kontakte zu pflegen. Und Frankfurt liegt gut in der Mitte. Es ist erreichbar für die Münchner, die Hamburger und die Berliner. Frankfurt im Film ist noch ein bißchen unentdeckt, noch nicht so verbraucht. Es hat ein paar schöne Beispiele gegeben, wie »Happy Birthday Türke« von Doris Dörrie oder »Echte Kerle« von Rolf Silber, beides unsere Vertragswerke, in denen sich Frankfurt als Filmstadt durchaus bewährt hat. Wir würden uns wünschen, daß Frankfurt sich in dieser Hinsicht weiter entwickelt.

Wie beurteilen Sie den aktuellen deutschen Film?

Er ist entwicklungsfähig. Der Glaube an den deutschen Film gründet sehr auf dem Genre der Komödie - bei allem anderen ist man sehr vorsichtig. Das hat angefangen mit Doris Dörrie »Männer«, viele flotte Beziehungskomödien folgten und die Entwicklung hat sich noch nicht davon erholt. Die Komödien haben die Zuschauer wieder in die Kinos gebracht, aber wirkliche Überraschungen hat es dabei nicht mehr gegeben. Wir sind gespannt darauf, was der deutsche Film noch kann. Es gibt ja vielversprechende Ausnahmen, wie z. B. »Drachenfutter« und »Auf Wiedersehen Amerika« von Jan Schütte. Und wir haben natürlich einige vielversprechende Drehbücher von unseren Autoren.

Was müßte sich Ihrer Meinung nach ändern?

Der Blick muß Weggehen von den deutschen WGs und ihren Beziehungsgeschichten. Es gibt auch noch etwas anderes, als Leute zwischen 20 und 40, die auf Partnersuche sind. Es gibt andere Menschen, andere Milieus. Das hat nichts mit dem Genre zu tun, es müssen andere Themen in den Blick kommen. Außerdem sind viele Verleiher und Produzenten nicht mutig genug. Es gibt Ausnahmen, wie z. B. der „Totmacher“, der von Warner Brother im Verleih war. Für seine Verhältnisse hat der Film sehr viele Zuschauer gehabt. Trotzdem hat der Film seine Kosten gerade so wieder eingespielt. Bei einem Film wie »Werner das muß kesseln« können Verleiher sicher sein, daß sie Millionen Zuschauer bekommen. Für einen Film wie »Jenseits der Stille«, der jetzt ebenfalls die Millionengrenze passiert hat, ist das schon ein ganz großer Erfolg, mit dem niemand vorher gerechnet hatte. Da sich durch die Komödien der Anteil des Deutschen Films am Kuchen der Zuschauer vergrößert hat, wird der Trend leider anhalten. Die schwierigeren und interessanten Filme werden auf Festivals und im Fernsehen zu sehen sein, die großen Renner bleiben Komödien.

Welchen Anteil haben die Zuschauer daran?

Ich glaube es ist ein Vorurteil, daß der deutsche Zuschauer nur Komödien will. Aber, die Zuschauer reagieren eben auf Attribute wie »Ein bezaubernder Film« oder »Eine schöne, leichte Geschichte«. Wenn man einen schwierigeren oder stilleren Film machen will, kann man nicht damit rechnen, Millionen von Zuschauern anzusprechen. Der Zuschauer geht doch normalerweise zur Unterhaltung ins Kino. Und deshalb gehen leichtere Filme eben leichter.

Das Interview führte Petra Schleinig mit Christiane Bornemann (33), Germanistin und Mitarbeiterin der Film, TV & Radioabteilung.

Kategorie: Interview

Schlagworte: Drehbuch, Institution

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