GRIP 16

01.03.1997

Neu auf der hessischen roten Liste: Das Filmstudium in Kassel und Offenbach

Von Helmut Herbst

Ganz oben auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten, die zur Zeit noch die hessische Filmlandschaft beleben, stehen nun die praxisorientierten Filmausbildungen in 16 Kassel und Offenbach. Mit ihrem Aussterben ist - wenn nichts Entscheidendes geschieht - etwa für das Jahr 2000 zu rechnen.

Wie ist das möglich - ist nicht der Kurzfilm eines Kasseler Studenten soeben für den OSKAR nominiert worden?

Sind nicht bereits 1990 die Brüder Lauenstein für den Fachbereich 23 der Gesamthochschule Kassel (GhK) mit einem Kurzfilm- OSKAR ausgezeichnet worden? Haben die Kasseler für einen Dokumentarfilm nicht gerade den hessischen Hochschulfilmpreis erhalten, dazu Bundesfilmpreise und - Prämien, die Offenbacher hessische Filmpreise in den Sparten Spielfilm und Kurzfilm? Wurden nicht überall auf hessischen, nationalen und internationalen Festivals immer wieder Filme aus Kassel und Offenbach mit Preisen bedacht - z. B. in Oberhausen zwei Filme der Hochschule für Gestaltung Offenbach mit dem Preis der deutschen Filmkritik?

Das Paradoxon lässt sich durch eine genauere Betrachtung der Situation an den beiden Hochschulen auflösen.

Hat eine Filmausbildung einmal eine gewisse Qualität erreicht, wird sie sich - vor allem im Interesse der Studierenden - »nach außen« orientieren und im Wettbewerb mit anderen Ausbildungsstätten und Filmproduktionen bestehen wollen. Ihr Ziel ist die objektive Evaluation der geleisteten Arbeit durch die Teilnahme von Studentenfilmen an internationalen Wettbewerben und der Anschluss der Ausbildung an die Praxis. Demgegenüber argumentieren die Fachbereiche, in denen die Filmausbildungen in Kassel wie in Offenbach angesiedelt sind, hochschul- bzw. fachbereichszentriert »nach innen«. In der Hierarchie dieser Argumentation rangieren Effizienz und Nutzen für die Studenten wie auch die Bedeutung der Filmausbildungen für die Entwicklung der Region weit hinter dem Ideal des internen Interessenausgleichs.

Je mehr nun der Druck von außen durch immer knapper bemessene Mittel für Investitionen und Lehraufträge zunimmt, umso intensiver betont man das Ideal des Interessenausgleichs unter den Kollegen und begründet damit eine nivellierende Verteilung der Mittel. Die Unversehrtheit und das Weiterfunktionieren des eigenen Hochschulkörpers wird oberstes Gebot. Einigeln! heißt die Parole. Ausbrechen wird bestraft. Diese lähmende Verteilungsmentalität lässt für die vom Ministerium für die kommenden Jahre angekündigten Global- Haushalte, zumindest bei den kleineren Hochschulen, das Schlimmste befürchten.

Weil der Grund für die Bedrohung der Filmausbildungen in Kassel und Offenbach in diesem tiefgreifenden Interessenskonflikt mit den Fachbereichen liegt, lautet auch hier wie dort der Tenor der Kritik: Warum bloß musstet ihr euch auch hier bei uns mit euren, den Rahmen unserer Fachbereiche sprengenden kleinen Filmhochschulen einnisten? So war das nicht geplant. Wir dachten damals eher an so eine Art Service für die Grafik-Designer.

An der HfG Offenbach hat man, um die Filmausbildung »im Rahmen« zu halten, schon seit einigen Jahren die Mittel für Investitionen und Lehraufträge drastisch eingeschränkt und eine für den Film vorgesehene entlastende BAT 2-Stelle »umdisponiert«. Trotzdem ist es durch Eigeninitiative der Studenten, mit der Hilfe von Sonder- und Drittmitteln und einer direkten Intervention der Hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst bisher gelungen, die Lehre im ursprünglichen Umfang aufrechtzuerhalten. Die HfG hat jetzt aber angekündigt, dass sie die von mir angebotene breitgefächerte Ausbildung nach meiner Pensionierung nicht fortführen wird, da keine zusätzlichen Stellen geschaffen werden könnten. Der Fachbereich Visuelle Kommunikation der HfG plädiert für eine zukünftige Ausrichtung auf den »künstlerischen Film« (was immer das auch heißen mag), weil der nicht so viel kostet, für die Studenten weniger attraktiv ist und mit geringstem apparativen und personellen Aufwand, z. B. mit Substandard-Video anstelle der 35mm-, Super16- und 16mm- Kameras, -Projektoren, -Schneidetische, der optischen Bank, der teuren Computer, des eigenen Filmlabors und ohne teure Gastdozenten wie Thomas Mauch, Jan Schütte, Jochen Brunow etc., gepflegt werden kann. In Kassel, wo Prof. Manfred Vosz ein Jahr nach mir pensioniert wird, argumentiert man ähnlich.

Was, zum Teufel, habt ihr überhaupt mit euren Filmausbildungen in den Fachbereichen der sich immer stärker als Kunsthochschulen definierenden Ausbildungsstätten in Kassel und Offenbach zu suchen? Diese häufig gestellte Frage ist sicher aus der Entstehungsgeschichte der Filmklassen aus dem Autorenbegriff der 60iger und 70iger Jahre heraus zu beantworten. Entscheidend ist aber die Tatsache, dass die Anbindung an die Fachbereiche »Visuelle Kommunikation« uns mit einem Nachwuchs an hochbegabten Studenten versorgt, der sich von den typischen Studenten der Filmhochschulen, mit denen wir im Wettbewerb stehen, durch eine größere Nähe zum Künstlerischen und zum Handwerklichen auszeichnet. Nicht zuletzt darauf beruhen die Erfolge der Kasseler und Offenbacher Filmstudenten, von denen viele zu Beginn ihres Studiums noch nicht wussten, dass sie einmal Film studieren würden. Zudem kann ein Student, bei dem sich nach den ersten Jahren herausstellt, dass er doch nicht über die erforderliche Begabung verfügt, relativ leicht sein Studium z. B. als Grafik-Designer beenden. Insofern hat die Bemerkung eines Offenbacher Kollegen, der Film sei das Krebsgeschwür des Fachbereichs, eine gewisse Plausibilität, und sie erklärt auch ein wenig die emotionale Aggressivität einiger Kollegen.

Alle in den Hochschulkampfsportarten Geübten wissen natürlich, dass sich die negative Energie eines Angriffs mit der Hilfe eines eleganten Hüftschwunges in positive Energie verwandeln lässt. Nach der Devise »es gibt nichts Uninteressanteres als der reine Jammer« haben Prof. Manfred Vosz, Prof. Paul Driessen und ich zusammen mit Kollegen anderer hessischer Hochschulen einen Plan entwickelt, wie wir uns in einem landesweiten Zusammenschluss als Filmausbildung neu definieren können. Darüber wird demnächst zu reden sein. Von den hessischen Filmschaffenden erbitten wir für dieses Unternehmen im voraus Eure Unterstützung.

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Nachwuchs

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