GRIP 16

01.03.1997

Hat sich da gerade was bewegt? Hessenbezogene filmpolitische Betrachtung

Von Thomas Frickel

Da beißt die Maus kein Perforationsloch ab; die Entwicklung der Rhein-Main-Region zum Medienstandort wurde - zumindest, was die Filmproduktion anbelangt - schon vor fünfzehn Jahren verschlafen. Sicher, die »förderale« Kleinstaaterei mit ihrem Standortwettlauf zwischen Köln, Hamburg, München und Berlin ist fragwürdiger, aber wer gar nicht mitläuft, ist erst recht angeschmiert.

Noch in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hätte Hessen die Möglichkeit gehabt, Versäumtes nachzuholen. Doch das damals von professionellen Regisseuren und Produzenten innerhalb des Hessischen Filmbüros entwickelte Konzept einer wirtschaftlichen Filmförderung schlummert bis heute in den Schubladen der zuständigen Ministerien. Mir ist nicht bekannt, daß ein maßgeblicher Politiker es überhaupt zur Kenntnis genommen hätte. Und die aus dem Filmbüro heraus geborene Idee eines Filmhauses für Frankfurt als gemeinsames Dach aller film- und medienpolitischen Aktivitäten der Region? Ach, schweigen wir davon. Mit einem durchsetzungsfähigen politischen Visionär, einem Hilmar Hoffmann, an der richtigen Stelle - ja, dann... Aber statt dessen: weit und breit politische Handwerker.

Naja. Nicht nur. Christine Hohmann-Dennhardt, Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, interessiert sich immerhin für den Film. Das zeichnet sie bereits gegenüber ihrer Vorgängerin aus, der Hessens Dokumentaristen 1993 aus Anlaß der Filmpreisverleihung ein Armutszeugnis aushändigen mußten. Frau Hohmann-Dennhardt hingegen ging die Filmpolitik mit neuem Elan an: mit neuen Richtlinien wurde ein erster wichtiger Schritt getan, die kulturelle Filmförderung ein Stück näher an die Produktionswirklichkeit des kulturellen Filmschaffens im Lande heranzuführen. Und wie sieht die aus? Eine Handvoll größerer Fernsehauftragsproduzenten, die zum Teil wirtschaftlich mit den Sendern verflochten sind. Nicht mal eine Handvoll ernstzunehmender unabhängiger Spielfilmproduktionen, die aber einen Teil ihrer Projekte aus fördertechnischen Gründen in anderen Bundesländern abwickeln müssen. Immerhin eine größere Zahl von Dokumentarfilmproduktionen, die über ihre Arbeit auch bundesweit Geltung erlangt haben. Und dann das große kreative Reservoir des Kurzfilms, sei es mit dokumentarischen, fiktionalen, experimentellen oder - nach mehreren Preisen gar nicht mehr übersehbar - tricktechnischen Ansätzen. In Projektförderung und Filmpreisvergabe an diesem vorhandenen Potential anzuknüpfen und dabei die kulturellen Aspekte der Filmförderung in Hessen zu bewahren war eine gute und richtige Entscheidung. Jetzt wäre zu überlegen, ob und wie sich Hessens Filmförderung, da der Zug der Großproduktion nun einmal nach Köln, Hamburg oder München abgefahren ist, in den genannten Bereichen des Filmschaffens noch stärker profilieren könnte. Hessen als bundesweit anerkannte Pflegestätte des Dokumentarfilms? Kassel und Frankfurt als Hochburgen des Animationsfilmschaffens mit Schnittstellen zum Werbefilm? Warum eigentlich nicht?

Kultur und Wirtschaft stehen in solchen Diskussionen übrigens nie kontrovers, vielmehr sind sie unterschiedliche und wechselseitig ergänzende Pole der gleichen Sache. Eines ist freilich sicher: ohne entschiedene politische Willenserklärungen und ohne ein entsprechendes finanzielles Engagement entwickelt sich nichts.

Nicht nur im Vergleich mit den entsprechenden Anstrengungen anderer Bundesländer rangiert Hessens Filmförderung noch immer ziemlich weit hinten (eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Presseerklärung hat die ag dokumentarfilm daher etwas provokant »Hessen spielt Filmförderung« überschrieben). Auch gemessen an den Summen, die mit großer Selbstverständlichkeit für traditionelle Kulturangebote aufgewendet werden, nimmt sich Hessens Filmförderung nach wie vor bescheiden aus. Nicht, daß wir irgendeinem der Staatstheater und Opernhäuser die angestammten öffentlichen Zuschüsse neiden - aber im Jahre 101 der Filmgeschichte wäre es auch hierzulande an der Zeit, den Film als Medium des 20. Jahrhunderts endlich in ein angemessenes Verhältnis zu den »klassischen« Kulturträgern zu setzen.

Daß neuerdings jährlich eine runde Million Mark aus Rundfunkgebühren, die der Landesmedienanstalt zustehen, im Einverständnis mit dem Hessischen Rundfunk zum Zwecke der Filmförderung ausgegeben wird, ist zweifellos ein beachtlicher Schritt nach vorne. Und es verdient Anerkennung, daß in Hessen mit politischer Unterstützung von Staatskanzlei und Kunstministerium die produzentenfreundlichsten Richtlinien aller vergleichbaren Förderungen durchgesetzt werden konnten.

Doch wo, so fragt sich Hessens Filmszene auch nach dem erfolgversprechenden Start der immer noch viel zu niedrig dotierten »HR-Förderung«, bleibt das Engagement des Hessischen Rundfunks jenseits dieser quasi-gesetzlichen Verpflichtung? Warum laufen die mehrfach preisgekrönten Kurzfilme von Bert Schmidt und Dieter Reifarth auf 3-SAT, aber nicht im Hessischen Fernsehen? Warum wird Götz Penners mit dem Hessischen Filmpreis bedachter Dokumentarfilm »Land am Rand« er zeigt den landwirtschaftlichen Strukturwandel in Nordhessen vom kleinen Fernsehspiel des ZDF, nicht aber vom Hessischen Rundfunk gekauft? Warum werden Hessische Produktionen, obwohl sie mit Prädikaten, Filmpreisen, Publikum-strophäen und anderen Auszeichnungen gewürdigt wurden, vom Fernsehsender dieses Bundeslandes so konsequent ignoriert?

Und warum lassen wir, die Filmschaffenden, uns nach wie vor mit dem Alibi einer einzigen Kurzfilmsendung im Jahr abspeisen? Warum fordern wir nicht vehement (und möglichst mit politischer Unterstützung) ein, daß Hessens Fernsehzuschauer endlich auch die mit hessischen Steuermitteln geförderten Filme zu sehen bekommen? Fordern wir ein fest budgetiertes monatliches Fensterprogramm für den unabhängig produzierten Film im Fernsehprogramm Hessen 3! Fordern wir es ohne die hunderttausend kleinlichen inhaltlichen und finanziellen Bedenken, die uns aus manchen (glücklicherweise längst nicht allen) Redaktionsstuben des Senders entgegenschallen. Viele unserer Filme haben sich schließlich längst vor einer weit bedeutenderen und kritischeren Instanz als einer Fernsehredaktion bewährt, bevor sie auf den Redaktionsschreibtischen verstauben: vor dem Publikum nämlich.

Versucht man allerdings, die Frage einer über die HR-Förderung hinausgehenden Verpflichtung für das Filmschaffen der Region anzusprechen, schaltet der empfindsame Riese an der Bertramswiese auf Sendepause. Kein anderer Sender weit und breit ist Ankäufen freier Produktionen gegenüber so verschlossen wie gerade der Hessische Rundfunk; kein anderer Sender hat sich über die letzten Jahre hinweg so hermetisch gegen Vorschläge von außen gesperrt.

Daß eben dieser Hessische Rundfunk neben der sogenannten »HR-Förderung« jetzt auch die kulturelle Filmförderung des Landes unter seine Fittiche nehmen will, muß nicht nur Beobachter der regionalen Film-Szene befremden. Hessische Filmförderung im Bertramshof - auf den ersten Blick eine absurde Idee. Und auf den zweiten Blick auch. Oder? Hat sich da nicht gerade etwas bewegt?

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Filmpolitik, Filmhaus Frankfurt, Filmförderung, TV/Rundfunk

Artikel im PDF aufrufen