GRIP 16

01.03.1997

Hallo Frankfurt, oder prost Kölsch

Von Otmar Hitzelberger

Hey Ernst Z.

In Köln muß man immer viele Kölsch bestellen, weil da nichts drin ist, in den Gläsern. In Frankfurt bestellst du ein Bier und bekommst ein Glas voll Bier. In Köln sind das Reagenzgläser, ich vermute, daß sie in Köln experimentieren, mit dem Bier. In Köln sind sie experimentierfreudiger, könnte eine logische Folgerung sein. Aber halt, im selben Atemzug müßte man ja dann behaupten, daß in Frankfurt nicht experimentiert wird. Eine interessante Theorie, die es gilt, heute noch wissenschaftlich zu belegen. Ich glaube, Frankfurt ist hipp, angesagt, das hat unser Ministerpräsident Eichel gesagt. Nicht ganz so wörtlich... Frankfurt ist jetzt schon in der Kommunikation mit seinen neuen Glasfasern auf dem neusten technologischen Stand. Jetzt frag’ ich mich aber, warum gibt es in Frankfurt dann kein Experimentierbier. Sicher gibt es irgendwelche Studien, die beweisen, daß überhaupt kein Experiment stattfinden muß, um angesagt zu sein. Beim letzten Meeting hat unser Ministerpräsident nichts davon gesagt. Ich muß zu seiner Verteidigung allerdings sagen, daß seine Rede von einem Profi geschrieben wurde, einer der weiß, wie man einen Computer anschaltet. Also dieser Schreiber könnte Kölsch aus Experimentiergläsern getrunken haben. Keiner von unseren Frankfurter Zukunftsforschern hat kapiert, was es heißt, 10 Kölsch auf einmal zu bestellen, jeder Kellner in Köln kennt dieses Syndrom, ein Frankfurter auf der Suche nach Experimenten, und von dieser Sorte Mensch werden in Köln immer mehr angetroffen. Hey Ernst Z., kann es sein, daß ich dich letztens beim Experimentierbier-trinken in Köln gesehen habe? Die Stadt macht ja nicht nur Freude, da gibt es auch eine Menge, natürlich, nämlich Experimentiergeld, für experimentierfreudige Neuentdecker, die Stadt will Visionäre. Zurück zur Stammwürze unseres Ministerpräsidenten, der jetzt dieses Kabel verlegt hat, zusammen mit der Telekom. Wir zeigen unserem Herrn Eichel auf einer SPD-Veranstaltung den Zusammenschnitt mehrerer Videos von Filmfirmen. Beeindruckende Bilder, Teile davon in 3D, Ausschnitte aus bekannten Werbespots, alles in Frankfurt produziert. Ich hatte nicht das Gefühl, daß es hier zu einem Aufschrei oder »Mensch, das alles in Frankfurt produziert« kam, nichts,... gar nichts. Die Rede von Herrn Eichel war korrekt, alles hat gestimmt, der Mann, der sie geschrieben hat, wußte wie man einen Computer einschaltet, sorry, aber vielleicht sollten wir die Rolle einem 12-jährigen zeigen, denn die Kids wissen was abgeht. Wir sind alle noch da, schon allein wegen dem Lokalkolorit und natürlich wegen dem Flughafen. Ich kann mit der stillschweigenden Rede vorlesen leider nichts mehr anfangen. Rumnörgeler, soll er doch gehen, der Hitzelberger, zum Kölsch trinken. Hey Ernst Z., bist du müde, ich bin für einen Workshop, wie du ihn nennst, überlasse ich Dir. Er sollte sich maßgeblich mit der Kölsch-Theorie beschäftigen. Sollte sich unser Ministerpräsident anmelden, sag’ mir Bescheid. Gruß, Euer Otmar

Kategorie: Kommentar (ab GRIP 63)

Schlagworte: Filmpolitik

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