GRIP 16
01.03.1997
Für das Kino + den Film
Von Eva Heldmann
Ich bin Filme- und Kinomacherin in Frankfurt. Da ich in beiden Bereichen Geld brauche und nicht gewillt bin Fernseh-, Werbe- oder Industriefilme zu machen, bin ich also abhängig von der Politik, die in Hessen gemacht wird.
Es wird niemandem leicht gemacht, eine vernünftige Film- oder Kinoarbeit in Hessen zu leisten. Das hängt, so meine ich damit zusammen, daß Film- und Kinokultur von seiten der Politiker nicht wirklich ernst genommen wird.
Die letzten Entwicklungen zeigten das nur allzudeutlich: Die Hessische Filmförderung fing vor 12 Jahren damit an, nicht nur hessische, sondern bundesweit Filme zu fördern. Dieser Start war ausgesprochen lächerlich, da mit wenig Geld Filmemacherinnen und Filmemacher bundesweit mit Minibeträgen gefördert wurden. Das Ergebnis sah dann so aus, das Filmemacherinnen und Filmemacher von hier abwanderten. Statt dessen konnte sich die hessische Filmförderung rühmen, bei über 500 Filmen minimitgefördert zu haben - Herzlichen Glückwunsch!
Elf Jahre später würden die Rahmenrichtlinien der Hessischen Filmförderung, aufgrund von Druck und Einflußnahme der hessischen Kino- und Filmszene, neu verfaßt. Jetzt werden die Jurymitglieder vom Filmbüro und Filmhaus bestimmt und nur noch Filme gefördert, die einen eindeutigen Hessenbezug aufweisen können. Eigentlich meint man doch jetzt, zumal die HR- Filmförderung dazu gekommen ist, aufatmen zu können: Filmkultur kann sich nun auch in Hessen entwickeln, Filme können hier - mit immer noch lächerlich wenig Geld - endlich gemacht werden.
Just in diesem Moment entscheidet das Ministerium zusammen mit dem HR, die Geschäftsstelle der Hessischen Filmförderung aus der Schweitzer Str. 6 in den hr zu versetzen. Kein Mensch befürwortet ein solches Vorhaben, nicht einmal die Mitarbeiter des HR, am allerwenigsten die Filmemacherinnen und Filmemacher, um die es schließlich geht. Die Filmförderung hat bis heute ihren Sitz in einer Bürogemeinschaft mit dem Filmbüro Hessen e. V., der Frankfurter Filmschau, der AG Dokumentarfilm, der AG für Kinokultur, und einem Archivraum des Filmmuseums. Das Filmmuseum mit dem Kommunalen Kino ist in direkter Nachbarschaft. Es gibt überhaupt keinen Grund, die Hessische Filmförderung aus einem Kontext herauszunehmen, in den sie hineingehört! Die neuerliche Entwicklung ist ausschließlich eine Demonstration der Macht und des Desinteresses an der hessischen Filmkultur. Es macht sicherlich mehr her und ist schicker für den HR und das Ministerium für Wissenschaft und Kunst, in einer Fernsehanstalt zu residieren und zu verkehren, als in einer Bürogemeinschaft, die weniger einen repräsentativen als umso mehr einen filmpolitischen Wert hat und den Interessen der Filmemacher nützlich ist. Was hat eine Kulturelle Filmförderung in einem Fernsehsender zu suchen? - Nichts! Dennoch: der Umzug ist definitiv und steht unmittelbar bevor.
Im Mai beginne ich mit den Dreharbeiten zu meinem nächsten Film, der von der Hessischen Filmförderung und HR-Förderung unterstützt wird. Um mich beraten zu lassen, muß ich nun in den HR gehen. Das soll mir deshalb auch zum Vorteil werden, so sagte man mir, daß ich darüberhinaus Kontakte zum HR knüpfen könne, um Fernsehfilme zu machen. Das wiederum habe ich nun überhaupt nicht vor! Also, was soll ich da? Mein Interesse gilt nicht einer Fernseh-, sondern der Kinokultur. Ich sehe, daß in Frankfurt schon wieder ein Programmkino, das Orfeo, zugemacht hat, daß das Kommunale Kino schon lange um seine Existenz kämpft und daß das Mal Seh’n dahindümpelt und ständig auf- und zumacht. Ich sehe, daß die Innenstadtkinos immer besser besucht werden, daß aber amerikanische Produktionen nach wie vor in den Kinos dominieren. Und ich sehe, daß die Kulturelle Filmförderung entschieden für eine kulturelle Film- und Kinokultur arbeiten muß und in einer Fernsehanstalt nichts zu suchen hat.
Wenn es nicht die Experimentalfilm Initiative in Frankfurt gäbe und das Mal Seh’n, das nach der Renovierung nun endgültig wieder aufmacht und hoffentlich wieder ein gutes Programm zeigt, und wenn es nicht einen neuen Frankfurter Filmverleih (Pegasos) gäbe, dessen Konzept viel verspricht und der auch Interesse am Verleih hessischer Filmproduktionen angemeldet hat, dann würde es sich für mich nicht lohnen, in Frankfurt Filme zu sehen und Filme zu machen.
Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)
Schlagworte: Filmförderung, Filmpolitik
