GRIP 16

01.03.1997

Filmmärchen

Von Nicole Mosleh

In alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, da lebte eine kleine Hexe in einem fernen Jammertal zwischen Rothaargebirge und Spessart. Es hieß dort so, weil immerfort ein Heulen und Wehklagen ging, man verstand schon sein eigenes Wort bald nicht mehr. Und die kleine Hexe, die auch traurig war, beschloß, etwas dagegen zutun und nicht immer, wie nach alter Sitte, bloß mitzugreinen. Und sie ging dorthin, wo man ihr sagte, daß noch Menschen seien, die gleichgesinnt wären. Aber, ach weh! Zuerst mußte sie durch dicke Dornenhecken steigen, in denen sie fast hängengeblieben wäre und als sie endlich die Höfe betreten konnte, sah sie die Pferde und Jagdhunde liegen und schlafen und in den Häusern schliefen sogar die Fliegen an der Wand. Die kleine Hexe wunderte sich nur noch, doch bald schon fand heraus, was geschehen war. Vor langer langer Zeit hatte ein großes Fest stattgefunden und weil die Gastgeber nicht genügend goldene Teller gehabt hatten, luden sie nicht alle einflußreichen Feen ein. Die nicht eingeladenen Feen gingen auf andere Feste nach Berlin, Hamburg und München und scherten sich einen Dr... darum, aber eine, die dann nach Köln feiern ging, war so erbost, daß sie einen Fluch schickte; alles sollte so lange schlafen, bis ein Prinz käme und es wachküßte. Aber das Pech war: die Prinzen feierten auch alle in Berlin, Hamburg, München und Köln und sahen keinen Grund, in das verschlafene Reich zu reisen, um es wachzuküssen. Die kleine Hexe machte sich auf die Suche nach Hilfe. Und sie traf auf eine gute Fee, die nahm sie an die Hand und ging mit ihr alle wachküssen. Aber manche waren schon so alt und verstaubt, die wachten nicht mehr auf. »Macht nichts«, sagte die Fee, die sind schon so oll; lassen wir die weiterschlafen und setzen jüngere, frischere auf ihre Plätze. Und die, die geweckt wurden, vergaßen vor lauter Dankbarkeit, daß sie einst nur angetreten waren, um abzuzocken, und freudig investierten sie ihre Gewinne in das wiederbelebte Filmreich und alles wuchs und blühte. Und auch die verschlafenen Herrscher des kleinen Reiches entdeckten die Gunst der Stunde und setzten all ihre Kräfte ein, das, was in Schult und Asche lag, mit aufzubauen; und die Mitglieder der Diskussionszirkel, die auch langsam aufwachten, lösten ihre eingeschlafenen Versammlungen auf, krempelten die Ärmel hoch und machten sich an die Produktion. Nun konnte die gute Fee den Ort wieder verlassen, doch ehe sie sich auf den Weg machte, versenkte sie die, die immer noch jammerten, schnell in einem Brunnen. Dann entschwebte sie, nicht ohne der kleinen Hexe einen letzten Rat zuzurufen: Wenn der Zauber nich’ wirkt und alle wieder einschlafen, dann geh’ halt woanders hin, Filme machen...

Kategorie: Kommentar (ab GRIP 63)

Schlagworte: Filmpolitik

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