GRIP 16

01.03.1997

Filme, auf die wir warten: »Different for Girls« (GB1996)

Von Peter Claus

Transsexualität kam im Kino bisher, wenn überhaupt, vor allem als »Behinderung« vor, nicht selten als Spielart des Bösen. Ausnahmen wie Andy Warhols Arbeiten mit Holly Woodlawn (zum Beispiel »Women«) bestätigen nur die Regel.

Allein unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kommt der britischen Independentproduktion »Different for Girls«, voraussichtlich ab Mai in den deutschen Kinos, eine besondere Bedeutung zu.

Erzählt wird eine durchschnittliche Liebesgeschichte nach dem Prinzip »boy meets girl«. Der kleine Unterschied: Das girl war noch zwei Jahre zuvor ein Boy. Paul, der Londoner Motorradbote, hat aller Anziehung zum Trotz Probleme damit zu akzeptieren, daß Kim eine »richtige« Frau ist. Genug Konfliktstoff für ein ausgewachsenes Drama. Aber Autor Tony Marchant, durch Theaterstücke bekannt geworden, der bisher allein TV-erfahrene Regisseur Richard Spence und Produzent John Chapman, ein BBC-Mann, haben sich mit dieser Konstellation, nicht frei von volkshochschulhafter Belehrsamkeit, klugerweise nicht begnügt. Dramaturgisch äußerst geschickt stürzen sie das Paar in soziale Auseinandersetzungen, die den Charakteren eine gehörige Portion Entwicklung abverlangen. Der 34jährige Paul nämlich muß endlich erwachsen werden und aus der Lausbubenvergangenheit entsteigen, Kim muß begreifen, daß ihr Leben als Karl keineswegs Nichts war und alles andere als vergessen, verdrängt gehört. Dies in den Mittelpunkt stellend, gelingt dem Film, der in seinem Ton an »Beautiful Thing« erinnert, allerdings weniger romantisiert, eine völlig selbstverständliche Darstellung von Trans-sexualität fern aller Klischees, auch bar jeder Sentimentalität, die jenen Filmen wie »Mein wunderbarer Waschsalon«, die deutlich Pate standen, eine gewisse, zuckersüße Weltentrücktheit gaben.

Rupert Graves (Paul) und Steven Mackintosh (Kim) entsprechen dem mitunter geradezu nüchternen Erzählstil mit einer differenzierten, von Understatement geprägten Spielweise. Da gibt es kein Anbiedern an das Publikum, keinen Seelenstriptease, keine Bitte-habt-mich-lieb- Attitüde, was der Emotionalität ungemein dienlich ist.

Kategorie: Rezensionen (Bücher und Film bzw. GRIP Kritik)

Schlagworte: Spielfilm

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