GRIP 16
01.03.1997
Ein Blick von Innen: Fangen wir also wieder an unsere Wunsche zu äußern!
Von Für das Filmbüro Hessen: Uschi Madeisky, Malte Rauch, Natascha Gikas
In den letzten beiden Jahren standen die Aktivitäten des Hessischen Filmbüros ganz im Zeichen der hessischen Filmförderung. Nachdem die neuen Richtlinien für die Hessische Filmförderung und die hr-Förderung verabschiedet worden sind (Zur Erinnerung: neben der kulturellen Filmförderung durch das Land Hessen, gibt es jetzt eine HR-Förderung aus dem sogenannten Kabelgroschen in Höhe von ca. eine Million Mark) und die ersten Förderungstermine zu aller Zufriedenheit verlaufen sind, ging es in den letzten Monaten um die Frage der Ansiedelung des gemeinsamen Sekretariats. Nun ist die Entscheidung gefallen.
Die Hessische Filmförderung muß aus Kostengründen in den Bertramshof umziehen, genauer gesagt, zur HR-Filmförderung in den Bertramshof. Ob das Filmbüro, dem die Filmförderung angegliedert ist, mit umzieht ist noch ungeklärt. Auf der einen Seite steht die Einbindung in die Gemeinschaft der Schweizerstraße, die als Standort bevorzugt wird; andererseits soll die räumliche Nähe zur Filmförderung erhalten bleiben.
Der HR stellt seinen Anteil in Form von Sachmitteln, d. h. in Form von Räumen und Gerätschaften für beide Filmförderungen zur Verfügung. Daraus ergibt sich ein angeblicher Spareffekt, den das Hessische Ministerium offensichtlich höher bewertet, als den Wunsch des Filmbüros, die organisatorische Unabhängigkeit der Filmförderung zu bewahren - in den bisherigen Räumen in der Schweizer Straße (Zusammen mit der A. G. Dokumentarfilm, dem Bundesverband der Kommunalen Filmarbeit und den anderen Filmorganisationen).
Immerhin ist es bei den zähen und langwierigen Verhandlungen gelungen, die Essenz der Unabhängigkeit der Filmförderung zu erhalten: Die Jurymitglieder zur Vergabe der Förderungsmittel werden weiterhin vom Filmbüro (und gemäß den neuen Richtlinien vom Filmhaus Frankfurt, die Redaktion), also von den Hessischen Filmemacherinnen bestimmt; auch wird die Geschäftsführung vom Filmbüro bestellt.
Allerdings nur noch auf einer 2/3 Stelle! 1/3 der Kosten übernimmt der HR und besteht nun darauf, auch eine 1/3 Geschäftsführerin aus den eigenen Reihen der vom Filmbüro bestimmten 2/3- Geschäftsführerin zur Seite zu stellen!
Vor allem gegen diese Absurdität haben sich die Filmemacher bis zuletzt gewehrt. Sie sehen darin einen Schritt in Richtung einer Vereinnahmung der kulturellen Filmförderung unter die Prestigeansprüche und Nützlichkeitskriterien der Fernseh-Anstalt. Dabei sind sich erfahrene Filmemacherinnen und Kritiker darin einig, daß gerade jetzt die Öffentlich-Rechtlichen in ihrem hilflosen Nacheifern der Privaten und der dadurch bedingten zunehmenden Substanzlosigkeit, aber auch in ihrem Geschwindigkeits- und Sparkult ein kritisches, weil unabhängiges Gegenüber besonders nötig hätten. (Zwei Wochen Drehzeit beispielsweise und eine Woche Schnittzeit für anspruchsvolle 45 Minutenfilme haben den Bankrott dieser TV-Filmkultur bereits einzuläuten begonnen. )
Andererseits läßt die bisherige personelle Besetzung des Fördergremiums durch den hr die Befürchtung vorerst als unbegründet erscheinen und gibt im Gegenteil Anlaß zu Hoffnung auf einen fruchtbaren Dialog. Auch Redakteure und Mitarbeiter innerhalb der Anstalt erhoffen sich, (so hört man hinter vorgehaltener Hand) Ermutigungen und Bereicherung durch nähere Kontakte zu unabhängigen FilmemacherInnen, Leuten also, die nicht in die hierachischen, oft vordemokratischen, ja zuweilen kafkaesken Entscheidungsstrukturen des Senders eingebunden sind.
Nehmen wir die Gelegenheit einer einstweiligen Lösung wahr, um uns an die eigene Nase zu fassen: haben wir uns all die Jahre nicht zu ausschließlich für die Filmförderung interessiert und dadurch Vorstand und Geschäftsführung im Gerangel mit der Bürokratie verschlissen? Besinnen wir uns wieder mehr auf kommunikative Aufgaben.
Angetreten ist das Filmbüro als eine politische Interessensvertretung der Filmemacherinnen in Hessen. Wir können versuchen, unsere Filme gemeinsam zu vermarkten und dadurch die ökonomische Basis und die Unabhängigkeit jedes Einzelnen zu stärken. Wir können einen Austausch von Erfahrungen und eine Vernetzung organisieren, wenn es darum geht, Mittel für unsere Filme aufzutreiben.
Wir können versuchen, uns stärker nach außen hin zu präsentieren. Der Anfang wurde durch die Neuauflage und Überarbeitung der Mitgliederbroschüre gemacht, in der die Tätigkeitsbereiche der einzelnen Mitglieder dargestellt werden. Wir können den Versuch starten, Redakteurinnen verstärkt in unsere Arbeit und Diskussion einzubinden, - auch aus anderen Ländern. Zum Beispiel geben einige Redaktionen des britischen Senders Channel 4 jedes Jahr Erfahrungsberichte an interessierte Filmemacherinnen heraus, welche Filme sie aus welchen Gründen angenommen und gesendet haben, wie sie damit und warum (un)zufrieden waren und welche Vorstellungen und Kriterien sie für die kommenden Programme haben So etwas, wie auch andere Formen der Zusammenarbeit könnte die Situation beider Seiten verbessern, z. B. wenn dadurch der leichtfertige bis brutale Ideenklau abgestellt würde, d. h. die kostenlose und oft arrogante »Abschöpfung« der Arbeit der Filmemacher, die ein Projekt bei Fernsehredaktionen eingereicht haben, nie wieder etwas hören, »Ihren« Film dann aber plötzlich (von anderen gemacht) im Fernsehen entdecken...
Vor allem aber soll der Austausch untereinander vorangetrieben werden. Wichtig ist eine Verknüpfung der verschiedenen Bereiche innerhalb der Filmszene von der Produktion (sowohl experimenteller Filme über Dokumentar- und Spielfilm) über den Verleih bis hin zu Abspielmöglichkeiten.
Fangen wir also wieder an, unsere Wünsche zu äußern, auszutauschen und versuchen wir wieder verstärkt, sie gemeinsam zu realisieren
P.S. Was uns die französischen Kollegen im Moment an Einfallsreichtum und Initiative gegen die rassistische Politik in Europa vormachen, Chapeau! und... à suivre!
Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)
Schlagworte: Institution, Filmförderung, TV/Rundfunk, Filmpolitik
