GRIP 16
01.03.1997
Ein Blick von außen - Filmland Hessen
Von von Elfriede Schmitt, Nordrhein-Westfälin/Ex-Hamburgerin
Auf die Bitte, als im »Filmschlaraffenland« NRW Ansässige etwas über das Filmland Hessen zu schreiben, war viel zu schnell die Zusage gegeben; denn als es dann zum Schwur kommt und der Abgabetermin für den Text naht, sitze ich vor meinem Computer und starre auf den auch nach zwei Tagen noch leeren Bildschirm! Filmland Hessen löst leider keine Masse von Assoziationen aus, von Filmen oder ähnlichem. Auch eine Kurzumfrage in meiner Umgebung, die, weil NRW ja auch ein Flächenstaat, ist immerhin auch den Direktor der Duisburger Filmwoche Werner Ruzicka erreicht, ändert daran nur wenig.
llerdings kommt mir nach längerem Nachdenken doch noch der rettende Gedanke: Meine beste Freundin in Köln ist Hessin und... Michael Wiedemann. Der Geschäftsführer des Filmbüros NW ist als gebürtiger Hesse einer der wenigen mir bekannten Garanten eines hessischen Film»landes«. Und von Wiedemann ist es nicht weit bis zu einem der Geheimtips des letzten Kinojahres, dem Film »Land am Rand« des Hessen Götz Penner. Da dieser Film ein Dokumentarfilm ist, hat er es noch nicht geschafft bis an die Spitze der 1996er Filmhitliste vorzudringen, hat aber sein spezielles Publikum, Bauern, die jahrelang nicht mehr im Kino waren, zum oft mehrmaligen Besuch veranlaßt. Im manch einem Kino lief der Film mehr als drei Monate und er bekam schließlich verdient den Hessischen Filmpreis 1996. Und das Stichwort Dokumentarfilm darf im Zusammenhang mit dem Filmland Hessen natürlich nicht fallen, ohne die AG Dok, den Lobbyverband der Dokumentarfilmer in Frankfurt, sowie die quasi-Vorzeigedokumentaristen Hannes Karnick und Wolfgang Richter zu nennen.
Ja, und natürlich hat Hessen als eines der bundesdeutschen A-Länder auch eine Filmförderung. Diese begann, wie in allen anderen Bundesländern, mit einer Ausrichtung aufs kulturelle, und so entstand zum Beispiel der bundesfilmpreisgekrönte Film »Das höchste Gut einer Frau ist ihr Schweigen« von Gertrud Pinkus. Produziert wurde dieser Film von Jürgen Karg, der bis vor zwei Jahren das Sekretarist der Hessischen Filmförderung leitete. Dem allgemeinen Trend folgend, machte man sich aber auch in Hessen daran, der kulturellen Filmförderung eine sogenannte wirtschaftlich ausgerichtete Förderung beizugeben.
Wobei in Hessen wirtschaftlich eigentlich fast gleichzeitig Fernsehen bedeutet. Nicht etwa, daß der Hessische Rundfunk unter den ARD-Anstalten so gewichtig wäre und vielleicht ähnlich wie bei der Filmstiftung NRW, die dem HR zugedachten Gelder der Filmförderung zufließen, nein, das Modell funktioniert hier umgekehrt: Der HR sitzt, ohne eigene Mittel in die Förderung zu stecken, auf jeden Fall mit in dem Gremium der Filmförderung. Das Ganze nennt man dann Medienpolitik!
Ja, aber zurück zu den Bildern: Beim Filmland Hessen hat man eher Fernsehbilder aus den diversen Serien (»Mein Gott, Herr Pfarrer«) usw. vor Augen als Kinobilder. Das mag an der Nähe zu HR, ZDF und SAT 1 liegen. Obwohl, wie so oft, auch hier die Ausnahme die Regel bestätigt. Im Kinojahr 1996 waren unter den ersten zehn Filmen gleich zwei, die aus Hessen kommen: »Abbuzze-Der Badesalz Film« vom in Hessen bekannten Komikerduo Badesalz und »Echte Kerle« von dem Frankfurter Regisseur Rolf Silber. Ein weiterer Film aus dem Hessenland, mit dem denkwürdigen Titel »Alles nur Tarnung« von dem als Drehbuchautor bekannten Peter Zingler, schielte auf die Kinokasse, fiel aber beim Publikum durch. Produziert wurde der Film von Daniel Zuta, inzwischen gar international arriviert - und in Frankfurt ansässig. Dort hat auch eine der Stützen des Deutschen Kinos ihren Sitz: der Pandora Film-Verleih von Karl - Baumi - Baumgärtner und Reinhard Brundig. Und nicht zu vergessen das Frankfurter Filmhaus, das mit seinen Seminaren immer wieder für Aufmerksamkeit sorgt; neben dem ordentlichen Angebot zur Vertiefung des Handwerks wagt es immer wieder einen Blick über den hessischen Tellerrand mit Veranstaltungen zur europäischen Medienpolitik, zu filmästhetischen Fragen und zur politischen Dimension umstrittener Dokumentarfilme der vergangenen Jahre (»Der Stau«, »Beruf Neonazi« etc. ).
Also, wenn man lange genug drüber nachdenkt, fällt einem zum Filmland Hessen dann doch etwas ein, nicht eben viel - aber immerhin.
Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)
Schlagworte: Filmförderung, TV/Rundfunk, Filmkultur, Filmproduktion, Filmpolitik
