GRIP 16
01.03.1997
Besser als der Ruf. Bestandsaufnahme einer Medienregion
Von Dieter Brockmeyer
Obwohl Frankfurt oder Wiesbaden bei Leibe nicht mehr als Medienstandort, etwa im Vergleich zu München oder Köln, gelten kann, fällt es einem schwer, doch die Vielzahl teilweise recht bedeutender Filminstitutionen oder -Firmen aufzuführen. Das vorweggenommene Fazit dieses Artikels muß also lauten: Wir sind besser, als unser Ruf. Aber sieht man sich die 6 Geschichte der letzten zehn Jahre an, merkt man auch, die Felle schwimmen immer mehr davon. Es heißt handeln, will man nicht auch die letzten Reste einer hessischen Infrastruktur verlieren. Im Moment erlebt der klassische deutsche Kinofilm eine bislang nie erhoffte Renaissance. Im bescheidenen Rahmen könnten auch Krümel für unsere Region abfallen, allein wer die hiesige Medienpolitik kennt, wird wenig Hoffnung darauf setzen.
Trotz allem: Noch immer existiert hier eine filmwirtschaftliche Infrastruktur, die sich teilweise erst in den letzten fünf Jahren entwickelt hat, bedenkt man etwa, daß Frankfurt sich inzwischen zu einem wahren Zentrum der Postproduktion geworden hat. Kai Stolpe, für die Nachbearbeitung zuständiger Produzent bei der Werbeagentur J. W. Thompson, sieht das sehr pragmatisch: »Wir sind doch faul«, sagt er, »Wir wollen nicht weit gehen. « Das gibt der Standortentscheidung von VCC recht, die seit letztem November ihre Frankfurter Zelte genau neben der neuen Thompson-Zentrale an der Hanauer Landstraße aufgeschlagen haben. Das Postproduktionsunternehmen mit Stammsitz in Hamburg hat inzwischen Töchter in allen Medienzentren dieses Landes, jetzt also auch in der Mainmetropole. Das zeigt allerdings auch, was hier der Motor ist: die Werbewirtschaft.
Der Initiator der positiven Entwicklung der Rhein/ Main-Region in diesem Geschäftsfeld, »Das Werk«, hat vor allem die Dynamik, die die Werbefilmproduktion mit dem Erfolg des privaten Rundfunks und die damit dramatische Ausweitung der Sendezeit für die kleinen Werbebotschaften erzeugt hat, verstanden, für das eigene Gedeihen zu nutzen. Inzwischen sind die Werker allerdings auch in anderen Bereichen erfolgreich tätig und streuen selbst Ableger in andere Teile der Republik. Der Grund ist ganz einfach: Für die Produktion von Kinofilmen ist man an der Isar sicherlich besser aufgehoben, als am Main. Und andere Produktionsbereiche lassen sich an der Alster besser abdecken. Andere tun es ihnen nach, wie etwa das junge Unternehmen »panta rhei«, das seit knapp zwei Jahren auf dem Gelände der Filmstadt Potsdam-Babelsberg versucht, Fuß zu fassen. Der Film lockt, auch wenn die alte UFA Heimstadt noch weit entfernt ist von altem Ruhm - die Möglichkeiten des wiedererwachenden Medienzentrums entfalten ihre Sogwirkung.
Auch in der klassischen Filmproduktion muß man sich überlegen, welchem »Kunden«-Kreis man Tribut zollen will. Die »Frankfurter Filmproduktion« etwa hat nur noch ihr Büro am Main, produziert wird zumeist andernorts, da, wo die Finanzspritzen üppig und das Umfeld filmfreundlicher ist. Andere setzen ihre Schwerpunkte in einer anderen Richtung. »Auch wenn man eigentlich gar nicht mehr von einem Medienstandort sprechen kann, ist das für uns aber immer noch ein Thema«, sagt Cineteam-Gründer Axel Schulz. »Wir müssen uns an dem orientieren, was wir hier vorfinden - und das sind die Werbeagenturen. « Und das Unternehmen fährt offensichtlich gut damit. Zusammen mit den Partnerfirmen, dem Postproduzenten »TVT« und dem Tonstudio »basement audio« beansprucht man eine immer größere Fläche auf Lurzers altem Fabrikgelände in der Hamburger Allee. Den Kinofilm findet man in Frankfurt eigentlich nur noch in Form der großen Verleihfirmen, wie »Pandora«, »UIP« und »2Oth Century Fox Germany«, die hier noch ihren Sitz haben.
Wiesbaden the beautifull Aber auch in der Nachbarschaft gedeiht die Produktionswirtschaft im bescheidenen Rahmen, der unter den gegebenen Umständen möglich ist. Das traditionelle Haus »Bibo TV« in Bad Homburg konnte mit der Pinocchio-Postproduktion einen großen Erfolg für ihr Bildbearbeitungssystem Toccata verbuchen, auch wenn die Spielfilmaktivitäten des Familienunternehmens größtenteils nach Berlin ausgelagert sind. Das alles ist aber nichts zu der Ballung filmpolitischer Interessen in Wiesbaden. Die »Taunus Film« ist inzwischen wieder ein Begriff außerhalb dieser Region, auch in den neuen prosperierenden Zentren Berlin, Köln und München. Auf dem Gelände Unter den Eichen existiert nicht nur ein gut ausgestattetes Kopierwerk, auch sonst hat sich dort ein richtiges Medienzentrum mit allen Dienstleistungsangeboten rund um den Film etabliert. Besonders muß sicherlich der Fachbereich »Medienwirtschaft« hervorgehoben werden, der auf dem Gelände seine Heimat gefunden hat.
Auch in Wiesbaden sollen die Interessen der Branche gebündelt werden, wobei man sich am Vorbild des Filmhauses Frankfurt orientiert. Dabei hofft man sicherlich auf die Kraft, die die in Wiesbaden ansässigen »Spitzenorganisationen der Filmwirtschaft«, allen voran die »SPIO« (die ihre Funktion schon in ihrem Titel hat) für das Standortimage bedeuten kann. Aber genauso haben der »Hauptverband Deutscher Filmtheater«, der »Bundesverband Deutscher Film- und AV-Produzenten« oder der »Verband der Filmverleiher« ihre Briefkästen in der hessischen Landeshauptstadt. Genauso wenig darf vergessen werden, daß auch die »Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft«, FSK, ihre Bannsprüche von dort wirken läßt.
Freilich, wie schon eingangs erwähnt, die Filmwirtschaft in der Rhein/Main-Region ist trotz aller Probleme noch immer sehr vielfältig. Der hier gegebene Überblick kann nur ein unvollständiger sein. Trotzdem sei auch die publizistische Vielfalt an Fachpublikationen erwähnt, die in der Region ihren Sitz haben. Sei es »Horizont«, die wöchentliche Werbefachzeitung aus dem Deutschen Fachverlag oder die bedeutenden Medienpublikationen des »Evangelischen Pressedienstes, epd«. Bei diesem eher medienwirtschaftlich ausgerichteten Rundumschlag, sind die Institutionen des öffentlich-rechtlichen, wie des privaten Rundfunks genauso zu kurz gekommen, wie die vielfältigen filmkulturellen Einrichtungen. Die »Friedrich-Wilhelm Murnau Stiftung« in Wiesbaden gehört unter anderem genauso dazu, wie das »Filmmuseum« mit dem »Archiv des Deutschen Instituts für Filmkunde«, DIF, in Frankfurt. Dort ist das Bangen ob der klammen Kasse der Bankenstadt, die immer weniger Geld für die Kultur übrig haben will, um die Existenz noch immer latent. Doch das wäre ein ganz anderes Thema.
Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)
Schlagworte: Wirtschaftsförderung, Filmproduktion, Filmkultur, Filmpolitik
