GRIP 16
01.03.1997
»Afrikanisches Kino« oder Blickerweiterung für die eigene Wahrnehmung
Von Bettina Nebel
Wir haben das Kino nicht erfunden - überhaupt traut man uns nicht zu, irgend etwas jemals erfunden zu haben, wir werden unterhalten, ausgehalten, ausgenommen... Doch gibt es eine Zeit des Leidens, eine Zeit des Nachdenkens und eine Zeit, die Wahrheit zu sagen. «
In seinem Prolog zum Film »Les bicots nègres vos voisins«, der der Textsammlung »Afrikanisches Kino« vorangestellt ist, macht Med Hondo (1973) eine lakonische Bestandsaufnahme der Bedingungen, denen sich afrikanische Filmemacherinnen bis heute gegenübersehen, weil sie die Film- und Fernsehlandschaft in den 54 Staaten, die mit Afrika geographisch umfaßt sind, wesentlich mitgeprägt haben. Ohne Sentimentalität und mit Nachdruck verweist der Text neben anderen auf das renitente Potential, das allen Widrigkeiten zum Trotz oder gerade deshalb ein engagiertes Kino in Afrika hat entstehen lassen. Filme vom afrikanischen Kontinent, denen es zudem noch gelingt, sich Gehör zu verschaffen, treffen auch hierzulande auf ein wachsendes Publikumsinteresse. Das zeigen nicht zuletzt die immer zahlreicher werdenden Festivals, die dem afrikanischen Film ein Forum geben, wie auch Africa Alive in Frankfurt, das sich seit drei Jahren im Kommunalen Kino etabliert hat.
Mit »Afrikanisches Kino« (Hrg.: Marie-Hélène Gutberlet / Hans-Peter Metzler) ist nun beim Horlemann-Verlag eine eigenständige Publikation erschienen, in der Autoren/Autorinnen und Texte zu dem vielseitigen Thema erstmals in deutscher Sprache vorgestellt werden.
Zu Wort kommen neben afrikanische Filmemacherinnen, die uns Einblick in ihr Filmschaffen geben, auch Kritikerinnen und Essayisten, die ihre jeweils spezifische Sichtweise darlegen, und somit die vielen Facetten einer möglichen Auseinandersetzung mit dem afrikanischen Kino aufzeigen, die eine vorschnelle Einordnung und eindimensionalen Definition nicht zulassen. Zusammengenommen ergeben die Beiträge ein »Netzwerk an Zugängen«, die behilflich sein können, uns afrikanische Filme näherzubringen, und die Kluft zwischen den unterschiedlichen, kulturell bedingten Blickperspektiven zu verringern.
Der Vielstimmigkeit entsprechend wechselt auch der Tonfall der einzelnen Texte. Er ist mal humorvoll, mal ironisch oder auch wütend und bissig aber vor allen Dingen nicht gleichgültig.
Mit »Schlüsseltexten« aus der Geschichte wird in der Anthologie jenes Film schaffen fokussiert, das sich unmittelbar nach den Unabhängigkeitsbewegungen in den sechziger Jahren entwickelte. Dieses Kino der »großen Brüder« wie Ousmane Sembène (Senegal) steht für ein politisch engagiertes Kino im Zuge der Dekolonisierung.
Régine Fanta Nacro (Burkina Faso) vertritt die junge Generation von afrikanischen Filmemacherinnen. In einem Interview erzählt sie von den alltäglichen Schwierigkeiten ihres Metiers. Diese ergeben sich vor allem aus den eigentümlichen Erwartungshaltungen, die ihr als afrikanische Filmemacherin entgegengebracht werden, und aus der Notwendigkeit, Geldmittel für ihre filmischen Projekte im europäischen Ausland auftreiben zu müssen. Filmemachen bedeutet für sie also zwangsläufig, sich in unterschiedlichen Kulturkreisen bewegen und dazwischen eine ständige Vermittlungsarbeit leisten zu müssen.
Ein weiterer Themenschwerpunkt sind die mangelhaften Produktions-, Verleih- und Vertriebsstrukturen vor Ort, die bislang maßgeblich dazu beigetragen haben, daß der afrikanische Film »ein Fremder auf dem eigenen Kontinent« geblieben ist, und sowohl auf den Leinwänden und als auch auf den TV-Bildschirmen ausländische Filme vorherrschen.
Für Filme wie Yeelen (Mali, 1987) von Souleymane Cissé, die nach anderen Lesarten verlangen, da sie sich unseren herkömmlichen Bewertungskriterien entziehen, werden Wege der Annäherung nachvollzogen, die die im Filmtext »verborgenen Geschichten« decouvrieren helfen. In diesem Zusammenhang wird auch die Bedeutung von mündlicher Tradition und Oralität für die Formen und Inhalte des afrikanischen Kinos, ebenso wie Einfluß der mündlichen Überlieferung auf die filmischen Erzählweisen diskutiert. Obgleich das Vermächtnis der »großen Wissenshüter«, die das »lebende Gedächtnis Afrikas« noch bewahren, in den Filmen nicht bloß zur Niederschrift kommt, sondern die Geschichten vielmehr in eine komplexe Handlung eingear-beit werden, »die sich gegen die repressiven Kräfte der Tradition auflehnt« (Amadou Hampaté Bä).
In der amerikanisch-europäischen afrikanischen Diaspora, steht oft die »imaginäre Wiederentdeckung Afrikas« als anhaltende kreative Macht im Vordergrund, da ein direkter Zugang zur Vergangenheit abgeschnitten wurde, wie es der Medien- und Kulturkritiker Stuart Hall für die karibische Kultur ausführt. Innerhalb der so entstehenden Repräsentationspraktiken können daher eigene Identitätskonzeptionen entwickelt und der dominierenden visuellen Repräsentation des Westens entgegengesetzt werden.
Ebenso war der soziale Dokumentarfilm in Afrika anfangs angetreten, um den Kampf gegen die »falschen Bilder« im traditionellen westlichen Kino wie auch im ethnographischen Film aufzunehmen. Bei der Umsetzung wurde hier zwar auf die verschiedenen filmischen Traditionslinien, beispielsweise den italienischen Neorealismus zurückgegriffen, die jedoch mit den eigenen Codes durchsetzt und somit zergliedert wurden. Durch ein Gemisch aus Filmstilen sind in der Folge phantasievolle Darstellungsmethoden entstanden, deren Gegenstand dennoch real bleibt. Dies wird anhand der beiden Filme »Afrique, je te plumerai« von Jean-Marie Teno (Kamerun, 1992) und »Allah Tantou« von David Achkar (Guinea, 1991) dargestellt.
Die aufgeführten Aspekte werden außerdem durch Beträge ergänzt, die weitere Bausteine für ein Verständnis des afrikanischen Kinos zusammentragen, um schließlich in einer radikalen Infragestellung unserer bisherigen Vorstellungen von Ästhetik zu münden.
Die letzten Seiten werden noch von einem umfangreichen Anhang gefüllt, in dem man Festival-, Verleih- und Internet-Adressen, Informationsdienste, eine Bibliografie und Filmografie findet.
Die Auseinandersetzung mit dem afrikanischen Kino gibt darüber hinaus immer wieder den Anstoß das eigene Verständnis von Kino zu überdenken, da es bei allen Blickrichtungen auch darum geht, »sich selbst zu sehen«, wie der Filmwissenschaftler Richard Dyer es in seinem Essay formuliert.
»Afrikanisches Kino«
Hrg.: Marie-Hélène Gutberlet, Hans-Peter Metzle Horlemann-Verlag
Kategorie: Rezensionen (Bücher und Film bzw. GRIP Kritik)
Schlagworte: Filmtheorie/Filmwissenschaft, Spielfilm, Filmemacher*in
