GRIP 16

01.03.1997

12 Jahre Filmförderung in Hessen - Ein Wendepunkt

Von Maria Wismeth

Ergebnisse, Work in Progress, Perspektiven - was wurde in diesen 12 Jahren gefördert und wie geht es weiter mit der Filmförderung? Der Umzug der Geschäftsstelle in Räume des Hessischen Rundfunks als Folge der 1996 neu eingerichteten Hessischen Rundfunk Filmförderung ist ohne Zweifel ein markanter Einschnitt in der Geschichte der Hessischen Filmförderung. Lange Zeit äußerst kontrovers diskutiert, findet er nun in absehbarer Zeit statt. Der Vertrag zwischen Filmbüro Hessen e. V., Ministerium für Wissenschaft und Kunst und Hessischem Rundfunk ist in der Unterzeichnungsphase.

Innerhalb der Filmszene selbst reichten die Erwartungen bezüglich dieser Entwicklung von der Angst vom HR »geschluckt« zu werden, die Unabhängigkeit der Förderung (gewährleistet durch unabhängige Jurys und eine von den Geldgebern unabhängige Geschäftsstelle) zugunsten von Programminteressen des Fernsehens einzubüßen, bis zu der Hoffnung, durch den Umzug, den hr zu »knacken«, seine hermetische Produktionsweise aufzuweichen (»werch ein Illtum«/Ernst Jandl).

Unbeeindruckt von dieser Diskussion haben die politischen Machtverhältnisse gesprochen. Befürchtungen und Hoffnungen werden in der konkreten Arbeit auf dem Prüfstein stehen. Veränderungen bringen neue Möglichkeiten. Die permanente Reflexion der Verhältnisse und ihrer Erfordernisse und Möglichkeiten müssen Teil eines Diskurses innerhalb der Filmszene sein, um zu positiven Entwicklungen zu führen. Zunächst ist ein Probelauf von 1 1/2 Jahren geplant. Auf jeden Fall kann man schon jetzt soviel sagen, daß die Hessische Rundfunk Filmförderung in ihren beiden ersten Jury-Sitzungen der hessischen Filmproduktion und dem Programm des Hessischen Rundfunks wichtige Impulse geben konnte. Gefördert wurden Spiel- und Dokumentar- und Kurzfilme sowie Drehbücher, die einem anspruchsvollen Fernsehprogramm zugute kommen, als auch Projekte, die formal mutig und inhaltlich innovativ sind.

Erste Ergebnisse werden im Laufe dieses Jahres zu sehen sein. In den Richtlinien ist sinnvollerweise eine Zusammenarbeit der Jury der Hessischen Landesförderung mit der Jury der Hessische Rundfunkfilmförderung projektiert. Dies wurde auch schon in die Tat umgesetzt. Verschiedene Projekte wurden von beiden Fördergremien ergänzend gefördert, so daß ansehnliche Beträge zusammenkamen. Die projektierte Zusammenarbeit mit der Jury der Landesförderung fand ihre Grenzen bis jetzt bei den geringen Mitteln, die nach wie vor von Seiten des Landes Hessen zu Verfügung stehen. Für 1997 steht u. U. eine ca. 10 %ige Kürzung ins Haus. Kein Ausblick auf eine stabile Landesförderung, die für eine kontinuierliche Entwicklung der Filmkultur in Hessen notwendig ist? Solche Maßnahmen befördern nicht das gerade begonnene, produktive Zusammenwirken der beiden Fördergremien.

Kulturelle Filmförderung ist: Förderung von Nachwuchs, von Innovationen formaler und inhaltlicher Art, von schrägen Geschichten und kritischen Auseinandersetzungen mit Gesellschaft und Geschichte, des »anderen Blicks«. Sie erfordert Mut zum Risiko aber auch einen Sinn für das Machbare. Sie bringt Bewegung in die Kultur und verläßt die sicheren Trampelpfade. Auf der anderen Seite muß sie sich bewußt sein, daß bei den hohen Summen, die bei Filmproduktionen involviert sind, das Spiel seine Grenzen hat, das heißt, der Blick auf ein mögliches Publikum in Kino oder Fernsehen ist Imperativ. Es ist leicht nachzuvollziehen, daß es sich hierbei um einen Drahtseilakt handelt. Wie wichtig hier die oft vernachlässigte Verleih- und Abspielförderung ist brauche ich eigentlich nicht zu betonen (tue es aber trotzdem - selbstverständlich ist das immer noch nicht).

Was also wurde in diesem Sinne gefördert, in den letzten 12 Jahren? Wer sich davon ein Bild machen will, hatte hierzu vom 13. bis zum 16. März 1997 im Kino im Deutschen Filmmuseum Gelegenheit. Die Geschäftsstelle der Hessischen Filmförderung veranstaltete zusammen mit der Frankfurter Filmschau einen Rückblick auf 12 Jahre Kulturelle Filmförderung at its best. Diese Auswahl zeigte das Profil der Kulturellen Filmförderung und ihre Wirkungsweise in beispielhafter Form: Alle diese Filme haben eins gemeinsam, sie fanden ihr Publikum im Kino, im Fernsehen und anderen Abspielstellen. Sie sind Beispiele für lebendige Kinokultur auf hohem Niveau mit Mut zum inhaltlichen und formalen Risiko. Einige gehören inzwischen zum Repertoire oder haben Kult-Charakter.

Step Across the Border erhielt 1990 den Hessischen Filmpreis. Die Regisseure Nicolas Humbert und Werner Penzel erzählen mit großem visuellen Talent den »state of the art« des modernen Avantgarde-Jazz: ein Film über die Musiker-Szene rund um den den Gitarrenvirtuosen Fred Frith und die sinfonischen Zusammenhänge zwischen Schnellbahnen, Stürmen, Bonbontüten und elektrischen Gitarren. In Wilhelm Orlopps produktionsgefördertem Film? What's Your Name! verdichten sich die Geräusche ägyptischer Wasserpumpen zu einem Gewirr von Tönen, Halbtönen und Gekratze. Urs Breitenstein setzt Bilder und Töne einer Baustelle auf der Zeil, Frankfurts größter Einkaufsstraße, in ein strukturelles und rhythmisches Verhältnis zueinander: je schneller der Rhythmus und die Folge der Bilder, desto ohrenbetäubender die Geräusche. Urs Breitensteins« Zeil-Film« tourte 1989/90 mit anderen Filmen in einem vertriebsgeförderten Programm mit Frankfurter Avantgardefilmen durch die BRD.

Der Etat der Hessischen Filmförderung reicht bei Weitem nicht für eine umfassende Förderung von Spielfilmen aus.

Schlammbeißer von Charly Weller ist mit einer kleinen Summe verleihgefördert worden. Der in der Frankfurter Halbwelt spielende no-budget Film wurde vom Sputnik-Filmverleih bundesweit in die Kinos gebracht. Kurzspielfilme wie z. B. »Immer hart davor« von Birgit Lehmann oder »Bunkerlow« von Martin Kirchberger konnten von der Hessischen Filmförderung produktionsgefördert werden.

In einem Doublefeature präsentierten wir die Dokumentarfilme »Was würde Jesus dazu sagen? « von Hannes Karnick und Wolfgang Richter und »Überleben im Terror« von Marita Barthel-Rösing und Wilhelm Rösing. Beide Filme setzen sich mit deutscher Geschichte während der Nazizeit auseinander: »Was würde Jesus dazu sagen? « porträtiert den protestantischen Pfarrer Martin Niemöller, der einerseits deutsch-national gedacht hat und andererseits die durchaus widersprüchliche »bekennende Kirche« mitbegründete. In »Überleben im Terror« schildert Ernst Federn den Terror der Nazis an den Gefangenen im KZ, aber auch den Terror der Gefangenen untereinander. Beide Filme erhielten die Auszeichnung »Film des Monats« von der Jury der evangelischen Filmarbeit. Die Filme wurden von der Hessischen Filmförderung vertriebsgefördert und werden von den Regisseuren im Eigenverleih an Kinos und nicht gewerbliche Abspielorte verliehen.

Ganz besonders sei noch auf zwei Filme im Programm hingewiesen: »Taiga«, BRD 1991/92 von Ulrike Ottinger und »Die Büchse« der Pandora von G. W. Pabst aus dem Jahr 1928. Beide Filme erhielten Verleihförderung. Taiga ist ein achtstündiger, ethnographischer Film, der eine Reise zu den Yak- und Rentiernomaden im nördlichen Teil der Mongolei beschreibt.

Die abschließende Diskussion hatte zum Ziel, die Schwierigkeiten, aber auch die verschiedenen Möglichkeiten für Filmemacher und Filmemacherinnen im bundesdeutschen Kulturbetrieb unter die Lupe zu nehmen und dabei auch die Rolle der Filmförderung zu reflektieren.

(Zu der Veranstaltung folgt im nächsten Heft ein ausführlicher Bericht, d. Red. )

Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)

Schlagworte: Filmförderung, Filmpolitik, Kulturförderung, Filmkultur, Auszeichnung

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