GRIP 13

01.11.1995

Man muß halt zocken

In nicht einmal 1 1/2 Jahren hat sich die Firma „Silver Haze“ in Frankfurt zu schon mehr als einem Geheimtip für 3D-Animationen gemausert. Eine mehr als ungewöhnliche Geschichte.

Von Dieter Brockmeyer

Mühsam ist der Aufstieg. Wer aber endlich die 4. Etage des alten Industriebaus in der Hanauer Landstraße erklommen hat, kann sich gleich hinter der Tür der Firma „Silver Haze“ auf ein breites Doppelbett fallen lassen. Keine Irritation bitte, Firmengründer Andreas Röhrl lebt bislang mitten in seiner Firma. Wohnung und Arbeitsplätze verteilen sich in einem riesigen, offenen Raum von 480 m2. „Um das auszuhalten, muß man ein Freak sein“, charakterisiert Röhrl sich selbst. „Man hat so gut wie keine Ruhe, denn die Letzten gehen um halb zwei und die Ersten kommen schon wieder um 10. “ So teilte er die letzten 1 1/2 Jahre seines Lebens mit seinem Hund Pong und den inzwischen acht festen Mitarbeitern.

Mit Videoclips für den Frankfurter Star DJ Sven Väth oder Yello hat Silver Haze sich in sehr kurzer Zeit einen Namen gemacht. Inzwischen ist auch die Werbung auf die kreative Bilderschmiede aufmerksam geworden. Die Rechner, ohne die die ganze Kreativität der Silver Hazer für die Katz wäre, stehen in Reih und Glied im hinteren Raumteil. Vor allem die SGI-Rechner bilden das Rückgrat des Unternehmens, mit einem Stückpreis von immerhin 200.000, - Mark. Darin noch nicht eingerechnet sind die Software-Lizenzen, die pro Rechner nochmal mit 20 oder 30.000 Mark zu Buche schlagen.

Doch mit dem richtigen Operator lohnt sich der Aufwand. Domenique Schuchmann, im Team für die Hintergründe und virtuellen Räume zuständig, läßt eine freie Arbeit auf dem Bildschirm erscheinen. Ein langer Gang, an dessen Ende ein eigenartiges Wesen sich zuckend bewegt, und an den Wänden eigenartige Reflexe erzeugt. Es ist schon erstaunlich, was man mit digitaler Animation bereits jetzt alles machen kann. „Der Trend geht auch beim klassischen Cartoon immer stärker zur digitalen Animation“, erklärt Walter Volbers. Er muß es wissen, kommt er doch aus der klassischen Animation und ist erst vor wenigen Jahren auf die neue Technik umgeschwenkt. „Disney hat zuerst die Hintergründe digital animiert, dann die Nebenfiguren, und bei dem neuen Film werden auch die Hauptfiguren in den Rechnern entstehen. “ Es ist erstaunlich, was Volbers an seiner Workstation erreichen kann. Wenn er etwa einen Hasen über den Bildschirm hüpfen läßt, dann wackelt er ganz natürlich mit den Ohren, und die Mimik strahlt echte Persönlichkeit aus.

„Die Arbeit mit diesen Programmen ist, wie etwas mit Lego bauen, also wenn sie erst einmal wissen, wie es geht, ist es ganz einfach“, ist sich Schuchmann sicher. Zuerst wird ein Gittergerüst erstellt, das dann mit den gewünschten Texturen belegt werden muß. Der Animateur legt die Schlüsselbilder fest, den restlichen Bewegungsablauf errechnet der Computer alleine. Das freilich braucht seine Zeit. 12 Minuten Rechenzeit gesteht man bei Silver Haze pro Bild in einer Videosequenz zu. „Alles andere ist zu aufwendig“, erklärt Schuchmann, „wir müssen uns also mit Details doch etwas einschränken. “

Das „Rendern“, also das Berechnen der Bilder, sorgt auch bei Röhrl für einiges Kopfzerbrechen. „Wenn wir eine Sequenz rendern, ist immer gleich ein ganzer Rechner auf Stunden belegt“ bedauert er. Von daher ist es das nächste Ziel, sich einen sogenannten „render-slave“ anzuschaffen, einen besonders leistungsfähigen Rechner, der im Hintergrund arbeitet. An den anderen Rechnern kann derweil weitergearbeitet werden. Wieder eine enorme Investition für die noch junge Firma. „Man muß halt zocken“, lautet die Devise Röhrls, der von sich behauptet, immer gute Preise ausgehandelt zu haben. Das freilich könnte die Devise des ganzen Menschen sein, das Zocken. Denn mit Design hat er von Hause aus nichts zu tun. Er war Zimmermann, bis ihn eine Augenkrankheit zwang, den Beruf zu wechseln. Die Kontakte zur Musikszene hatte er durch eine andere Arbeit. Für vier Jahre war er Light-Jockey im Dorian Gray. „Dann packte ihn das Interesse an der 3D-Animation, zuerst durch ein simples CAD-Programm. Es ist genial, was sich damit alles machen läßt, findest Du nicht? “ Von daher versteht er sich auch mehr als ein 3D-Addict, den die Leidenschaft für das neue Medium gepackt hat. Sieht man das Glänzen in seinen Augen, man nimmt es ihm ab. So ganz allmählich zog es ihn dann immer schneller in die virtuelle Bilderwelt.

Zuerst produzierte er einen simplen Trailer für Sven Väth in einem anderen Studio. Als Väth begeistert von der ersten Arbeit auch seinen Clip mit Röhrl produzieren wollte, kam der erste Rechner. Als dann Yello durch den neuen Stil, den man für Väth prägte, auf ihn aufmerksam wurde und für das Projekt „Hands on Yellow“ gar zwei Clips parallel entstehen sollten, war die zweite Maschine fällig. Inzwischen arbeitet Silver Haze auch für die Werbung. Wer die Cremedose in dem Oil of Olaz Spot sieht, kann eigentlich gar nicht glauben, daß sie komplett im Rechner gemodelt wurde: Werbung bringt natürlich wesentlich mehr Geld. Die reizvolleren Sachen sind freilich die Clips. Da kann man viel abgefahrenere Sachen machen.“

Bei einem sind sich freilich alle einig. Am Ende der kreativen Entwicklung sieht man sich noch lange nicht. Special effects für Spielfilme, das ist es, was man irgendwann einmal machen will. Daß das auch gelingt, ist durchaus wahrscheinlich, hat Silver Haze doch auf der letzten Siggraph, dem Messemekka für alle digitalen Bilderfreaks, den ersten Platz bei dem Image Quest, an dem die weltbesten Designer teilnehmen gewonnen. Röhrl glaubt, das Geheimnis zu diesem Erfolg zu kennen: „wir haben immer so gearbeitet, wie beim echten Film. Das heißt, wir haben Experten für Hintergründe, Charaktere und für Effekte. Die meisten wollen alles alleine machen. Das kann gar nicht gut gehen. So stehen am Anfang auch ganz klassisch Papier und Bleistift. Damit werden Storyboard, Charaktere und Hintergründe entworfen. Erst wenn das alles steht, geht die Arbeit am Computer los. “ Der bunte Haufen um Röhrl erscheint in der Tat sehr motiviert. Da arbeitet die Animatorin aus San Franciso neben einem Ungarn und der Techno-Freak neben einem, der sicherlich mehr auf klassischen Rock steht. Jeder kommt und geht, wann er will. Jeder darf bei Entscheidungen mitreden. „Wir repräsentieren, glaube ich, ein Unternehmen neueren Typs“, so Röhrl.

Allerdings: ganz so abgefahren kommt Silver Haze in Zukunft nicht mehr daher. Nach 1 1/2 Jahren nur für die Firma hat Röhrl sein Privatleben wiederentdeckt. Die neue Freundin will er dem Chaos auf der kreativen Etage nicht aussetzen. „Das hält keiner auf Dauer aus. “ So wird in Zukunft dort nur noch gearbeitet. Das hat Silver Haze dann immerhin mit einer ganz normalen Firma gemeinsam. Auch sonst scheint der Weg der kreativen Pioniere vorgezeichnet. Röhrl jedenfalls ist sicher: „Die Arbeit für 3D-Animation wird in nächster Zeit enorm zunehmen.“

Kategorie: Firmenportrait (GRIP FACE)

Schlagworte: Animation, Filmproduktion

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