GRIP 13

01.11.1995

Der Industrie- und Wirtschaftsfilm im Medienverleih

Von Detlef Ruffert

Industrie- und Wirtschaftsfilme stellen im Medienverleih völlig zu Unrecht ein Randthema dar. Das Filmabspiel, vor allem Pädagogik und Kultur, nähern sich diesen Filmen meistens mit spitzen Fingern, stehen sie doch im Verdacht, Werbung für Industrieunternehmen oder Produkte subtil verpackt zu transportieren. Dabei handelt es sich bei Industrie- und Wirtschaftsfilmen um Spielfilme, Dokumentar- und Kurzfilme, die aus der Wirtschaft stammen, Teil der Öffentlichkeitsarbeit und Informationsvermittlung eines Unternehmens sind.

Die Landesfilmdienste, gegründet in der Nachkriegszeit unter den Gesichtspunkten von Re-education und Demokratisierung, entwickelten erst Mitte/ Ende der fünfziger Jahre eine Beziehung zu dem Industrie- und Wirtschaftsfilm. Zu dieser Zeit wurde wichtig, daß ein Medienverleih umfassend Angebote aus unterschiedlichen Bereichen, also auch aus der Wirtschaft, umfassen sollte.

Wirtschaft und Industrie andererseits suchten in der Zeit des beginnenden und immer stärker werdenden Wirtschaftswunders auch nach Möglichkeiten, die produzierten Medien zu vertreiben. So kam es, daß die Filme von den Unternehmen und Betrieben sowie ihren Zusammenschlüssen auf verbandlicher Ebene über die Landesfilmdienste vertrieben wurden. Für den Verleih wurde ein Filmgenre entdeckt, das zu Unrecht im Verleih abseits stand. Die Landesfilmdienste entwickelten sich nun zu einem bundesweit arbeiteten Verleihsystem für Industrie- und Wirtschaftsfilme. Dies hat den Landesfilmdiensten bis heute viel Kritik eingebracht, werden sie wegen des umfangreichen thematischen Angebotes häufig auch als „filmische Gemischtwarenläden“ bezeichnet.

Andererseits fand der Industrie- und Wirtschaftsfilm durch die Landesfilmdienste erst Möglichkeiten eines bundesweiten Distributionssystems neben dem Verleih, der betriebsintern zur Verfügung stand. Industrie- und Wirtschaftsfilmklassiker, die auch heute aus einer medienpädagogischen Arbeit nicht wegzudenken sind, fanden so den Zugang in die Öffentlichkeit. Ein Paradebeispiel dafür ist der von Bert Haanstra gedrehte Film „Glas“, eine Industriefilmproduktion, die in hervorragender Weise die Arbeitsabläufe in der Glasindustrie, der Glasbläserei zeigt, verbunden mit einer taktgenau geschnittenen Filmmusik.

Ende der fünfziger Jahre spaltete sich von den Landesfilmdiensten das Deutsche Filmzentrum ab, ein Verleiher für Wirtschaftsfilme, so daß es in diesem Bereich fortan zwei konkurrierende Verleihsysteme gab.

Die Pädagogik, vor allen Dingen die Jugendarbeit und außerschulische Jugendbildung, belächelte häufig das Angebot von Industrie und Wirtschaftsfilmen bei den Landesfilmdiensten. Stärker waren und sind die Medien im schulischen Bereich gefragt. Es zeigt sich, daß die Filme aktuell wissenschaftliche Fragestellungen bearbeiteten, über neue Produktionsformen und Berufe informierten usw. Die offiziellen Unterrichtsfilme zumeist unter dem Signum des FWU, des Instituts Filme, Wissenschaft und Unterricht vertrieben, hinkten gewaltig hinterher. Außerdem war und ist die Machart der Filme aktueller, angepaßter, moderner.

So ergibt sich erst heute die Situation, daß die staatlichen und kommunalen Bildstellen auf der Suche nach medialer Allzuständigkeit ihre pädagogischen Skrupel gegenüber dem Industrie- und Wirtschaftsfilm fallen gelassen haben und bereitwillig die Regale des Verleihs öffnen.

Aber auch die Cineasten und die Fans der Leinwand kamen beim Industrie- und Wirtschaftsfilm nicht zu kurz. Das Material, auf dem die Filme transportiert wurden, war vorwiegend das 16-mm-Format. So ist der Industrie- und Wirtschaftsfilm bis in die jüngste Zeit ein Sachwalter für die Interessen des transparenten Trägermaterials.

Das ist erst jetzt anders geworden. Der Industrie- und Wirtschaftsfilm wird praktisch nur noch über die Videokassette verbreitet. Das mag man aus cineastischer Sicht zwar bedauern, aber zu Recht orientierte sich der Industrie- und Wirtschaftsfilm immer schon an neuen Techniken, auch im Verleih. Außerdem so die Einstellung, gibt es wiederum technische Möglichkeiten, wie beispielsweise den Video-Beamer, um eine fast perfekte Filmvorführung zu präsentieren und schließlich erreicht der Industrie- und Wirtschaftsfilm nicht mehr ein Kinomassenpublikum sondern eher die kleine Gruppe, die sich am Bildschirm versammeln kann.

Rühmliche Ausnahmen in dieser Entwicklung gibt es bei Hessen bei der Firma Hoechst. Jährlich noch finden die grollen Filmmatineen der eigenproduzierten Industrie- und Wirtschaftsfilme statt und zwar in Kinos vor großem Publikum, auf der großen Leinwand und auf dem großen 35-mm-Format.

Das Verleihangebot an Industrie-und Wirtschaftsfilmen beträgt beim Landesfilmdienst Hessen e. V. 851 Titel, das sind 16, 5%. (Siehe Abbildung)

Interessant ist das breite Spektrum der Industrie- und Wirtschaftsfilme, das von der Pharma- bis zur Automobilindustrie, vom Kfz-Handwerk bis zum Gartenbau reicht.

Eine wichtige Rolle spielen die berufsgenossenschaftlichen Filme, die für Arbeitssicherheit und Unfallverhütung werben. Viele aktuelle Stars aus Film und Fernsehen treten in eindrücklichen, witzigen, gut gemachten Filmen auf.

Das Themenspektrum des Industrie-und Wirtschaftsfilms ist vielfältig und umfassend. Wer Bedenken hat, Werbefilme zu sehen, wird diese getrost beiseite schieben können. Werbung im engeren Sinne, also Produktwerbung, findet im Industrie- und Wirtschaftsfilm nicht statt. Es geht vielmehr darum, über die Produktionsmethoden, die Nutzungsmöglichkeiten von Produkten über den Ablauf der einzelnen Produktionsphasen usw. Informationen weiterzugeben. Daß natürlich einen Firmenlogo erscheint, daß natürlich Produkte beschrieben werden, dürfte aber in Zeiten eines gewandelten Medienverständnisses kein Problem mehr sein. In der jüngsten Zeit hat auch das Fernsehen (weil es immer mehr Programm benötigt) die Industrie- und Wirtschaftsfilme entdeckt und sendet in speziellen Beiträgen ausgesuchte Filme.

Den hohen Standard der Industrie-und Wirtschaftsfilme kann man jährlich bei den Industriefilmfestival in Hannover betrachten. Doch leider bleiben Industrie, Wirtschaft und Handel, Verbände und Betriebe mit ihren Verleihern praktisch unter sich. Was ich kürzlich gesehen habe: Da gab es einen ganz interessanten Film des Informationszentrums der Deutschen Elektrizitätswirtschaft mit dem Titel „Antennen zur Sonne“. Da werden die Methoden alternativer Energiegewinnung ausführlich, anschaulich, interessant und spannend dargestellt. Und neugierig machte mich eine Filmankündigung über die neue Anlage in Eisenach, die Opel aufgebaut hat, mit der umweltfreundlichen Autolackiererei. Das war schon ein Dokumentarfilm, wenn auch gegründet auf viel Information. Aber das will der Industrie- und Wirtschaftsfilm ja auch sein, informierend und dabei ein bißchen unterhaltend.

Der Verleih der Filme kostet nichts und das ist auch ein wichtiges Angebot. In Hessen hält der Landesfilmdienst, das Institut für Medienpädagogik und Kommunikation, in den vier Filmotheken in Frankfurt, Fulda, Kassel und Marburg die Filme bereit.

Weitere Auskünfte gibt es unter der Telefon-Nr. 069/65 00 94-0 und Dort kann man auch die aktuelle Übersicht über alle Industrie- und Wirtschaftsfilme im Verleih des Landesfilmdienstes erhalten.

 

Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)

Schlagworte: Werbefilm, Imagefilm

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