GRIP 12

01.09.1995

Zu Gast beim Film-Fest in Oldenburg

Von Bettina Nebel

Fast zeitgleich mit der Biennale eröffneten auch die Oldenburger Filmfestspiele ihre Kinosäle. Im Norden gaben sich ein Teil der „Kino-Halbwelt“, die nicht nach Venedig geladen war, zwar ein weniger glamouröses Stell-dich-ein. Dafür bot dieses Publikumsfestival, allen voran natürlich den Oldenburgern, die Gelegenheit zu sehen, daß nicht nur das Kino ist, was gemeinhin im Kino läuft. Außerdem war es für viele die Möglichkeit, sich mit einem Hauch von Festival-Flair zu umgeben, oder auch dieses und jenes aus Film und Fernsehen bekannte Gesicht live und aus der Nähe zu betrachten, ohne die lange und teure Reise in den Süden antreten zu müssen.

Das noch junge Festival wurde erst im letzten Jahr, im ca. 150.000 Einwohner zählenden Oldenburg, von zwei langjährigen Freunden und Kinoliebhabem aus der Taufe gehoben, und die haben, aller anfänglichen Skepsis und Zurückhaltung von offizieller Seite zum Trotz, Beachtliches auf die Beine gestellt. Es gelang ihnen, in Zeiten zunehmender Schrumpfung in den Kulturetats, die nötigen finanziellen Mittel aufzutreiben. Neben der zähen Akquisition eines umfangreichen Kultursponsorings, konnten die beiden zudem Gelder aus dem Topf der niedersächsischen Filmförderung locker machen und somit einen Großteil der Finanzierung sichern bzw. in diesem Jahr sogar steigern, da die Festival-Konzeption aufging und sich bereits im Vorjahr bewährt hatte.

Auf die Idee für ein Festival unter eigener Regie kamen Torsten Neumann und Thorsten Ritter durch das Schreiben von Filmkritiken und Besuche, die sie quer durch die dichte Festivallandschaft Deutschlands unternommen haben, von wo sie die unterschiedlichen Anregungen zur Organisation und Erfahrungen der jeweiligen Festivalveranstalter aufgriffen und mitnahmen, um sie dann in neuer Kombination und mit dem passendem Zuschnitt in die Konzeption des Oldenburger Filmfests einfließen zu lassen.

Zum Konzept erklärten die Organisatoren, daß sie das Oldenburger Publikum an die kleinen, unentdeckten und doch sehenswerten Filme heranführen wollen, die meist nicht den regulären Weg in die deutschen Kinos finden und dadurch das Spektrum der Kinolandschaft in Niedersachsen vergrößern helfen. Weiter sollte den in- und ausländischen Filmemachern ein Forum für den persönlichen Austausch geboten und darüber hinaus die Gelegenheit gegeben werden, um sich und ihre Arbeit den deutschen Verleihfirmen präsentieren zu können. Als wichtiger Festivalbestandteil waren Diskussionen im direkten Anschluß an die Filmevorführungen geplant und allabendliche Gesprächsrunden, in denen sich die zahlreich geladenen Gäste, darunter auch viele Schauspieler und Drehbuchautoren, dem interessierten Publikum aus ihrer Perspektive darstellen und die Bedingungen und Hintergründiges ihrer Arbeit begreifbarer machen konnten.

Die persönliche Färbung des Filmfests wurde insbesondere bei der Filmauswahl und der Gestaltung der einzelnen Filmreihen deutlich, die dem, wenn auch dem etwas abseits vom Mainstream gelegenen amerikanischen Kino, einen großen Platz einräumte und zudem das Unterhaltungskino mit Action, Thrillern und Komödien favorisierte.

Deshalb schien einer der Programmschwerpunkte - die Internationale Reihe - eher eine Hilfskonstruktion zu sein, weil sich darunter in erster Linie deutsche Komödien neben amerikanischen Produktionen reihten. Unter Umständen kann man das Argument der Veranstalter gelten lassen, daß sie dem deutschen Film kein Sonderstatus zubilligen wollten, sondern er sich gleichberechtigt mit internationalen Produktionen dem Publikum stellen sollte. Den zweiten Schwerpunkt bildete die, abgesehen von einem deutschen Beitrag, amerikanischen besetzte Independent-Reihe. Dieses großstädtisch ausgerichtete Programm war mit am interessantesten und bot die größte Aussicht auf unerwartete Entdeckungen. Ein guter Tip, der sich, wie aus den Zuschauerzahlen ersichtlich wurde, bereits herumgesprochen haben mußte, war „Rhythm Thief“ (USA 1994) von Matthew Harrison, da die Unabhängigkeit der Produktion auch ihren Niederschlag in dem eigenwilligen Stoff und Stil des Streifens fand. Ein Gegengewicht zur erkennbaren Schieflage des Programms lieferte die Reihe Spotlight Japan, die die visuell innovativsten Einfälle im Zuge der Digitalisierung von Kinobildern beisteuerte.

Besonders erfreulich war es, daß viele junge Regisseurinnen mit ihrer Arbeit vertreten und auch persönlich zugegen waren. Das Portrait war ebenfalls einer Frau gewidmet - Katt Shea - der es im Low-budget- und B-Picture-Bereich trotz harter Produktionsvorgaben bisher gelungen ist, eigene Akzente zu setzen.

Weiter standen eine Retrospektive zu Ehren des Erfinders der Muppets - Frank Oz - auf dem Programm und auch zu dem 100jährigen Jubiläum des Kinos hatten sich die Veranstalter etwas einfallen lassen. Dafür rekonstruierten sie in mühevoller Kleinarbeit verschiedene PR-Gimmicks der 50iger und 60iger Jahre, beispielsweise Geruchskarten für das Odorama-Geruchskino, die neben dem 3 D Effekt als verkaufsförderndes Beiwerk das Kinoerlebnis steigern sollten, durch Reize und Illusionen, die nicht auf die Leinwand begrenzt blieben, um der aufkommenden Konkurrenz des Fernsehens die Stirn zu bieten.

Mit dieser Sonderreihe, die die virtuellen Welten des Kinos vor dem digitalen Zeitalter nachstellen wollte, war es noch immer nicht genug. In einer weiteren Sonderreihe fand der sonst geschmähte und verpönte Allen Smithee mit einer Werkschau Beachtung. Die Filmographie, des 1967 von der Directors Guild of America (DGA) kreierten und abgesegneten Pseudonyms, vereint in sich die Werke verschiedener, unter anderem auch namhafter Regisseure, die sich auf diese Weise im nachhinein von ihrer Arbeit distanzieren konnten, falls sie nachweislich aufgrund der Produktionsbedingungen oder Nachbearbeitung und nicht selbstverschuldet „vermurxt“ worden war.

Insgesamt gesehen konnte das Festival, mit einem, für seine Größenordnung reichhaltigen, originellen, spannendem Angebot vom Kurzfilm bis hin zur Internationalen Kinopremiere und mit einigen Highlights aufwarten, und zusätzlich noch mit allerlei drumherum.

An der großen Publikumsresonanz zeigte sich, bis auf wenige Ausnahmen, daß die Oldenburger recht risikofreudig und offen für Neues sind. Oder vielleicht wußten sie auch einfach, daß sie sich auf die Macher verlassen konnten.

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Festival

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