GRIP 12
01.09.1995
Wie ein gutes Essen...
Der Drehbuchautor Thomas Kirdorf
Von Sabine von Bebenburg
Auf einem ehemaligen Weingut bei Mainz lebt und arbeitet einer der talentiertesten deutschen Komödienautoren. Thomas Kirdorf, Jahrgang 1954, begibt sich häufig in seine alte Wahlheimat Frankfurt, der inspirierenden Atmosphäre wegen, um Freunde zu treffen und zu recherchieren. Fast alle seine Geschichten spielen in Frankfurt.
Wie bist du zum Drehbuchschreiben gekommen?
Ich habe während des Studiums der Literaturwissenschaft schon für Hörfunksender geschrieben und habe dann einen fließenden Übergang gehabt als Autor im Bereich von Unterhaltungstexten, also Sketchen, Szenen,... und habe dann auch mit Hörspielen angefangen. Und wie das so ist, der Hörspieldramaturg geht mit dem Fernsehspieldramaturg mittags essen und er wußte von mir, daß ich Drehbücher schreiben will - das hatte ich schon sehr lange vorge habt -... Dann habe ich diese erste Idee vorgeschlagen, das erste Expose gemacht, „Der neue Mann“ (1989), und das hat ihn überzeugt. Ich hab’ dann das Drehbuch geschrieben und das war gleich ein toller Einstieg, weil es ein großer Erfolg war...
Das war eine HR-Produktion...
Ja... Und das war nicht nur von der Kritik und von der Einschaltquote sehr gut, sondern es hat gleich den Fernsehpreis der Europäischen Kommission gekriegt. Und damit waren die Türen offen... die Leute haben da angeklopft mit Drehbüchern und Aufträgen... das war wirklich ein Glücksfall gewesen... ein Traumstart...
Und seitdem hast du dich auf Komödien spezialisiert...
Ja, - Aber ich hab’ jetzt auch den ersten Thriller geschrieben,... Krimi oder Thriller will ich in Zukunft verstärkt bedienen.
Wenn du Ideen zu einem Stoff gesammelt hast, dann müssen die ja in eine bestimmte Form gebracht werden. Wie hast du dir das Know-How über Drehbuchdramaturgie angeeignet?
Ich hab’ mich während des Studiums fast ausschließlich mit Theater beschäftigt, auch während des Studiums am Wiesbadener Staatstheater gearbeitet als Regieassistent. Das ist eine gute Vorbereitung gewesen, weil man mit Szenen, mit Charakteren, überhaupt mit Dramaturgie lernt umzugehen. Das Studium, die theoretische Beschäftigung mit dem Theater war sicherlich auch kein Fehler gewesen. Und der Rest war „learning by doing“ ein ganz großer Teil - und natürlich auch indem ich vor allem amerikanische Literatur gelesen habe, von Linda Seger: “Making a Good Script Great“, finde ich einfach ein phantastisches Buch. Aber auch die Alten, Eugene Vale oder Syd Field... vor allem, wenn man sie auch verdauen kann, die Bücher. Wahrscheinlich nutzt das Lesen allein überhaupt nichts. Man muß schon irgendwie damit umgehen können. Am meisten bringt es, indem man schreibt: Schreiben und daraus lernen und vor allen Dingen die Perspektive zu haben, sich immer weiter zu professionalisieren, besser zu werden. Auf dem Stand stehen zu bleiben oder zu glauben, man könnte es, ist sicherlich ein Fehler, weil man immer dazulernen kann. Und wenn man sich perfekt geschriebene Bücher ansieht, dann weiß man ungefähr, wo man steht und wo man gerne hinwill.
Nach einem Exposé, was auch der Präsentation dient, kommt dann ein Treatment?
Ja, ein Treatment ist für mich ganz wichtig, weil: auf dieser Ebene hab’ ich nochmal die Möglichkeit, radikal gegen den Stoff anzudenken und bin auch bereit,... das nochmal umzuschmeißen. Das wird auf der Drehbuchebene schwieriger beziehungsweise schmerzlicher. - Ich habe die ersten beiden Filme ohne Treatment geschrieben. Bei dem ersten ging das wunderbar, da war nach zwei, drei Fassungen die Produktionsfassung erstellt. Beim zweiten Buch: „Die Hausmänner“ hab’ ich mich in der Farbe völlig verhauen und habe, nachdem ein Gespräch stattgefunden hat mit der Redaktion, das Buch nochmal liegengelassen, es dann in den Papierkorb geschmissen und nochmal neu geschrieben.
Was heißt „in der Farbe verhauen“?
Es war zu klamottig geworden. Für den Stoff sollte es doch viel psychologischer sein und der Fehler wurde mir dann klar. - Das hätte ich sicherlich vermieden, wenn ich ein ausführliches Treatment geschrieben hätte und seitdem mache ich das auch. Es hat sich wirklich als gut erwiesen. Das Ausschreiben des Buches nach einem wirklich gut ausgearbeiteteten Treatment ist dann an sich nur noch Handwerk...
Ich bin wirklich ein Vertreter des Dreiaktschemas und finde auch, daß es eine große Hilfe ist. Ich baue für mich immer in dieser Struktur die Filme auf, daß ich wissen will, hier ist plotpoint 1, hier ist plotpoint 2. Das tut den Stoffen gut. Man kann sich viele gut gemachte Filme angucken, da findet man ganz oft, wirklich in Perfektion sogar, dieses Dreiaktschema.
Gehört zum Treatment für dich auch eine ausführliche Charakterisierung der Personen?
Ganz wichtig. Ich muß immer wissen, mit welchem Schauspieler ich die Figur besetzen würde. Dazu mache ich zu jeder Figur ausführliche Studien, um auch die Backstory zu kennen, die Figur fängt ja nicht an im Film, sondern die hat eine Vorgeschichte. Je besser ich diesen Menschen kenne, umso einfacher fällt es mir nachher im Drehbuch. Da kenne ich nicht nur den Jargon, sondern auch das Verhältnis zu seinen Eltern, sein Sexualleben - obwohl es in dem Film vielleicht gar keine Bolle spielt, aber so wird es ein runder Charakter.
Welche Korrektive hast du während deines Arbeitsprozeßes - vor allem, wenn du alleine arbeitest?
Also, wir haben den Vorteil, daß wir über die Sachen reden können, das ist viel wert. (A. d. V: Thomas Kirdorfs Lebensgefährtin Martina Brandt ist ebenfalls Drehbuchautorin) Im Laufe der Zeit habe ich als wichtiges Korrektiv meinen Bauch kennengelernt... Wenn irgendwo ein dumpfes Gefühl auftaucht, soll man es ernstnehmen und in sich hineinhören und versuchen, das zu präzisieren, mit diesem unguten Gefühl lernen umzugehen, danach zu handeln und zu verändern... Das ist auch ein Erfahrungswert, wenn man mit Leuten über einen Stoff spricht, bin ich heute viel schneller in der Lage, zu sagen, der funktioniert, der funktioniert nicht. Das hat man mit der Zeit so internalisiert, bestimmte Anforderungen an Stoffe, Anforderungen an Figuren... Ich arbeite sehr gerne mit einem ZDF-Redakteur zusammen,... der hat eine riesige Erfahrung. Der braucht sozusagen in einen Stoff nur reinzuriechen und merkt, wo es stinkt... Es ist phantastisch, so einen Partner zu haben. Der sofort die Schwachstellen sieht... denn es sind oft dieselben Probleme, die immer wieder auftauchen... Wenn einer weiß, was er will, ein Redakteur, ist das viel einfacher, als wenn einer nur so im Kopf hat: ich will erfolgreiche Filme machen. Das ist ganz schlecht, weil dann oft so ein Zickzack-Kurs gefahren wird...
Wenn die Endfassung abgenommen ist, nimmst du in irgendeiner Weise an der Umsetzung teil - bist du z. B. beim Dreh dabei, führst du Gespräche mit dem Regisseur?
... Es ist unterschiedlich: Beim „Neger Weiß“ beispielsweise da hab’ ich den Regisseur überhaupt nicht kennengelernt vorher. Der hat das Buch gelesen, hat gesagt: wunderbar, das überzeugt mich bis in die kleinste Dialogpassage hinein... das war für mich sehr einfach... Und mit dem Ergebnis war ich zufrieden. - Bei anderen Filmen ist das so, daß man sich mit Regisseuren auseinandersetzt und ich finde es auch gut, daß da eine zweite Phantasie rankommt an den Stoff. Das erwarte ich an sich auch von der Regie, daß er nicht einfach ein Drehbuch abfilmt, sondern daß er mit seiner Kreativität diesem Film noch eins draufsetzt - was die Auflösung betrifft, was eine optische Vertiefung der Charaktere betrifft... Da haben ganz klar die Regisseure gute Ideen und es wäre ein riesiger Fehler, wenn man die nicht einarbeiten würde, denn alle wollen das möglichst beste Produkt nachher haben... Voraussetzung aber ist, daß man miteinander kann, die Chemie stimmt... Beispielsweise wird jetzt ein Film gedreht in Hamburg, das macht der Regisseur, den ich vorgeschlagen habe. Und der ist zum ersten Gespräch auf der Treatmentebene schon eingestiegen. Er hat dann, weil auch schon ein Vertrauensverhältnis da war aufgrund der vorangegangenen Zusammenarbeit, Ideen und Vorschläge gemacht. Das nimmt man mit in die Drehbucharbeit. Dann liegt eine erste Fassung vor und man trifft sich wieder und dann walkt man den Stoff, das Buch durch und verfeinert das...
Hast du schon mal was fürs Kino gemacht?
Ja, der ist auch gelaufen, der Film,... aber das war ein Beispiel dafür, wie es nicht sein sollte. Es hat ein Treffen mit dem Regisseur gegeben, als das Drehbuch soweit fertig war, und wir haben uns nach einer halben Stunde sofort gekracht. Ich habe den Produzenten und Redaktion bekniet, ihn nicht zu nehmen, weil ich gemerkt habe, der hat nicht das Gespür für die Figuren, das Milieu... Dann wurde er trotzdem mit der Regie betraut und... es hat nicht funktioniert. Es gab eine Preview und ich habe gesagt, das ist nicht mein Film, das ist 33 nicht mein Buch und habe meinen Namen dann zurückgezogen und bin mit einem Pseudonym rein.
Welcher Film hat dir in der letzten Zeit besonders gut gefallen und warum?
Kinofilm? Ich steh’ ja auf Mainstream-Kino. Mir gefallen auch ambitionierte Kunstfilme gut, aber ich find’s immer eine große Leistung - und das schafft Hollywood oder die Franzosen und auch Engländer viel besser als die Deutschen - Geschichten zu erzählen, die ein großes Publikum ansprechen... Das sind Filme, die sind nicht lebensnotwendig, aber die sind wie ein gutes Essen, das ist eine gute Vorspeise, ein guter Hauptgang und ein schönes Dessert. Das erwarte ich von Kino... Gut, es gibt Filme, die ich sehr schön finde, die fallen da raus, „Funny Bones“ z. B. - Highlights von amerikanischen Unterhaltungskino sind für mich „Dave“, „Tootsie“, „Big“ - auch „Pretty Woman“ finde ich einen gut gemachten Film, eine Schnulze, wenn man ihn abklopft und ideologisch vielleicht sehr fragwürdig, trotzdem ist der Film für mich perfekt gemacht, der hat ein tolles timing, schöne Situationen, es ist einfach ein Märchen...
Wie hat dir „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ gefallen?
Auch wunderbar, auch vergleichbar... - Diesen Film irgendwo in einer deutschen Fernsehspielredaktion vorzuschlagen: chancenlos. Kein Redakteur würde diesen Film produzieren, wenn man diesen Stoff mal erzählen würde.
Warum?
Weil der kein Thema transportiert auf den ersten Blick. Und auch auf den zweiten Blick irgendwie keine klare Dramaturgie hat, sondern der basiert an sich auf diesem einfachen Grundschema: ein Mann und eine Frau treffen sich, finden sich sympathisch und dann gibt es 15 Hindernisse, bis sie sich endlich in den Armen liegen. - Im Nachhinein sagt jeder: ein wunderbarer Film. - Aber der Film hat nichts, was thematisch auf der Hand liegt. Das ist ja ein ernstzunehmder Anspruch, daß die Fernsehredaktionen aktuelle Themen erzählen wollen... Und wenn sie leicht und gut erzählt sind, kriegt man auch ein größeres Publikum. Und den Anspruch, entsprechend intelligente Unterhaltung zu machen mit aktuellen Themen finde ich völlig legitim. - Deshalb sind solche Themen wie „Tier Hochzeiten“ da sicherlich viel schwieriger an den Mann zu bringen - oder an die Frau. Manchmal weiß man direkt, daß man einen Stoff gar nicht anzubieten braucht, weil man weiß, daß er nicht durchkommt.
Zu leichte Kost?
Zu leichte Kost. - Obwohl im nachhinein vielleicht eine wunderschöne leichte Komödie rauskommt.
Unterscheidest du dich damit grundlegend von manchen Autorenfilmern, die ja oft ein Anliegen, gesellschaftlich oder politisch, transportieren wollen?
Wenn man mal die Filme anguckt, die ich gemacht habe, da sind ja auch gewisse Themen behandelt, also „Der Neger Weiß“ oder „Der neue Mann“ - das ist vom Thema her eine junge Frau, die ist fertig mit dem Studium, bekommt keinen Job, bzw. bewirbt sich und gleichqualifizierte Männer werden ihr vorgezogen. Sie wird einfach benachteiligt. Ihr platzt die Hutschnur, ihr Freund ist Schauspieler und sagt, dann verkleide dich doch als Mann...
Tootsie umgedreht.
Genau. Sie bewirbt sich als Mann, wird eingestellt, macht eine Riesenkarriere, bis die Geschichte zum Schluß auffliegt. -Das war Anfang der Neunziger Jahre ein Thema, was diskutiert wurde und auch die Resonanz auf die Geschichte hat gezeigt, daß man... damit auch Gesprächsstoff liefert... Das ist ja zwingend: wenn man die Augen auf hat und die Themen der Zeit mitbekommt, fließt das automatisch in die Drehbücher mit ein. Das finde ich sehr wichtig, daß sich die Gegenwart in den Stoffen wiederspiegelt. Das ist ja auch, was die Leute wirklich interessiert, nicht nur abgehobene Seifenopern, die im Herz-Schmerz- und Super-Luxus-Milieu spielen, das hat man ja schon zur Genüge gesehen. Und ich denke, je mehr da so eine interessante Wirklichkeit drinsteckt, desto größer ist die Chance, daß Leute sich für Filme begeistern oder für Serien interessieren.
„Eine mörderische Liebe" (Buch: Thomas Kirdorf) läuft in der Reihe „Wilde Herzen" am 8. Oktober um 20.45 Uhr in der ARD.
Kategorie: Interview
Schlagworte: Drehbuch
