GRIP 12

01.09.1995

Primus inter Pares

„GRIP“ exklusiv im Gespräch mit dem Intendanten der Filmboard BerlinBrandenburg GmbH, Prof. Klaus Keil

Von Dieter Brockmeyer

Die Filmförderung ist in Deutschland ins Gerede gekommen. Es wird nach wie vor über Sinn oder Unsinn diskutiert. Und gerade auf dem Höhepunkt dieser Diskussion geben Berlin und Brandenburg die Gründung der Filmboard GmbH bekannt, mit einem doch sehr hohen Aufwand. Könnte man diese Idee für beispielgebend für Gesamtdeutschland sehen?

Prof. Klaus Keil: Was meinen Sie mit Aufwand? Wenn Sie etwa unsere personelle Ausstattung mit der anderer vergleichen, da sind wir klein. Die finanzielle Ausstattung des Fond ist in der Tat recht hoch, die Endstufe soll 40 Millionen sein. Ich glaube, das hat absolut Modellcharakter für die BRD. Die alte Gremienförderung, die zu ihren Zeiten bestimmt nicht falsch war, hat sich heute überlebt - und das Intendanten-Modell ist eine neue Möglichkeit, wie auch die GmbH-Form, die professionelle Besetzung mit Fachleuten und das zielgerichtete Fördern von Strukturen und von Märkten. Ich will nicht behaupten, daß die alten Gremien nur die „relevanten Gesellschaftsgruppen“ vertreten haben. Ich weiß aus eigener Anschauung, daß auch da eine Menge Fachwissen versammelt war. Die Kommissionen haben aber den unendlichen Nachteil, daß sie anonym sind, daß die Entscheidungen immer im Konsens gefällt werden müssen da bleibt kein Raum für eine mutige Entscheidung - und daß nie die Projekte begleitet werden konnten und Gremien sich nicht in einer positiven und produktiven Weise einmischen konnten. Das können wir durch das Intendantenmodell und die GmbH.

Heißt das, Sie entscheiden alleine, wer Geld bekommt und wer nicht?

Keil: Ganz zum Schluß ist die Entscheidung allein vom Intendanten zu tragen. Der Weg dahin aber ist vielfälltig und komplex und wird sehr sorgfältig beschritten.

Durch Ihre finanzielle Ausstattung ist natürlich eine sinnvolle Projektarbeit möglich. Denn welche andere Anstalt kann schon für ein einzelnes Projekt, wie jetzt beim „Kleinen Arschloch“ drei Millionen aufwenden. Will man damit maßgebliche Akzente in der Produktion setzen?

Keil: Ja. Das ist bewußt und absichtlich. Im Falle dieses abendfüllenden Animationsfilmes ist das eine Strukturmaßnahme. Man hätte dieses Projekt wahrscheinlich sogar mit weniger Fördergeld hier in der Region halten können, aber in diesem Falle ist die Summe mit Bedacht so hoch, weil wir glauben, daß sich in der Animation - in der klassischen, wie auch in der modernen, digitalen, am Computer generierten - hier in der Region ein Zentrum herauskristalisieren kann. Das kann aber nur dann passieren, wenn Kontinuität in der Auftragslage da ist. Denn die Zeichner sind fahrendes Volk und gehen dahin, wo die Aufträge sind. Man muß sie also hier halten.

Sind diese hohen Einzelförderungen nicht auch darauf gerichtet, dem Filmemacher das Tingeln von Bundesland zu Bundesland zu ersparen?

Keil: Es macht keinen Sinn, ein Drehbuch entsprechend den erteilten Fördergeldern der einzelnen Bundesländer zu schreiben, Wenn ein Film gut ist, finanziert er sich größtenteils über den Markt. Nur für den Rest springt die Filmförderung ein. So sollte es eigentlich sein und nicht andersherum. Wir sind sehr gegen diese Form der Finanzierung, und Sie haben Recht, daß das von uns so beabsichtigt ist, daß man höchstens noch zu einer anderen größeren Länderförderung muß. Wir sind beim „ Unhold“, dem neuen Schlöndorf-Projekt, sogar soweit gegangen, daß wir in Kooperation mit der Filmstiftung NRW den regionalen Effekt, den das Projekt dort nicht bringen kann - das sind etwa 2 Millionen - mit Projekten ausgleichen, die wir mitfinanzieren und auf unseren Ländereffekt zu Gunsten von NRW verzichten. So denke ich, muß die Zusammenarbeit zwischen den Förderern sein, damit dieser „Road Movie“, dieser Tourismus der Filmemacher, aufhört.

Das Gegenmodell zur Filmförderung wird von den privaten TV-Anbietern aufgebaut, die inzwischen ja Unsummen in die Fiction-Produktion stecken. Der Regisseur Nico Hoffmann sagte auf der Premiere von „Der Sandmann“ für BTL2, nur so habe er seinen durchaus kino-tauglichen Stoff umsetzen können, für den sich keine Filmförderung bekommen ließ. Macht das TV die Filmförderung unnötig?

Keil: Was Nico Hoffmann da gesagt hat, ist zunächst Spekulation, die sich nicht beweisen läßt. So dumm sind die Gremien auch in ihren schlimmsten Zeiten nicht gewesen, als sie zu groß und schwerfällig waren, daß sie nicht die wirklich guten Stoffe erkannt hätten. „Der Sandmann“ war von Anfang an als RTL2-Fernsehfilm konzipiert und war nie für eine Förderung eingereicht. Die TV-Dramaturgie entspricht nicht der Kino-Qualität, Ich glaube aber, daß die Bewegung der Privaten in Richtung auf das TV-Movie, also das klassische Fernsehspiel, etwas sehr Positives ist. Es ist ein echter Impuls, daß die neuen Leute die diese TV-Movies schreiben und inszenieren, lernen, Spannung, Unterhaltung, Entertainment im besten Sinne, also publikumsnah umzusetzen. Das ist sehr wichtig. Kommerzialität hin oder her, man kann das Handwerk erlernen und zur Meisterschaft entwickeln. Es ist eine wunderbare, ergänzende Situation.

Aber macht die gerade von der TV-Seite gepushte Anregung des eigenfinanzierten kommerziellen Films auf der einen, und die rein kulturelle, anspruchsvolle Filmförderung auf der anderen Seite nicht Sinn?

Keil: Die Zeit des Auseinanderdividierens in Kultur und den schlimmen Kommerz ist endgültig vorbei. Selbst die größten Schnarcher der Nation haben inzwischen eingesehen, daß Film zuallererst immer Produkt und Ware ist. Er kann Kunst oder eine Botschaft in sich tragen, die wird sich aber nie entfalten, wenn der Film nicht gesehen wird. Also muß der Film für ein Publikum gemacht sein. Die Hybris mancher Regisseure aus der Zeit des Jungen Deutschen Films, nur für sich selbst und seine Freunde Filme zu machen, ist nun vom allerletzten auch erkannt. Der Film ist nunmal Massenmedium, sonst könnte ich auch Gedichte für mich und meine Freunde machen. Das kostet auch weniger.

Und wo sehen Sie die Möglichkeiten des deutschen Films - ist er für sich allein überlebensfähig, oder bedarf es der europäischen Koproduktion?

Keil: Die Frequenz der Ausreißer nach oben im deutschen Film ist schneller geworden. Seit „Männer“ von Doris Dörie vor 10 Jahren, ist der Abstand der Erfolge zum Beispiel zwischen Abgeschminkt“ und „Der bewegte Mann“ immer kürzer geworden. Das ist ein Abstand von ungefähr zwei Jahren, und davor waren, auch im Zwei-Jahres-Rythmus, Wortmann-Filme ziemlich erfolgreich. Jetzt startete „Nur über meine Leiche“, Regie Rainer Matsutani, Produzenten W. Tichy und J. Hebstreit, der wahrscheinlich wieder - hoffentlich - ein Erfolg wird. Der deutsche Film ist also nicht schlechter geworden. Ich bin sogar ziemlich optimistisch, was die Zukunft anbelangt. Soweit sind wir aber noch nicht, denn ich glaube, daß eine Lücke zwischen den älteren, etablierten und den jungen Regisseuren, Autoren und Produzenten besteht. Die Jungen sind noch nicht so weit, und die Alten haben nicht mehr die beflügelnde Kraft der Phantasie. Iritierenderweise kommt von denen nur noch wenig. Den Jungen muß man aber die Chance geben, auch ihren zweiten oder dritten Film zu machen, auch wenn der vielleicht nicht so erfolgreich ist. Damit wächst auch eine neue Produzentenschaft, aber das braucht - wie gesagt - noch eine Weile.

Also keine Chance für die europäische Koproduktion?

Keil: Das ist ein komplexes Thema. Das ist auf der einen Seite sehr sinnvoll, wenn man sie als europäischen Kofinanzierungen versteht. Wenn also das Spezifische in einer Stadt oder Region stattfinden kann, was sehr wichtig für die Identifikation mit dem Zuschauer ist. Der Euro-Pudding geht nicht, das weiß man theoretisch. Aber in der Praxis versucht man natürlich immer wieder, die einzelnen Anteils-Elemente einzubringen, also etwa einen deutschen Regisseur, Schauspieler aus Frankreich, und so weiter. Das ist sehr schwierig. Auf der anderen Seite ist es ist positiv, daß die Leute sich kennenlernen, offener werden und aufeinander zugehen - kurz, die gegenseitigen Möglichkeiten besser erkennen. Die Filmboard unterstützt die Koproduktion dann, wenn ein regionaler Produzent sie sinnvoll mit einem anderen Land macht. Da schauen wir nicht einmal so sehr auf den Regionaleffekt, sondern ob es dem Produzenten nützt. Zum Beispiel haben wir einen Film gefördert der in Irland gedreht wird, und der Effekt für unsere Region ist relativ gering. Aber die Koproduktionserfahrung für unseren regionalen Produzenten ist hoch, und das ist wichtig.

Nach der Vereinigung hat sich die Medienpolitik in Berlin und Brandenburg, die immer vor allem Standortpolitik ist, etwas verstolpert. Welchen Stellenwert hat die Filmboard heute im standortpolitischen Denken?

Keil: Es gibt die Landesmedienanstalt beider Länder. Das war die erste gemeinsame Institution, die sehr gut funktioniert. Hege ist ja ein sehr mutiger Mann. Und die zweite sind eben wir, die Filmboard. Das alles hat seine Zeit gebraucht, bis die beiden Mentalitäten zusammenkamen. Die Filmboard hat, so erscheint es mir, dabei eine ziemlich wichtige Scharnierfunktion: Ich dividiere nicht auseinander, hier Berlin und hier Brandenburg, sondern ich sehe das als eine einzige Region. Einfach, weil wir schon jetzt im Tagesgeschäft so funktionieren. Wir akzentuieren die Förderung auch auf die regionale Filmwirtschaft, und das heißt nicht, daß nun zwei Berliner gefördert werden, nur weil wir schon zwei Brandenburger haben. Wir sind eine Einheit. Die Filmboard ist ein wunderbares Instrument. Die vorläufigen Grundsätze beginnen meist mit „In der Regel“. Das heißt, sie sind stark interpretierbar, auch in Bezug auf den Regional-Effekt. Obgleich die Standortpolitik natürlich die Region bevorzugt, haben wir große Freiheit, bundesweit oder sogar international zu wirken. Das wirkt sich etwa in dem vorhin genannten Beispiel „Der Unhold“ positiv aus, oder auch in dem Beispiel mit Pandora „Dead Man“. Alles keine regionalen Sachen, die aber hoffentlich zu unserem Ansehen insgesamt beitragen.

Berlin-Brandenburg setzt also an, den beiden großen Konkurrenten NRW und Bayern das Wasser abzugraben?

Keil: So kann man es formulieren, man kann es aber auch ganz anders sehen. Wir haben die einmalige Chance, über das sehr geschliffene Instument Filmboard viele Dinge auszuprobieren und in eine Vorreiterrolle zu gehen. Das können die anderen auf Grund ihrer Gesellschaftskonstruktion nicht. Was aber viel wichtiger ist: Wir sind attraktiv. Zu uns kommen viele Leute mit sehr interessanten Projekten, mit sehr spannenden Anträgen. Das können die anderen so gar nicht ausfüllen, aber wir können es. Leider - oder gottseidank? - haben wir zu wenig Geld, um das alles zu befriedigen. Aber das ist gar nicht gewollt, denn die Konkurrenz belebt ja auch das Geschäft.

Die Region soll also nicht wieder wie vor dem Krieg die Filmschmiede der Nation sein?

Keil: Ich bin überzeugt, daß die nach dem Krieg entstandenen Medienzentren, also München, Köln, Hamburg und Berlin-Brandenburg, bestehen bleiben. Denn das hat ja etwas mit unserem föderativen System zu tun. Ich glaube aber auch, daß sich hier über die Bundeshauptstadt im Laufe der Zeit noch ein anderer Sog, eine andere Gewichtung einstellen wird. Ich kann mir vorstellen, daß die Region „primus inter pares“ wird.

Das Gespräch führte Dieter Brockmeyer

Kategorie: Interview

Schlagworte: Filmförderung

Artikel im PDF aufrufen