GRIP 12
01.09.1995
Kinderfilmfestival
Ein Gespräch mit Günther Kinstler über Konzept und Perspektiven des „Internationalen Kinder -und Jugendfilmfestival“, das vom 26.09. bis 08.10.95 in Frankfurt stattfindet.
Von Ernst Szebedits
Das Internationale Kinderfilmfestival wäre in den vergangenen beiden Jahren auch fast ein Opfer der Etatkürzungen der Stadt Frankfurt geworden. Wie ist die aktuelle finanzielle Situation des Festivals?
Nach einem Jahr der Krisen in der Frankfurter Kulturpolitik, von denen das Festival mittelbar und unmittelbar betroffen war, ist die Finanzierungsbasis des Festivals nun wieder gesichert. Im letzten Jahr war lange Zeit nicht sicher ob bzw. in welcher Höhe das Festival von der Stadt Frankfurt unterstützt wird. Außerdem war das Festival von dem drohenden Ende des Filmabspiels im Deutschen Filmmuseum betroffen.
In diesem Jahr beteiligt sich die Stadt Frankfurt wieder an der Finanzierung. Neben den bisherigen Geldgebern BMI, Land Hessen und Kin der- und Jugendfilmzentrum fließen in diesem Jahr auch Gelder aus der europäischen Festivalförderung und vom neuen Kooperationspartner Bundesverband Jugend und Film mit ein. Ergänzt werden die Finanzmittel aus öffentlicher Hand durch Sponsoring verschiedener Einrichtungen und Unternehmen in Form von Sachleistungen und Geld. Zu den Sponsoringpartnern zählen Frankfurter Neue Presse, Opel, Sparkasse, Lufthansa, Taurus/Junior (KirchGruppe) und RTL.
Das Kinderfilmfestival wird 1995 erstmals zu einem Kinder- und Jugendfilmfestival. Was sind die Gründe für den Ausbau des Festivals auf den Bereich Jugendfilm?
Gründe für die Erweiterung des Programms mit Jugendfilmen gibt es viele. Einer der wesentlichen Gründe ist der, daß Filme besonders auch für ältere Kinder und jüngere Jugendliche produziert werden, Für die 12 bis 14 jährigen gibt es kaum spezifische kulturelle Angebote. Die Teenies, Kids oder „Lücke Kinder“, wie man sie auch nennt, sind eine Publikumsgruppe, die nur schwer zu erreichen ist. Jugendliche definieren sich selbst eher als Erwachsene und orientieren sich am Programm für die „Großen“. Sie sind es aber auch nicht gewohnt, mit adäquaten kulturellen Angeboten versorgt zu werden. Das Internationale Kinder- und Jugendfilmfestival unternimmt nun den Versuch diese Lücke zu füllen. Das erscheint vordergründig einfach. Zumal die Programmauswahl in den letzten Jahren gezeigt hat, daß Filmschaffende sich international durchaus für Jugendliche und ihre Welt interessieren. Man braucht also nur Angebot und Nachfrage zusammenzuführen, indem man das Forum erweitert. Frankfurt scheint der richtige Ort für diesen Ansatz zu sein, da das Festival schon früher immer wieder den Versuch unternommen hat, Filme Kindern zu präsentieren, die nicht aus schließlich für sie produziert wurden und Filme zu zeigen, die Kinder sowohl ästhetisch als auch inhaltlich fordern. Außerdem sind im Lauf der mittlerweile 21jährigen Geschichte des Festivals junge Besucher herangewachsen. Für sie ist das Festival zu einer verläßlichen Adresse für beeindruckende Filmerlebnisse geworden. Sie fragen weiter nach Filmen, die sie interessieren und das können bei denen, die gerade dabei sind den Kinderschuhen zu entwachsen, keine Kinderfilme mehr sein.
Was sind eigentlich Jugendfilme bzw. wo ist die Grenze zwischen Kinder- und Jugendfilm zu ziehen? Ist es eine Frage des Alters, der Ästhetik oder der Inhalte?
Was sind Jugendfilme? Eine schwierige Frage wenn man bedenkt, daß die Altersgruppe der 14 bis 30jährigen die Besucher des Kinos überhaupt sind. Die Gesetzgeber setzen die obere Grenze des Jugendalters bei 21 Jahren. Kein Grund für ambitionierte Programmmacher, sich besonders zu engagieren, könnte man schlußfolgern, wäre da nicht die große Skepsis, ob das herkömmliche Kino seine Kundschaft passend bedient, Im Kino, das Jugendliche frequentieren, dominiert synthetische Dutzendware. Wer - wie das Festival - die internationale Filmszene kennt, weiß, daß es mehr gibt - der weiß, daß es Filme gibt, die sich authentisch auf Jugendliche mit ihren Sichtweisen, mit ihren Erfahrungen, Erlebnissen und Problemen einlassen. Dies sind Filme, die ihr Publikum nicht nur als Kundschaft brauchen, sondern ihnen etwas geben wollen. Eben dies: eine Erfahrung, eine Sichtweise, ein Erlebnis. Filme für Jugendliche kann man kaum mit einem feststehenden Kriterienraster filtern. Jugendliche erwarten, wie Kinder und wie Erwachsene von jedem Film das besondere Etwas. Sollte man Kriterien für Jugendfilme bestimmen, müßte man Jugendliche als homogene Gruppe sehen, mit spezifischen ästhetischen Ansprüchen, mit einem spezifischen Verständnis und einer spezifischen emotionalen Befindlichkeit. Das fällt schon bei Kindern schwer, die zumindest entwicklungspsychologisch homogene Phasen durchlaufen. Und wer käme überhaupt auf die Idee zwischen einem Actionfilm mit Stallone oder Schwarzenegger und einem Film von bspw. Eric Rohmer spezifische Erwachsenenkriterien als gemeinsamen Nenner zu suchen. Das Festivalprogramm des diesjährigen Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestivals zeigt, was Jugendfilme sein können und offenbart damit unser und das Verständnis von Filmemachern vom Jugendfilm. Es präsentiert Filme mit für Jugendliche länderübergreifend brennenden Themen, wie Fremdenfeindlichkeit, Identität, ersten sexuellen Erfahrungen und sexuellem Mißbrauch, Entwicklung der Persönlichkeit und Entpersönlichung durch Sucht. Es sind Filme, die in ihrer 15 Ästhetikfacettenreich sind. Entweder klassisch narrativ, oder als Drama angelegt, mit der Spannung eines Krimis inszeniert oder mit komödiantischen Elementen gewürzt. Es sind Filme, die nicht unbedingt das spektakuläre ästhetische Experiment wagen, aber es sind Filme, die in ihrer Konzentration auf ein Thema und auf die Erlebniswelt der heute jungen Generation mit einer feinen Nuance das Spektrum der im Kino möglichen Programmfarben bereichern.
Kinderfilmproduktion und Abspiel haben leider nur einen geringen Stellenwert im gängigen Programm. Wie sieht es im Jugendfilmbereich aus? Wie sind die Aufgaben eines Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestivals zu definieren, und wer und was soll damit ereicht werden?
Die Herausforderung liegt darin, dem Abspiel diese genannte besondere Nuance hinzuzufügen und sowohl beim Filmvertrieb, den Kinomachern, als auch dem Publikum den Appetit auf ein liebevoll und engagiert angerichtetes filmisches Menü zu wecken. Jugendfilme haben als solche im Abspiel kaum eine Chance. Oder vielmehr: Sie werden als solche nicht etikettiert. Das Etikett hat als Werbesignal den Appeal einer Einladung zum Pfadfinderjahrestreffen. Es klingt nach sozialpädagogischer Problemzuweisung. Es gehört Selbstbewußtsein dazu, es postiv füllen zu wollen. Im Vertrauen auf ein qualitätsvolles Programm erscheint das nicht aussichtslos. Aber mit Abwehrreaktionen muß man rechnen, wenn man einer Jugend, die sich reflexartig jeder Pädagogisierung entzieht eine neue Jugendveranstaltung anbietet. Deswegen hat sich das Internationale Kinder- und Jugendfilmfestival an sein Maskottchen LUCAS erinnert. LUCAS ist der Symbolträger unserer Idee und steht im Vordergrund im optischen Erscheinungsbild des Festivals, angefangen beim Plakat über Programmhefte bis hin zum Festivalpass.
Das Gespräch führte Ernst Szebedits
Kategorie: Interview
Schlagworte: Festival
