GRIP 12
01.09.1995
Guerilla Filmmaking
An einer Filmschule in New York
Von Jan Schmodde
Wie lange braucht man, um Regisseur zu werden? Als Student an einer Filmhochschule etwa vier Jahre. An der New York Film Academy genau vier Tage. Schon nach einer Woche führt dort jeder Student zum ersten Mal Regie. Und nach ebenso kurzer Zeit ist man überzeugt, daß hier alles ein bißchen anders ist, als man es von einer Filmschule erwartet.
Ganz im Sinne der amerikanischen Tradition des „anything goes“ hat die New York Film Academy nämlich die Praxisnähe zum Prinzip erhoben. Der Direktor der Schule, Jerry Sherlock, formuliert es so: „Wenn man Talent hat, braucht man keine vier Jahre. Und wenn man kein Talent hat, würden selbst vier Jahre nicht ausreichen. “ Aus dieser Überzeugung heraus entstand eine Schule, an der man in einem kurzen Zeitraum in komprimierter Form die Praxis des Filmemachens erlernen kann.
Der Erfolg gibt der Idee recht. Jeden Monat startet in den Räumen der NYFA am Union Square ein neuer Kurs. Im Februar letzten Jahres saß auch ich dort, gespannt darauf, was auf mich zukommen würde. Was kam, waren acht anstrengende, spannende und überaus lehrreiche Wochen. Ein Blick auf den Lehrplan zeigt, warum man sich in diesen zwei Monaten nichts anderes vornehmen sollte: Filmtheorie, Drehbuchentwicklung, Beleuchtung, Kameratechnik, Casting, Regie, Schnitt, Ton, Produktion, Finanzen und natürlich Drehen, Drehen, Drehen.
Der Unterricht findet von Montag bis Freitag statt, am Wochenende teilt sich die Klasse in Crews mit drei bis vier Leuten, die dann zusammen arbeiten. Mit Licht- und Kamera-Equipment bewaffnet, zogen wir also nach knapp einer Woche los, um eine Übung zum Thema Montage zu drehen. In den festen Crews ist man im Rotationsprinzip innerhalb von zwei Tagen Regisseur, Kameramann, Assistent oder Gaffer/Grip. Die Übungen werden später im Unterricht besprochen. Auf diese Art und Weise dreht jeder Student im ersten Monat drei eigene Filme: die erwähnte Montage, einen zum Thema Continuity und einen Musik-Film.
In den Besprechungen zeigte sich ein weiterer Unterschied zur Herangehensweise anderer Filmschulen. Was auch in den Screenings zu sehen war - vom exhibitionistischen Selbstdarstellungsfilm über Selbstmorddramen bis hin zum gespielten Witz - wurde nicht nach dem „Wert“ des Genres beurteilt, sondern einzig und allein danach, ob die Story filmisch gut umgesetzt wurde. Eine Dozentin sagte: „Wir können euch nicht beibringen, was für einen Film ihr drehen sollt. Wir können euch nur sagen, wie ihr ihn drehen sollt“.
Die meisten Dozenten an der Schule sind selbst Filmemacher, die sich oft mit ihrem ersten großen Projekt beschäftigen. Sie kennen die Probleme des Filmstudenten noch sehr gut aus eigener Erfahrung. Um das Spektrum von Meinungen und Erfahrungen noch zu verbreitern, werden zusätzlich Gastdozenten eingeladen - bei uns reichte das Angebot von Jaron Lanier, dem Pionier des Cyberspace, bis zu Warren Leight, dem Drehbuchautor von Doris Dörries „Ich und Er“, der gerade seinen ersten Film als Regisseur fertiggestellt hatte.
Der zweite Monat an der New York Film Academy gehört dem „Final Film“. Jeder Student schreibt, besetzt, dreht, schneidet und vertont einen etwa zehn Minuten langen Film zu einem von ihm gewählten Thema. Nun zeigt sich, was man in den vergangenen vier Wochen gelernt hat. Und, was es bedeutet, in New York zu sein. Die Stadt wirkt ja ohnehin wie ein einziger großer Set. Jeder Straßenzug kommt einem merkwürdig vertraut vor, und man ist überzeugt davon, daß gleich Woody Allen, Robert de Niro oder Al Pacino um die Ecke biegt.
Umso spannender, nun selbst mit seiner Crew auf den Straßen von New York zu drehen. Schon nach kurzer Zeit war uns klar, warum an der NYFA immer von „Guerilla Filmmaking“ gesprochen wird. Ganze zwei Drehtage pro Abschlußfilm, das heißt vor allem, zwei Tage lang gegen Schwierigkeiten anzukämpfen. Es mangelt an Zeit, an Geld, an Licht, an Erfahrung oder einfach an den eigenen Fähigkeiten. Auch insofern ist es eine gute Vorbereitung auf das, was einen als Filmemacher später erwartet. Aber natürlich läßt man sich immer irgendetwas einfallen, natürlich macht es riesigen Spaß, und natürlich bekommt man jede Szene irgendwie in den Kasten.
Den nachhaltigsten Eindruck bei uns hinterließen sicher die New Yorker selbst. Jeder Filmdreh (und sei er noch so klein) wird mit riesigem Interesse und Engagement verfolgt. Passanten fragen nach, machen Vorschläge oder bieten sich spontan als Darsteller an. Filme machen ist in New York keine abstrakte Kunst, sondern ein alltägliches Ereignis.
Dieser Mythos der Filmstadt New York hat einen ganz pragmatischen Nebeneffekt. Die Infrastruktur ist fantastisch und auf dem Gebiet des Independent Films wahrscheinlich einmalig auf der Welt. Das beginnt beim Casting (dreihundert Bewerbungen auf eine - unbezahlte! - Hauptrolle in einem Studentenfilm sind keine Seltenheit) und geht bis zu der Tatsache, daß praktisch jeder Service, den man für seinen Film benötigt, rund um die Uhr zur Verfügung steht. Als Faustregel gilt: Alles geht - wie schnell, hängt davon ab, ob man über das nötige Geld verfügt.
Womit wir beim Thema Nummer Eins wären. Der achtwöchige „Basic Workshop“ an der New York Film Academy kostet 4.000 $. In diesem Preis sind der Unterricht, das Kamera- und Soundequipment sowie Schnittmöglichkeiten am Steenbeck inbegriffen. Dazu kommt also noch Filmmaterial plus Entwicklung, und natürlich Unterkunft und sonstige Kosten. Als Schätzwert für Material und Entwicklung liegt man mit 1.000 $ - 1.500 $ ganz gut. Die Grenzen nach oben sind selbstverständlich offen. Die Schule vermittelt auch Wohnmöglichkeiten, deren Preise allerdings für einen Richtwert zu stark schwanken. Um mehr zu erfahren, genügt ein Anruf bei den sehr hilfsbereiten Mitarbeitern der New York Film Academy.
Nach gut acht Wochen Filmschule in New York steht schließlich nur noch das „Final Screening“ an, in dem alle Abschlußfilme gezeigt werden. Vor anderthalb Jahren waren es 13 Kurzfilme von Studenten aus 8 verschiedenen Ländern, darunter auch meiner. Das Kino war proppevoll, als das Licht im Saal langsam ausging. Die Projektion war teilweise unscharf. Der Ton war entweder zu leise oder ohrenbetäubend laut. Es war wunderbar.
New York Film Academy, 100 East 17 Street, NYC 10003 Tel: 001 (212) 674-4300, Fax: 001 (212) 477-1414
Kategorie: Firmenportrait (GRIP FACE)
Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium
