GRIP 12
01.09.1995
Filmförderung Hessen – Perspektiven
Von Maria Wismeth
Gerüchte über Gerüchte Täglich bekommen wir Anrufe: Ist die Hessische Filmförderung nun endgültig gestrichen, gibt es keinen Einreichtermin mehr, wo soll ich denn jetzt Förderung beantragen? Was ist diese hr-Förderung? Ersetzt sie die Kulturelle Filmförderung?
Um eine Antwort gleich vorwegzunehmen: Der Einreichtermin am 15.9.95 findet statt.
Die Unsicherheit ist aber verständlich, da der Fördertermin im Frühjahr 95 ausgesetzt worden ist, nachdem der Einreichtermin vorbei war, das heißt, als alle Antragsteller ihre Anträge abgegeben hatten - und man weiß ja wieviel Arbeit und Geld in einer Einreichung stecken. Dieses skandalöse Verhalten des Ministeriums führte seit langem zum ersten Mal zu einer Protestaktion der Filmschaffenden vor Ministerium und Landtag in Wiesbaden, die vom Filmbüro Hessen e. V. organisiert wurde. Ca. 50 Filmer versammelten sich vor dem Ministerium und entrollten Richtung Landtag eine Antragsstraße, auf der die verschmähten Anträge aufgeklebt waren. Im Landtag stellte sich die neue Ministerin einem Gespräch mit Wilhelm Rösing, Geschäftsführer des Filmbüros, und versprach, sich persönlich mit den empörenden Ereignissen zu beschäftigen.
Wie steht es nun um die Hessische Filmförderung, die Frau Hohmann-Dennhardt zur „Chefsache“ erklärte und die, laut Koalitionsvereinbarung vom April 95, gesichert werden soll?
Seit 1993 wird sie sukzessive gekürzt - und zwar auf verschiedene Arten. Einmal durch Haushaltssperren (1994 10%, 1995 20%), die real Haushaltskürzungen sind, das heißt der Förderetat wurde 1994 auf ca. 700.000 DM gekürzt und 1995 auf ca. 500.000 DM. Nicht betroffen durch die Kürzungen waren insgesamt allerdings die Projekte, die das Ministerium direkt unterstützt: Ziehung von Repertoire- und Zusatzkopien, das Deutsche Institut für Filmkunde, Power für die Provinz. Die Summe, die das Ministerium so nach Gutsherrenart ausschüttet, ist von 1993 bis 1995 leicht angestiegen und erreichte 1995 mit ca 463.000 DM fast den Projektförderetat.
Dabei werden die Sparten „Filmreihen“, „Abspiel“ und „Aus- und Fortbildung im Kinobereich“ auch bei der regulären Hessischen Filmförderung unterstützt - allerdings auf dem Weg über die Auswahljury. Es ist nicht einzusehen, warum ein Teil der Gelder, die in die Abspielförderung fließen, ein anderer, variabler Teil aber direkt verteilt wird.
Auch der Hessische Filmpreis ist eine schöne Einrichtung. Die Gewinner freuen sich und die Szene kann sich beim kalten Buffet treffen. Wenn der Preisverleihung aber durch Kürzen der Projektförderung langsam die Substanz entzogen wird, fragt man sich was das Ganze soll, warum nicht erst mal mit dem Preis kürzer getreten und der Projektförderung das Preisgeld zugeschlagen wird, damit Filme entstehen können, denen dann vielleicht ein Preis verliehen werden kann. Das schlug das Filmbüro schon vor längerer Zeit dem Ministerium vor, stieß aber damals auf taube Ohren. Nach dem Hearing mit der Ministerin am 8. September, sieht es allerdings so aus, als ob sie Veränderungen auch in dieser Hinsicht aufgeschlossen gegenübersteht.
1995 wird er jedenfalls in der alten Form verliehen - zwar auch gekürzt, aber mit Buffet.
Wie geht es weiter mit der Kulturellen Hessischen Filmförderung?
Den Hessischen Filmmachern steht jetzt durch die Mittel nach dem Privatrundfunkgesetz noch eine Förderung zur Verfügung, die „hr-Förderung“. Über sie wird an anderer Stelle im Heft berichtet.
Wie sehen unter dieser Prämisse die Aufgaben der Kulturellen Hessischen Filmförderung in Zukunft aus?
Zunächst muß der Förderetat mindestens wieder auf den Stand von 1995 (vor den Kürzungen) zurückgeführt werden. Dazu gibt es die Aussage in der Koalitionsvereinbarung und die Versicherung der Ministerin, Frau Hohmann-Dennhardt vom 9. September, daß dies für den Haushalt 96 vorgesehen sei.
Der Schwerpunkt der Kulturellen Filmförderung muß auf der Unterstützung einer Vielfalt von Projekten liegen, aus einer produktiven Situation entstehen auch gute Arbeiten. Hessen ist nicht Hollywood und darin liegt die Chance, auch experimentellen Versuchen, frechen kleinen Filmen, Formen, die nicht von vornherein in die Kino- und Fernsehlandschaft passen, dezidiert eine Chance einzuräumen. Nachwuchsförderung ist in diesem Zusammenhang ein Stichwort. Ohne eine solche breit angelegte Förderung kann es keine Film- und Medienkultur geben. Über die Projekte muß weiterhin eine unabhängige Jury von Fachleuten entscheiden, die häufig wechselt. Diese Jury kann nicht mit der Jury der „hr-Förderung“ identisch sein, denn „Sendbarkeit“ als Auswahlkriterium für eine Kulturelle Förderung knebelt ihre Lebendigkeit und ist deshalb contraproduktiv. Außerdem ist bei einer Zusammenlegung der beiden Jurys nicht auszuschließen, daß klammheimlich die Kulturelle Förderung ganz weggekürzt wird - es gibt ja noch die „hr-Förderung“. Zumal beide Förderungen verwaltungstechnisch zusammengelegt werden sollen, was wiederum zu begrüßen ist.
Ist die „hr-Förderung“ Standortförderung, so bleibt die Kulturelle Förderung durch den Förderverbund mit (mittlerweile fünf) anderen Bundesländern nach „außen“ offen, sowohl als Anschubförderung für die Hessen, als auch umgekehrt. Wobei die Frage des Hessenbezuges außerhalb des Förderverbundes strenger gehandhabt werden muß.
Die Mittel, die das Ministerium im Moment großzügig nach eigenem Gutdünken ausschüttet, müssen großteils wieder der Jurierung unterworfen werden. Langfristige Subventionierung kann nicht Sache der Filmförderung sein. Das entlastet das Budget und bringt Bewegung in die Landschaft.
In den nächsten Monaten wird sich entscheiden, ob das Land Hessen eine lebendige Filmkultur fördern, oder sich weiter ins medienpolitische Abseits schaffen will. Die projektierte „hr-Förderung“ zusammen mit einer zielgerichteten Kulturellen Förderung, wie ich sie oben beschrieben habe, - nicht schlecht.
Am 8. September fand mit der Ministerin für Wissenschaft und Kunst ein Hearing über die Zukunft der Filmförderung statt. Es gab insofern zu einigem Optimismus Anlaß, als die Ministerin dezidiert die Absicht äußerte, sich für die Stärkung der Kulturellen Filmförderung einzusetzen, es gebe keinen Anlaß zu der Befürchtung, daß sie in der „hr-Förderung“ aufgehen solle. Es wird sich in nächster Zeit he? ausstellen in welche Richtung der Hase laufen möchte. Wir werden mitreden.
Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)
Schlagworte: Filmförderung
