GRIP 12
01.09.1995
exground on screen 8
„Das Filmfest abseits des Mainstream“ findet dieses Jahr bereits zum achten Mal in Wiesbaden statt. Vom 20. bis 26. November haben die Fans des außergewöhnlichen Kinos wieder die Gelegenheit unter rund 120 Kurz- und Langfilmen zu wählen.
Von Marion Klömfaß
Aus dem Zusammenwirken einiger filmbegeisterter Menschen, des Wiesbadener Videovertriebs ArtWare und der Stadt Wiesbaden entstand im April 1990 das erste Filmfestival im Rhein-Main-Gebiet, daß ein internationales Forum für unabhängigen und außergewöhnlichen Film bietet. In den ersten Jahren fand exground - eine Mischung aus den Worten Experiment und Underground - in Wiesbaden zwei Mal im Jahr statt. Der Arbeitsaufwand wuchs allerdings den ehrenamtlichen Organisatoren (Studenten und Berufstätige) über den Kopf, und somit beschränkte man sich auf nur ein Festival im Jahr. Um in der restlichen Zeit cineastisch nicht ganz zu verhungern gibt es seit diesem Jahr zusätzlich im Mai ein „halbes“ exground: die exground „Halbzeit“, mit einem dreitägigen Programm.
Neben den Filmen ist der Festcharakter bei exground außergewöhnlich. Filme schauen soll Spaß machen und nicht zu Verspannungen führen. An der Bar kann man vor und nach den Vorstellungen den Filmemachern seine Meinung sagen, auf den Parties tanzt man sich den Kinofrust aus dem Leib und beim Konzert kann man seine Augen schonen. Noch zu erwähnen ist das Filmfrühstück, das keine kulinarischen Wünsche offen läßt.
Seit 1993 ist der unbestreitbare Höhepunkt bei exground on screen die Vergabe des Kurzfilmpreises. Seit diesem Jahr gibt es eine bundesweite Beteiligung am Wettbewerb. Aus rund 300 eingereichten Filmen (die Voraussetzungen waren: unter 20 Minuten und Entstehungsjahr 1994/95) wird ein abendfüllendes Programm ausgewählt und die Sieger dann per Publikumsabstimmung ermittelt. Der erste Preis ist mit 5. 000 DM dotiert und wird von der Karlsberg Brauerei gestiftet. 1995 wird erstmals auch ein zweiter (2.000 DM) und ein dritter Preis(1. 000 DM) vergeben, die von der Stadt Wiesbaden zur Verfügung gestellt sind. Leider hat die Stadt Wiesbaden gleichzeitig mit Stiftung der zusätzlichen Preise den Zuschuß für das Festival gestrichen, der zwar nie sehr hoch war, aber doch das Überleben ein wenig absicherte, exground erhält damit keinerlei Zuschüsse oder Förderungen und ist allein von den Einnahmen und Sponsoren abhängig (Spender sind jederzeit herzlich willkommen! ). Ein Schwerpunkt des Programms sind die jungen unabhängigen Filmemacher aus den USA. Viele neue Namen wurden hier vorgestellt, bevor sie einem größeren Publikum zum Begriff wurden. Beispiele sind die Werkschau Hal Hartley’s, Guy Maddin, Gregg Araki, John McNaughton, Todd Haynes, die FilmCrash Film Factory aus New York (Matthew Harrison, Scott Saunders, Karl Nussbaum).
exground 8
Auch dieses Jahr sind die New American Independents wieder zahlreich vertreten. The Soul Investigator (CAN 1994) ist ein Film mit beeindruckenden, atmosphärischen Schwarzweißbildern. Der Begisseur Kal Ng schafft eine eigene seltsame Welt, in der ein Geschäftsmann an seiner Hand eine geheimnisvolle Wunde entdeckt, die das Ende der Welt bedeuten könnte... Black And White (USA 1994), der hochbeachtete Erstlingsfilm von Susanna Lo, erzählt eine wunderschöne Liebesgeschichte zwischen „black and white“ und deren folgen im Alltag. In Delinquent von Peter Hall (USA 1994) wird Tim, der 15 jährige Sohn eines Polizisten, durch seinen trunksüchtigen und brutalen Vater in einige Mordfälle verwickelt. The Rook (USA 1994) von Eran Palatnik ist eine kafkaeske Detektivstory mit Hal Hartley Darsteller Martin Donovan.
Unter dem Motto „Filme, die sie schon immer mal im Original(! ) sehen wollten“ werden die beiden Filme In the soup (USA 1992) von Alexandre Rockwell und Living In Oblivion (USA 1995) von Tom DiCillo im amerikanischen Original gezeigt. Steve Buscemi in seiner Muttersprache und nicht in grausamensynchrondeutsch!
Chunking Express ist der erste Film, der im Verleih von Tarantino höchst persönlich vertrieben wird. Ein ungewöhnlicher HongKong Thriller aus dem Jahr 1995.
Es gibt aber auch neues aus deutschen Landen. Ex (D 1995) von Mark Schlichter ist ein spannender Actionfilm jenseits von „Tatort“. Beim Münchner Filmfest erhielt er den Hypo-Bank Preis für den besten deutschen Film. American Psycho im neuen deutschen Film: Gentleman (D 1995) ist die Studie eines sonderbaren Einzelgängers. Ein Geheimtip ist der Kurzspielfilm der Dortmunder Filmstudenten Flöter/ Heinen/Siepmann Luna 13 (D 1994). Die DDR Kosmonauten Scharlow und Jablonski machen auf dem Mond eine sensationelle Entdeckung: Die Amerikaner haben den Mond nie betreten! Doch leider bricht der Funkkontakt zur Bodenstation ab. Drei Jahre treiben sie durchs All. Als der Kontakt zur Erde wiederhergestellt ist, müssen sie feststellen, daß sich in ihrem Heimatland einiges verändert hat...
Im Finnland-Special wird der Regisseur Jari Halonen vorgestellt. Das Enfant-Terrible der finnischen Theaterszene sagt über sein Filmschaffen: „I want to make films to change the world without boring viewers to death“. Sein Erstlingsfilm Back to the USSR (FIN 1992) ist eine provokative Komödie über den letzten finnischen Kommunisten, der einen Le-nin-look-a-like Vampir trifft und mit ihm versucht seinen Lebenstraum zu erfüllen. Ein optischer Genuß in leuchtenden Farben und mit phantastischen Bauten ist Lipton Cockton In The Shadows Of Sodoma (FIN 1995). Wladiwostock im Jahre 2037, die Einwohner verschwinden, in dem sie zerplatzen, niemand weiß warum. Der Detektiv Lipton Cockton erhält den Auftrag, das Geheimnis zu lüften.
Es gibt auch wieder einige Musikfilme. Dieses Jahr kommen besonders die Velvet Underground und Elvis Fans auf ihre Kosten. Nico Icon (D 1994) ist eine faszinierende Dokumentation über Nico, die legendären Sängerin von Velvet 19 Underground. The Return Of The King von Joseph Sirkorsky (USA 1993) huldigt King Elvis.
Eine wahre Rarität ist der Film Sinister Urge. Eine Ausgrabung aus dem Jahr 1961 von Kultregisseur Ed Wood, den er in seiner schlechtesten Zeit, als er aus Erfolglosigkeit bereits ins Pornogeschäft abdriftete, gedreht hat.
„Late Night Gay Attack“ nennt sich die lange Nacht der schwulen Filme. Es werden Kurz- und Langfilme aus vier Jahrzehnten gezeigt!
Neben dem deutschen Kurzfilmwettbewerb, laufen im Programm viele internationale Kurzfilme, das beste von den diesjährigen Festivals. Unter anderem auch zwei Kurzfilmrollen, eine mit Filmen aus Neuseeland und die andere mit internationalen Animationsfilmen.
Auch diese Jahr gibt es wieder ein Filmfrühstück mit einem passenden Film für einen Novembernachmittag: Das Wirtshaus im Spessart von Kurt Hoffmann (D 1957) mit der unvergeßlichen Liselotte Pulver.
Zu guter letzt gibt es noch eine kleine Abel Ferrara Retro mit seinen besten Filmen: Angel Of Vengeance (USA 1981), King Of New York (USA 1989/90) und Bad Lieutenant (USA 1991/93). ■
Ab Anfang November werden die Programme für exground 8 ausliegen. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
exground on screen c/o Andrea Wink
Ernst-Göbel-Straße 27 65 207 Wiesbaden
Fax: 0611 • 95050 70
Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)
Schlagworte: Festival
