GRIP 12
01.09.1995
Elegien in Einsamkeit - Tot Ziens, Heddy Honigmann The Bridges of Madison County, Clint Eastwood
Von Peter Claus
Elegien in Einsamkeit sind „in“. Reaktion des Kinos auf die Single-Gesellschaft. Am eindringlichsten reflektierte bisher Jeremy Podeswa in „Eclipse“ den weithin zunehmenden Verlust an Hoffnung, auf Dauer einem „Du“ begegnen zu können. Vereinigung löst sich in diesem erotischen Reigen zwischen Ehealltag, Strich und Nachtbar stets auf im tristen Dunst autistischen Allein-Seins. Ähnlich seinem Kollegen Atom Egoyan allerdings beleuchtet Podeswa den Zusammenhang zwischen zunehmendem Beziehungsfrust und gesellschaftlicher Kälte als (freilich fulminant inszenierten) Exotik-Trip hinter die Fassaden des Gewöhnlichen. All seinen Figuren ist zu eigen, daß sie ob dieses oder jenes Psycho-Knacks’ buchstäblich aus dem Rahmen fallen.
Das Gewöhnliche an sich hingegen ist Objekt der Beobachtung und einziger Spielraum der Subjekte in „Tot Ziens“ („Auf Wiedersehen“) aus den Niederlanden, entdeckt im Wettbewerb des diesjährigen 48. Internationalen Filmfestivals von Locarno (noch ohne deutschen Verleih), sowie „The Bridges of Madison County“ („Die Brücken am Fluß‘7 USA), ab 28. September hierzulande in den Kinos. Wieder geht es um flüchtige Begegnungen, wieder dominiert Resignation, wieder kein happy end.
„Tot Ziens“ der 1951 in Lima geborenen, heute in den Niederlanden lebenden Regisseurin Heddy Honigmann, die das Drehbuch zusammen mit Helena Van Der Meulen schrieb, soll um der Verständlichkeit des Begriffes wegen, ohne koketten Seitenhieb, als europäischer Autorenfilm annonciert werden. Dabei sei nachdrücklich darauf verwiesen, daß dieses zweifelhafte Etikett hier für das Gegenteil des Gängigen steht. Ein ungrüblerischer, ein nie an eloquenter Existenzzweifelei leidender, ein wahrhaftiger Film: Jan und Lauras Blicke treffen sich zum ersten Mal auf einer Eislaufbahn, deren Grau-in-Grau von süßer Musik aus knarzen-den Lautsprechern nur schwerfällig übertönt wird. Jeder läuft für sich, doch das Prickeln des Flirts schenkt ein Schweben und Schwingen. Der Zufall will, daß sich die beiden später, auf dem Nach-Hause-Weg, mit ihren Fahrrädern an einer Kreuzung treffen. Dann geht alles ganz schnell: Sich-An-sehen, Beieinander-Bleiben, Miteinander-Schlafen. Noch atemlos vom Taumel des gewalttätigen Glücks auf dem Fußboden in Lauras kleiner Wohnung folgt Jans Geständnis: „Ich bin verheiratet. “ Lauras lakonische, bissige Antwort - mit kleinem bangem Fragezeichen: „Glücklich? “
Der nun folgende Kampf des Paares umeinander und wider die Verzweiflung, die entsteht, wenn Gefühle nicht mehr kontrollierbar sind, die Angst vor dem Verletzt-Werden und vor dem Zwang, andere, in diesem Fall Jans Frau, verletzen zu müssen, endet nicht im üblichen Platt-Komödischen.
Heddy Honigmann und ihr Hauptdarsteller-Duo Johanna Ter Steege/ Guy Van Sande haben den Mut zur Sinnlichkeit und damit zum zutiefst Traurigen. Ganz schnell wird aus Ekstase Verzweiflung. Jan, gefangen im Selbstbetrug, seine Emotionen beherrschen und beiden Frauen gleichermaßen Partner sein zu können, forciert geradezu das Versanden im Verlust: Irgendwann wird er schließlich merken, daß der Versuch doppelten Genusses zum „Aus“ jeglicher Genußfähigkeit führt. Auch diese amour fou muß darum zwangsläufig enden wie so viele vor und mit Sicherheit auch nach ihr: Als vom tröstlichen Windhauch des Vergessens verwehtes Kalenderblatt.
Clint Eastwood dringt mit der von ihm inszenierten Romanverfilmung „The Bridges of Madison County“ noch tiefer ein in jene alles erstickende Banalität, die unaufhaltsam aus Vernunft quillt, aus Anpassung, aus mangelndem Mut zur wenigstens kleinen Rebellion: Francesca Johnson (Meryl Streep), aus Italien stammende Farmersfrau in der stillen Weite des US-Rundesstaates Iowa, verheiratet, Mutter zweier halbwüchsiger Kinder, lebt ein klassisch-stumpfes Hausfrauendasein. Eines Tages, die Ihren sind gerade nicht da, steht der durchreisende Pressefotograf Robert Kincaid (Clint Eastwood) vor ihr, fragt nach dem Weg.
Auch hier: Nur ein Blick. Auch hier: Der Taumel entfesselter Begierde. Auch hier: Kein Vertrauen in die eigene Kraft zur Veränderung des festgefahrenen Lebens. Am Ende wird Robert tränenüberströmt am Straßenrand, im Regen, stehen, wird Francesca neben ihrem nervend-netten Ehemann im Auto sitzen und es trotz aller schmerzlichen Sehnsucht nicht wagen, mit einem kurzentschlossenen Handgriff die Tür zu öffnen und, das Risiko des möglichen Absturzes ignorierend, zum Höhenflug in eine andere Welt aufzubrechen.
Ganz hollywoodlike, natürlich, wie sonst, auf die Stars Streep/Eastwood zugeschnitten, erreicht das Kammerspiel bei aller formalen Konventionalität eine erstaunliche Dichte in der Schilderung der verhängnisvollen Macht einer Etikette, die allein auf normgerechtes, also in jeder Hinsicht mittelmäßiges Verhalten ausgerichtet ist. Ob bewußt oder unbewußt ist „The Bridges of Madison County“ political uncorrect in höchstem Maße. Wie sollte es auch anders sein, will Kino, selbst da es sich tradierten Sehgewohnheiten beugt, ehrlich bleiben: Lieben bedeutet immer, aus der Reihe zu tanzen.
Beide Filme, „Tot Ziens“ und „The Bridges of Madison County“, so unterschiedlich sie sind, beleuchten mit bitterer Konsequenz die Armut einer Gesellschaft, deren Mitglieder fast nur noch streng ausgerichtet nach den herrschenden Regeln zu leben in der Lage sind, also nur noch eines kennen: „The Imitation of Life“.
Kategorie: Rezensionen (Bücher und Film bzw. GRIP Kritik)
Schlagworte: Spielfilm
