GRIP 12
01.09.1995
Das Konzept der Kreativbörse
Von Andreas Schardt
- Die Grundidee der Kreativ Börse
Wer kennt das nicht: Jemand hat eine knackige Programm- oder Projektidee, schreibt sie mit viel Enthusiasmus nieder - und dann beginnt die mühselige Suche nach Partnern für die Realisierung. Man schickt das Konzept zunächst an die wenigen, die man kennt. Freundliche Absagen nach mehreren Wochen sind das häufigste Resultat. Dann versucht man es bei den anderen, was meistens den Charakter einer Postwurfsendung hat. Das zeitigt in der Regel noch weniger Erfolg: Wenn überhaupt eine Reaktion kommt, dann nach Monaten eine Drei-Zeilen-Absage. Wenn man es dann entnervt aufgibt, liest man vielleicht wenig später, daß irgendwer gerade ein ganz ähnliches Konzept realisiert. Wie kann man dieser unerfreulichen Erfahrung aus dem Wege gehen?
Die häufigste Ursache des Problems: Viele Projekte im audiovisuellen Bereich (Film, Fernsehen, Show etc. ) scheitern daran oder kommen nie zustande, weil es nicht gelingt, die richtigen Partner zur richtigen Zeil am richtigen Ort zusammenzubringen. Aber auch Projekte, die schon Interesse gefunden haben, brauchen immer öfter mehrere Partner, um überhaupt realisiert werden zu können, oder um das nötige Budget zu erreichen. Das notwendige Paket von Interessenten - in der Regel mindestens zwei, darunter am besten ein TV-Sender - rechtzeitig zusammenzuschnüren ist für „Einzelkämpfer“ oder newcomer langwierig und schwer, meist scheitert das Projekt letztlich daran.
Die Konsequenz aus der Erfahrung, die wir in jetzt gut drei Jahren mit der Vermittlung von Einzelprojekten im audiovisuellen Bereich machen konnten, ist der Plan, diese Personen - Anbieter, Nachfrager, Kreative - an einen Tisch zu bringen und zu bitten, einige Stunden ausschließlich über ihr Lieblingsthema zu reden: über Projekte und deren Realisierungsmöglichkeiten. Angebot und Nachfrage sollen damit so eng wie möglich zusammengebracht werden, um - wie an einer Börse - die Gelegenheit zur Anbahnung geschäftlicher Verbindungen zu geben. Damit war die Idee der „Kreativ Börse“ geboren.
Ziel dieser Kreativ Börse ist wohlgemerkt nicht, Konzept-Diskussionen zu führen: sie ist kein Workshop, sondern dient der Vorstellung von ausgereiften Konzepten vor potentiellen Kooperationspartnern und bietet damit die Chance zur unmittelbaren Ansprache möglicher Partner für die Finanzierung oder Realisierung der Projekte.
Am 21. April 1995 war es so weit, daß diese Idee zum erstenmal mit ca. 25 Beteiligten erörtert wurde. Darunter sind Entscheidungsträger aus den Bereichen Fernsehen, Produzenten (Film, TV, Dokumentation etc. ), Tonträgerproduzenten, Eventorganisatoren, CD ROM-Produzenten, Merchandiser, Künstlermanagements, aber auch Autoren und andere Kreative. Die Resonanz auf das Initial-Treffen, das im Deutschen Filmmuseum Frankfurt stattfand, war rundweg positiv, das Interesse an einer konkreten Umsetzung bei den Beteiligten sehr groß. Die Konsequenz: Am 7.7.1995 fand das nächste Treffen stall, bei dem erstmals konkrete Projekte angeboten wurden.
- Die Funktionsweise
Die Kreativ Börse folgt einer strengen „Spielregel“: Innerhalb von maximal zehn Minuten wird jedes Projekt präsentiert und erklärt, welche Allianzen gesucht werden. Weitere 15 Minuten gehören der Diskussion und der Beantwortung von Rückfragen. Sodann wird festgehalten, wer ggf. welche näheren Informationen über das jeweilige Projekt erhält. Die Gesprächsergebnisse und Arbeitsaufträge werden minutiös schriftlich dokumentiert, ebenso, wer bei welcher Präsentation anwesend war, sich für ein Projekt interessiert oder Unterlagen angefordert hat. Das Interesse kann ggfs. auch verdeckt oder außerhalb der Meetings geäußert werden, wenn sieh der Interessent nicht zu erkennen geben will 21 oder erst Bedenkzeit braucht.
Allen Kontakten, die so geknüpft werden, gehen die Organisatoren der Börse nach, und dokumentieren den Verlauf und Erfolg ihrer Tätigkeit. Die Aufzeichnungen hierüber stehen - neben den Organisatoren - grundsätzlich nur denen zur Verfügung, die das jeweilige Projekt angeboten haben.
- Der Ablauf
Erster Schritt ist ein Vertragsabschluß über die Vermittlungstätigkeit zwischen dem Anbieter eines Projekts und uns als „Betreibern“ der Kreativ Börse. Dann werden die Eckdaten der Projekte, die präsentiert werden sollen, von uns schriftlich erfaßt. Vor jeder Präsentation wird geprüft, ob sich das Projekt für die Vermittlung in der Börse überhaupt eignet und welche Partnerschaften (noch oder schon) möglich sind. Jedes angenommene Projekt wird in eine Liste aufgenommen und erhält eine eigene Dokumentation (ein file), die kontinuierlich aktualisiert wird.
Präsentiert werden nur gelistete Projekte, wobei die Präsentation in den Treffen der Kreativ Börse grundsätzlich mündlich erfolgt; es werden im Vorfeld keine schriftlichen Unterlagen zirkuliert, um den Kreis derer, die mit dem Projekt arbeiten, überschaubar zu halten. Eine Weitergabe von Unterlagen erfolgt nur auf Anforderung und in enger Abstimmung mit den jeweiligen Anbietern. Jeder Anbieter sollte möglichst sein Projekt zumindest für eine gewisse Zeit exklusiv durch die Kreativ Börse vermitteln lassen, damit nicht „durcheinander“ akquiriert wird.
- Wer kann teilnehmen?
Der Kreis der Teilnehmer ist „handverlesen“, d. h. daß die Organisatoren nur die Personen an den Tisch bitten werden, mit denen sich aufgrund vorbestehender Geschäftsbeziehungen ein Vertrauensverhältnis entwickelt hat. Ansonsten ist der Kreis der Teilnehmer prinzipiell offen, und kann - wenn nötig - auch variiert werden, je nachdem, ob bestimmte Projekte sich vielleicht nur für einen bestimmten Personenkreis eignen. Weitere Teilnehmer werden entweder von uns angeworben, oder von denen, die bereits teilnehmen, herangeführt. Wichtig ist und bleibt für uns dabei ein Mindestmaß an persönlicher Kenntnis; es sollte kein „Kommen und Gehen“ geben.
Voraussetzung für die Teilnahme ist allerdings der Abschluß einer Vertraulichkeitsvereinbarung mit den Organisatoren. Darin verpflichtet sich jeder Teilnehmer, weder Informationen aus dem Kreis der Meetings herauszutragen noch Unterlagen ungenehmigt weiterzugeben, und die Organisatoren sofort zu unterrichten, wenn ihm ein präsentiertes Projekt - gleich oder ähnlich - bereits bekannt ist. Ebenso muß er die Organisatoren informieren, wenn er mit dem Anbieter bzw. dieser mit ihm Kontakt aufnimmt, um über eine Kooperation zu verhandeln.
Anbieter eines Projekts kann prinzipiell jeder werden. Entscheidend ist, daß es sich für die Börse eignet. Dafür müssen einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein: Die Projekte müssen ausformuliert vorliegen, originell sein, die Rechte-Situation muß eindeutig sein, ebenso muß der Anbieter offenlegen, welche Quellen er benutzt hat und wem das Projekt schon einmal angeboten wurde. Nötig sind schließlich präzise Vorstellungen über die Kosten (Budget) und die möglichen Beteiligungen.
- Vertraulichkeit, Urheberschutz
Die häufig gestellte Frage, wie die Vertraulichkeit von Ideen o. ä. gewährleistet wird, hat natürlich auch uns bewegt. Klar war, daß eine schlüssige Antwort hierzu ein essentieller Punkt ist. Zunächst soviel: Bloße Ideen genießen bekanntlich keinen Schutz, sondern nur ihre konkrete Ausformung. Deswegen werden in der Börse grundsätzlich keine Ideen erörtert, sondern nur ausformulierte Projekte, deren Einzelelemente schon deutlich erkennbar und damit schützbar sind. Diese Elemente fließen in die Projekterfassung ein, die am Anfang der Zusammenarbeit steht, und sind damit festgehalten.
Durch die genaue Dokumentation des Projektinhalts einerseits, und des Ablaufs der Präsentation andererseits kann man belegen, wer welches Projekt zu welchem Datum in der Börse kennengelernt hat. Taucht das Projekt später (mit kleinen Abwandlungen) woanders unerwartet auf, läßt sich die Spur nachverfolgen.
Dadurch und durch die Vertraulichkeitsvereinbarung ist bei den Teilnehmern, die wir ja persönlich kennen, schon ein wichtiges Schutzelement gegeben. Denn dank der vertraglichen Beziehung zu uns stellt die mißbräuchliche Nutzung eines Konzepts nicht nur eine Urheberrechtsverletzung gegenüber dem Anbieter dar, sondern auch eine Vertragsverletzung gegenüber den Organisatoren. Das bedeutet nicht nur eine doppelte Hemmschwelle für die Teilnehmer, sondern begründet zugleich das klare Eigeninteresse der Organisatoren an „geordneten Verhältnissen“.
Natürlich gibt es keinen vollkommenen Schutz, aber: Wer ein Konzept vermarkten will, der muß an andere herantreten. Wenn das mit genauer schriftlicher Dokumentation in einer begrenzten Öffentlichkeit und unter klaren Spielregeln passiert, ist das wahrscheinlich der bessere Schutz, als z. B. ein „Vier-Augen-Gespräch“ oder das Herumschicken von Unterlagen. Die Befürchtung, daß die Adressaten der Präsentation trotz allem Ideen oder Elemente aufgreifen und abwandeln könnten, halten wir für unangebracht. Andererseits: Was ist die Alternative, außer vielleicht, das Konzept lieber in der Schublade liegen zu lassen?
Noch etwas zum Selbstverständnis der Organisatoren: Die Kreativ Börse ist eine kommerzielle, auf Gewinnerzielung gerichtete Aktion. Sie finanziert sich im wesentlichen aus einem Anteil an dem, was über sie vermittelt wurde. Ihr primäres Ziel ist es deshalb, Partner für das einzelne Projekt erfolgreich und möglichst schnell zusammenzubringen. Das setzt voraus, vertrauenswürdig und für alle offen zu sein. Das Funktionieren der Kreativ Börse hängt also davon ab, daß sie nicht nur effizient, sondern auch unabhängig und frei von Partikularinteressen vermitteln kann. Deshalb kann sie ein Sender oder Produzent wahrscheinlich nicht erfolgreich veranstalten. Es muß vielmehr eine neutrale Stelle sein, die diese Aufgabe übernimmt, und die über die nötige Sachkunde im Bezug auf Erwerb und Schutz von Urheberrechten verfügt. Kein Wunder daher, daß solche Funktionen in anderen Ländern oft im Umfeld von Rechtsanwälten angesiedelt werden. Warum nicht auch hier?
Diese für unsere Breiten wohl noch ziemlich ungebräuchlichen Konstruktion soll zunächst gut ein Jahr lang zur Probe laufen, um das Konzept zu optimieren. Wenn die Idee funktioniert und sich ausreichende Nachfrage ergibt, wird das Experiment fortgeführt und erlangt hoffentlich bald die „Serienreife“.
Kontakt: Kornmeier & Schardt Medienberatung
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Kategorie: Gastbeitrag (ehemals Selbstdarstellungen von institutioneneigenen Mitarbeitern / ab GRIP 63)
Schlagworte: Institution
