GRIP 07

01.09.1993

Wie David gegen Goliath

Von Stefan Müller

Wenn am 11. Oktober 'Fellinis Roma' in der Reihe Filmklassiker über die Leinwand des Frankfurter Hofs in Mainz flimmert, kann Reinhold Wolf von der Arbeitsgemeinschaft Stadtkino einen interessanten Zusammenhang herstellen: 'Zu den unvergeßlichen Szenen des Films gehört die Entdeckung unterirdischer Katakomben beim U- Bahnbau mir altrömischen Fresken. '

Wolf hat zwar in Mainz keine Fresken endeckt, aber in den Räumen des Institut Francais fand sich eine 'uralte' Leinwand. Für den Cineasten Wolf ein Beleg dafür, daß hier bereits zu den Zeiten der französischen Besatzer Filme abgespult wurden. Diese cineastische Tradition setzt die AG Stadtkino jetzt fort, wenn auch mit einfachster Ausstattung und mobiler 16 Millimeter-Technik. Im Juli wurde der Vertrag unterschrieben, der die Odysee der kommunalen Filmleute beendet. Die Testphase läuft bis Ende des Jahres, danach hofft man auf den des Raumes zum Studiokino mit besserer Technik. Doch die Kürzungen im Mainzer Stadtsäckel könnten auch dieses Projekt zunichte machen: Von den rund 107. 000 Mark, die der AG 1992 zur Verfügung standen, knapste die Stadt in diesem Jahr 20 Prozent ab. Und im nächsten Jahr soll der gekürzte Betrag festgeschrieben werden - von einer dringend benötigten Aufstockung keine Spur. 'Damit haben wir kaum eine Überlebenschance' orakelt Reinhard Wolf. Neue Geräte sind notwendig. Man müsse 'jetzt reinklotzen, dann läuft es über Jahre hinweg'. Im Rhein-Main-Gebiet klotzen allerdings andere rein: Die beiden avisierten Multiplexe zwischen Frankfurt und Wiesbaden werden auch Zuschauer aus Mainz abziehen. 'Das ist zweifellos des Guten zuviel' Wolf von Verschuer, Geschäftsführer des Wiesbadener Hauptverbandes deutscher Filmtheater, äußerte sich in einem Interview im Filmecho/Filmwoche mit klaren Worten zum geplanten Bau zweier Multis. 'Schließlich wenden sich beide Komplexe an das gleiche Publikum, nämlich an Besucher, die aus dem Taunusbereich kommen', so Verschuer weiter. Am MTZ hat Wolfgang Theile bereits den Grundstein für einen rund 35 Millionen teuren Kinopalast gelegt und auch das Faktor-Projekt am Nordwestzentrum ist genehmigt. Zwei Multiplexe in einem solchen überschaubaren Raum seien 'einfach nicht sinnvoll'. Zu den befürchteten Umsatzeinbußen für die benachbarten Kinos hat sich Verschuer im Interview jedoch nicht geäußert. Dabei ist vor einigen Monaten die mit Spannung erwartete zweite Multiplex-Studie der Berliner Filmförderungsanstalt vorgestellt worden. Sie zeichnet für die kleinen Kinos im Umfeld der sieben bereits bestehenden Multis ein dramatisches Bild: Mehrals ein Drittel (37 Prozent) weniger Zuschauer besuchten im vergangenen Jahr die Umfeldkinos, während die Multis immer mehr Besucher anzogen. Die Schere zwischen dem Plus der Multis und dem Minus der Umfeldkinos weitet sich immer mehr. Der befürchtete Verdrängungswettbewerb ist tatsächlich eingetreten und vergrößert sich Monat um Monat bedrohlich. Kein Wunder, daß Kinobetreiber wie Ulrich Auras aus Bad Soden bereits massive Existenzängste spüren. Für ihn würden bereits 30 Prozent Einbußen das Ende bedeuten. Auras ist Vorsitzender der Initiative 'Kino am Ort', die seit einem Jahr gegen ein Multiplexprojekt vor ihrer Haustür kämpft - und fast resigniert hat. 'Wir haben so ziemlich alles versucht', erklärt Auras, der mit einer einzigen Leinwand gegen 12 'Screens' eine s Kinodroms wie David gegen Goliath antritt. 'Shopping, Kino, Essengehen' und einen 'dauerhaften Ansturm junger Leute' sagen die Betreiber des Großprojekts im Dreieck zwischen Taunus, Wiesbaden und Frankfurt voraus und behaupten dreist, vom 'grundsätzlich zu erwartenden Besucherzuwachs könnten auch die kleineren Kinos mit einem spezialisierten Angebot profitieren'. Damit wird unumwunden eingeräumt, daß die konsumorientierte Jugend mit einem Mainstream- Hollywood-Programm gefüttert werden soll. Wer KinokuItur will, darf weiterhin in die 'kleinen' Kinos gehen - falls es sie überhaupt noch gibt. Reinhard Wolf von der Mainzer AG Stadtkino sieht das gelassener, denn seine ausgesuchten Programme, darunter viele französische Filme, richten sich an wirkliche Kenner, eben Cineasten. Doch das Publikum werde einfach anspruchsvoller, so Wolf. Bequemlichkeit und feinste Tonqualität sind Trumph -auch bei den unabhängigen Kinos. 'Die Mainzer gewerblichen Kinos werden mit einem blauen Auge davonkommen', sagt Wolf mit Blick auf die Multiplexe, 'langfristig werden aber nur die Spezialitätenkinos und die Großen überleben'. Halt die beiden Extreme. 'Wenn es zu spät ist, werden alle dem Kino am Ort nachtrauern', glaubt Ulrich Auras und fügt hinzu: 'Die Filmkultur wird durch die Multiplexe kaputt gemacht'. Und doch hat ihn ein Ergebnis der Studie besonders interessiert: Einige wenige Kinobetreiber in Multiplex-Nähe konnten sich nicht nur gegen die Konkurrenz behaupten, sie hatten sogar die Nase vorn. Wie sie das gemacht haben wissen Aura und die Studie allerdings auch nicht. Eine Hoffnung bleibt ihm noch: Daß sich zwei Multiplexe gegenseitig die Zuschauer wegnehmen und daß sich deswegen beide Großkinos deshalb finanziell nicht tragen werden und in den Ruin treiben.

Nachtrag von der Redaktion:

Laut Information der Frankfurter Rundschau vom 16. September wird in der NordwestStadt kein Multiplex gebaut!

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Kino, Kulturförderung

Artikel im PDF aufrufen