GRIP 07

01.09.1993

Der Frank-Daniel-Script-Workshop im European Film College

Ein Erfahrungsbericht

Von David Ungureit

Es herrscht bei Produzenten, Regisseuren, Journalisten und Redakteuren von Fernsehanstalten ein großer Konsens darüber, daß der deutsche Film und das deutsche Fernsehspiel dringend gute Autoren brauchen, nach denen man händeringend suchen müsse. Schaut man sich jedoch als junger Autor in Deutschland nach Ausbildungs- und Fortbildungsmöglichkeiten um, hat man eher den Eindruck, es würden keine Hände gerungen, sondern Däumchen gedreht. Umso erfreulicher war es für mich darum, im Mai dieses Jahres am "Frank-Daniel-Script-Workshop" teilnehmen zu können.

Ich hatte mit dem Schauspieler Armin Marweski zusammen ein Exposé für einen Science-Fiction-Film mit dem Titel "Game over" geschrieben, das von der Hessischen Filmförderung mit 10.000 Mark gefördert wurde. Wir schrieben ein Treatment und fanden einen Produzenten in München, mit dem wir einen Optionsvertrag für ein Drehbuch abschlossen. Der Produzent reichte unser Treatment als Bewerbung für den Workshop bei der "fidibus film GmbH" in Köln ein, und wir wurden angenommen. Man muß jedoch nicht unbedingt mit einem Produzenten arbeiten, um sein Werk einreichen zu können. Ebensowenig muß man bereits eine Filmförderung erhalten haben. Man sollte dann aber ein dickes Portemonnaie haben, denn die Teilnahme kostet inkl. Mehrwertsteuer 2875. - Mark. Das ist jedoch nur etwa ein Viertel der eigentlichen Kosten für den Workshop. Die restlichen drei Viertel werden von einem Konsortium getragen, dem u. a. der "Film Fond Hamburg", die "Filmstiftung NRW" und der "European Script Fund" angehören.

Vom 22. bis zum 31. Mai trafen sich die dreißig Teilnehmer in Ebeltoft, einem malerischen Städtchen an der dänischen Ostseeküste, nahe Aaarhus. Dort steht seit letztem Jahr das "European Film College" (EFC), ein Gebäudekomplex, der zwei Kinos, Schneideräume, Film- und Tonstudios, Videoequipment, Seminarräume, eine Bibliothek, Hotelzimmer und vieles andere mehr beherbergt, das einem den hautnahen Kontakt mit dem Film ermöglicht. Wie ein Koloß ragt das von finnischen Architekten entworfene College, zu dem Milos Forman den Grundstein gelegt hat, aus der dänischen Landschaft, aber sobald man eines der Gebäude betreten hat, fühlt man sich heimisch. Die angenehme Atmosphäre und die Gastfreundschaft der Hausherren trugen viel zum kreativen Output der Teilnehmer in den nächsten zehn Tagen bei. Das EFC ist eine staatliche Einrichtung und versteht sich selbst als "Zentrum für Ausbildung und audiovisuelles Training". Für jeden Sommer sind Lehrgänge geplant, zu denen Profis der Film- und Fernsehwelt eingeladen werden. Den Rest des Jahres werden Schulungen für Amateure, Anfänger und interessierte Laien durchgeführt. Wir waren die erste "professionelle" Klasse, die das EFC besucht hat und wurden von den Gastgebern auf das Freundlichste verwöhnt. Selbst ausgefallene Wünsche, z. B. nach Cola-light oder einem Lederfußball wurden binnen kürzestem erfüllt. Nach ein paar Tagen fühlten wir uns eher als Teil einer großen Familie, denn als Teilnehmer eines Drehbuch-Workshops. Ebenso wie die Kulisse, stimmte auch die Besetzung des Lehrkörpers. Frank Daniel, Oscar-Preisträger, Produzent und Autor zahlreicher Hollywood-Filme ist Ausbilder an einer Drehbuchschule in Amerika. Mit fünf seiner ehemaligen Schüler, die allesamt inzwischen erfolgreiche Drehbuchautoren sind, hielt er den sehr kreativ gestalteten Unterricht ab. Die Teilnehmer waren schon vorher von "fidibus" für die verschiedenen Klassen eingeteilt worden. Jede Klasse hatte einen eigenen Lehrer und bestand aus vier bis sechs Personen. Wer ein komplettes Drehbuch eingereicht hatte, das er nun überarbeiten wollte, kam in die "Script Class", wer ein Treatment hatte, in die "Scene writing-", bzw. in die "Treatment Class". Außerdem gab es noch eine "Producers Master Class" für Produzenten. Hatten wir zunächst Bedenken, daß unser Schulenglisch dem Reden und Schreiben nicht gewachsen sei, so machte sich das Fehlen jedweder sprachlicher Arroganz bei den Amerikanern äußerst angenehm bemerkbar, und nach einigen Tagen konnte es durchaus passieren, daß man beim Abendessen zwei Stunden auf englisch diskutierte, um dann festzustellen, daß die Gesprächspartner aus Österreich und der Schweiz kamen.

Der Unterricht begann jeden Morgen um 9. 00h. Wir waren in der "Scene writing Class" bei Don Bohlinger. Hier konnte man die Grundlagen filmischen Erzählens erlernen, mit Schwerpunkt auf Dramaturgie und Struktur. Ziel dieses Kurses war das Erstellen eines Kurzfilm-Drehbuches. Es begann mit verschiedenen Übungen, wie dem Schreiben von Geschichten nach vorgegebenen Mustern. Ein Beispiel dafür ist das "Supernatural Scenario":

  1. Akt "'Entwerfen Sie einen Charakter, zeigen Sie ihn in seiner Routine. Plötzlich wird diese Routine von einem übernatürlichen Ereignis durchbrochen (Point of attack). Das Leben der erfundenen Figur verändert sich drastisch. Der erste Akt endet damit, daß die Figur begreift, etwas tun zu müssen.
  2. Akt Unsere Filmfigur versucht auf verschiedene Arten, mit dem übernatürlichen Einfluß umzugehen und verstrickt sich dabei immer mehr in Schwierigkeiten. Der zweite Akt endet, wenn die Figur ihren tiefsten Punkt erreicht hat und eine Entscheidung trifft.
  3. Akt Die Auflösung. Was passiert? Die Figur hat getan, was sie glaubte tun zu müssen. Wie hat es funktioniert, was ist das Ergebnis?

Wir bekamen Outlines für zehn verschiedene Scenarios und füllten sie nach und nach mit Leben. Die Ergebnisse der meist nächtlichen Arbeit wurden fotokopiert und am nächsten Morgen in der Klasse verteilt und vorgelesen. Anschließend diskutierte man, lobte und kritisierte, machte Verbesserungsvorschläge und sammelte neue Ideen. Nach sechs Tagen (und Nächten) hatte jeder von uns ein Bündel Geschichten, von denen nun jeweils eine ausgewählt wurde, um daraus ein drehreifes Kurzfilm-Drehbuch zu schreiben. Erneut wurden jeden Morgen die Arbeiten der Klasse vorgelegt und diskutiert. Auf diese Weise kam ein unglaublicher kreativer Output zustande, und ¡e mehr man sich auf die Ideen der anderen einließ und auf eigene Eitelkeiten verzichtete, desto besser wurden die Geschichten.

Der Umgang mit Erzählstrukturen war also nicht bloße Theorie, sondern wurde an praktischen Beispielen erprobt. Uns wurde Werkzeug in die Hand gegeben, mit dem wir nun etwas bauen sollten. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Geschichten sein können, die nach dem gleichen Schema gebaut sind. Wer denkt, durch diese Art von Training würden immer nur die gleichen (amerikanischen) Geschichten erzählt, täuscht sich. Es ist letztendlich eine Frage der Phantasie des Autors, was er aus einer Vorgabe macht, und eine gute Story wird nur besser, wenn die Struktur stimmt.

Nach dem Unterricht trafen sich alle Teilnehmer und Lehrer zum gemeinsamen Mittagessen in der geräumigen Eingangshalle des Colleges. Da es keine feste Sitzordnung gab, hatte man die Gelegenheit, jeden einzelnen kennenzulernen. Dies empfanden alle als Vorteil, denn so konnte man in lockerer Atmosphäre Kontakte mit anderen Filmschaffenden knüpfen, von Portugal bis Finnland. Neben Autoren und Produzenten nahmen auch viele Regisseure an dem Workshop teil, die in Ermangelung guter Drehbücher beschlossen hatten, ihre eigenen Geschichten zu schreiben. Mittag- und Abendessen entwickelten sich mehr und mehr zu ausgedehnten Sitzungen, während derer man sich exzessiv über Film, Schreiben, Storys, Werdegänge, die Lage in den einzelnen europäischen Ländern, Förderungen, Adressen, etc. unterhielt. Besonders Frank Daniel erwies sich als ausgezeichneter Geschichtenerzähler, der so ziemlich jedem, der Rang und Namen hat, schon einmal begegnet ist. Viele der neueren amerikanischen Autoren und Regisseure, wie z. B. David Lynch, haben ihr Handwerk bei ihm gelernt. Aber auch die anderen Lehrer waren allesamt sympathische Menschen, die zu jedem Blödsinn bereit waren. Bald gehörten Wetten (Einsatz: 20 Kronen) auf die exakte Uhrzeit des schier endlosen Dänischen Sonnenuntergangs zum festen Bestandteil des Abendessens, und ein Sprung in die eiskalte Ostsee, am Ende einer feuchtfröhlichen Nacht, zeigte uns Don Bohlinger von einer ganz anderen Seite.

Nach dem Mittagessen wurden Filme gezeigt, die am nächsten Tag analysiert wurden. Das Programm reichte von Bergmann über Renoir und Woody Allen, bis zu Filmen von Billy Wilder und Milos Forman. Während die Filme ein zweites Mal gezeigt wurden, erklärte einer der Lehrer Uber Mikrophon den Aufbau, die Unterteilung in Akte, Besonderheiten und Dramaturgie. Eine andere Übung bestand darin, eine kurze Filmszene (z. B. die Szene aus "Chinatown", in der Jack Nicholson von Roman Polanski das linke Nasenloch vergrößert kriegt), die mehrmals vorgeführt wird, in Drehbuchform zu schreiben. Anschließend konnte man seine Fassung mit der des "Chinatown-" Autors, Oscar-Preisträger Robert Towne, vergleichen. Zahlreiche andere Drehbücher stehen in der Bibliothek des EFC und können zum Selbstkostenpreis erworben oder einfach fotokopiert werden. Da sich das Abendessen, wie schon erwähnt, meistens bis in den späten Abend ausdehnte, blieb einem zum Schreiben nur die Nacht, überall im College traf man nun auf Gestalten, die über ihren mitgebrachten Laptops saßen und sich Geschichten ausdachten, oder bereits vorhandene Geschichten verfeinerten. Wußte jemand einmal nicht weiter, konnte er sicher sein, daß irgendein anderer eine Idee hatte, die funktionierte. Da die wenigsten Teilnehmer sich auf ihre Zimmer zurückzogen, um zu schreiben, fand man beinahe rund um die Uhr Leute, die irgendwo in der Nähe einer Kaffeekanne ein neues Werk ausbrüteten. Auf diese Weise wurde Müdigkeit zum größten Problem des Workshops, denn dem Fleißigen blieben zum Schlafen selten mehr als drei bis vier Stunden pro Nacht, aber jeder wollte mit seiner Arbeit fertig werden und am nächsten Morgen ein Feedback seiner Klasse haben. In der Atmosphäre des EFC war Schreiben ausnahmsweise einmal keine einsame Tätigkeit, sondern jeder konnte sich als Teil eines Ganzen fühlen und sehen, daß es Gleichgesinnte gibt, die sich manchmal mit den gleichen Problemen herumschlagen, wie man selbst: Ist meine Hauptfigur sympathisch genug?; hat die Handlung "Hänger"?; stimmen die Dialoge?; gebe ich genug Informationen?; verrate ich zuviel/ zuwenig?; ist die Geschichte interessant genug? etc.

Nach zehn Tagen fuhren wir völlig übermüdet, aber mit einem fertigen Kurzfilm-Drehbuch im Koffer und dem Kopf voller neuer Geschichten wieder nach Hause. Den ersten Akt von "Game over", den wir schon vor dem Workshop geschrieben hatten, übergaben wir dem Papierkorb und fingen noch einmal von vorne an. Wir hatten uns vorher wochenlang mit einem Problem herumgeschlagen, das wir mit Don Bohlingers Hilfe in Dänemark in einer halben Stunde lösen konnten. Während wir in den folgenden Monaten das Drehbuch schrieben, führten wir uns immer wieder das Gelernte vor Augen und versuchten, die Werkzeuge richtig zu verwenden. Neben den handwerklichen Fähigkeiten, die wir uns in Dänemark aneignen konnten, scheint mir eine weitere Erkenntnis von großer Bedeutung zu sein: die weit verbreitete Scheu, fremde Ideen zu akzeptieren und in die eigene Geschichte einzuarbeiten, bringt keinen weiter. Ein Werk ist nicht dann das "eigene", wenn es erst jemand zu lesen kriegt, nachdem man es beendet hat, sondern es gewinnt mit jedem guten Rat, den man erhielt, während man es schreibt. Ich kann abschließend wirklich jedem Autor den Besuch eines Frank Daniel Workshops empfehlen. Der nächste findet vom 11. bis zum 20. Dezember 1993 in Hamburg statt. Auch einen Besuch des EFC kann ich jedem ans Herz legen, der seine Kenntnisse über Film vertiefen möchte.

Adressen: fidibus film GmbH
Birkenfelderstr. 28 50939 Köln
Tel.: 0221/43 92 37
Fax: 0221/4316 92

European Film College
8400 Ebeltoft/Dänemark
Tel.: +45 86 34 00 55
Fax: +45 86 34 05 35

Kategorie: Hintergrundbericht (GRIP FORUM)

Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Institution, Drehbuch

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