GRIP 07

01.09.1993

Das Kino ist die Basis des Films!

Von Ernst Szebedits

Der Film feiert 1995 seinen hundertsten Geburtstag! Im Vergleich mit anderen Künsten ein noch jugendliches Alter. Gleichwohl hat sich der Film in dieser kurzen Zeit zu einem bedeutenden Kulturträger des 20.Jahrhunderts entwickelt. Die wechselseitigen Einflüße zwischen Film und Theater, Film und Literatur, Film und bildender Kunst usw. bedürfen heute keiner weiteren Erläuterung.

Die künstlerische Avantgardebewegung der 20igerJahre zum Beispiel ist ohne den Film kaum zu denken. Dennoch steht diese "jugendliche" Kunst immer noch unter Legitimationszwang, muß sich immer aufs Neue behaupten. In den Kulturetats der öffentlichen Hand wird der Stellenwert des Films evident: im Vergleich mit den Subventionen für Theater, Oper u. ä. bleiben für das Kino/den Film lediglich ein paar "Brotkrumen".

Im Gegensatz zu den etablierten Künsten steht der Film aufgrund immanenter Produktions- und Rezeptionsbedingungen stets unter einem doppelten Zwang: er muß sich sowohl als Kulturgut immer neu legitimieren als auch als Wirtschaftsgut rechnen lassen. Es gibt Film als gewinnorientierten Wirtschaftsfaktor in Form des mit gewaltigen finanziellen Mitteln ausgestatteten mainstream-Kinos. Diese Filme zielen auf ein für die Amortisation der Kosten notwendiges Massenpublikum. Und es gibt den Bereich Film, der ohne jeden Zweifel ein zentrales Kulturgut der Moderne ist! Es handelt sich um künstlerische Objektivationen, die etwas über "Welt" sagen, die eine ästhetische Welterfahrung ermöglichen wie kaum eine andere Kunst. Film ist kein Luxus, den sich Länder und Gemeinden leisten solange genügend Mittel vorhanden sind, sondern ist kulturelles "Grundnahrungsmittel". Kino ermöglicht, wie Theater, Oper und Literatur, Erfahrung und Unterhaltung. Jenseits des gängigen Einheitskinos, dem damit seine Berechtigung nicht abgesprochen wird, birgt dies die Chance der Vermittlung bzw. Einsicht in Kulturen, Lebens und Denkweisen. Der europäische Film läßt deutlich werden, wie eminent wichtig diese Form der Kunst werden kann. Im Kino träumt das Europa der Zukunft von sich selbst und antizipiert Möglichkeiten (dies gilt für Cinematographien anderer Länder und Erdteile ähnlich). In einer Zeit, in der Regionalismus sich nur noch seiner negativen Seiten zu versichern scheint, bietet Filmkultur einen relativierenden Blick auf eigene und fremde Kultur, auf Gemeinsamkeiten und Differenzen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach hessischer Filmförderung relativ einfach. Der Vergleich mit anderen Bundesländern bzw. europäischen Ländern hat dabei nur rudimentäre Bedeutung, wenngleich Abstimmungsfragen längerfristig immer notwendiger werden. Hessen hat eine der finanziell am schlechtesten ausgestatteten Filmförderetats! Zugleich hat die hessische Filmförderung in ihrer Struktur bundesweit Vorbildcharakter. Damit gewinnt die hessische Filmförderung einen Stellenwert, der ihr zumindest ökonomisch überhaupt nicht zukommt.

Der Vergleich mit anderen Bundesländern ist insofern schwierig, als es sehr unterschiedliche historische und wirtschafliche Voraussetzungen gibt. Zumindest wird aber am Beispiel Nordrhein-Westfalen deutlich (Filmstiftung, Mediapark etc. ), daß kulturelle und wirtschaftliche Filmförderung bedeutende standortpolitische Faktoren sind. Nicht umsonst zieht es immer mehr hessische Filmemacher und Produzenten in dieses Bundesland.

Film ist wie alle anderen Künste ein schützenswertes Kulturgut (man stelle sich die Oper auf dem freien Markt vor! ). Der Erhalt dieser Kulturform ist einzig mit staatlicher Unterstützung möglich, will man sie nicht den nivellierenden Marktmechanismen überlassen. Wenn Hessen nicht zur filmkulturellen Wüste werden will, bedarf es eines klaren Bekenntnisse zur Filmkultur und damit einer wesentlichen Aufstockung der Mittel der hessischen Filmförderung. Die jetzt zur Verfügung stehenden Mittel sind völlig unzureichend.

In Hessen gibt es, noch, eine vielfältige und bunte Film und Fernsehbranche. Ein vom Filmhaus produziertes Adressenverzeichnis, das "Handbuch für Film, Fernsehen und neue Medien", macht dies auf rund 600 Seiten deutlich. Aber immer mehr Filmemacher, Produzenten und kommerzielle Betriebe wandern ab bzw. produzieren in Bundesländern, die entschieden mehr Mittel zur Verfügung stellen. Es geht darum, Hessen als Produktionsort attraktiv zu gestalten, damit das vorhandene kreative Potential hier gehalten werden kann und neue Produzenten angezogen werden. Es ist evident, daß eine attraktive Filmförderung standortpolitisch interessant und wichtig ist. Um dies zu erreichen, bedarf es nicht nur der Anstrengungen der filmkulturellen Institutionen und der vorhandenen Betriebe, sondern es müssen ausreichende finanzielle Mittel bereitgestellt werden, um eine entsprechende Struktur auf- und auszubauen.

Nachfolgend führe ich einige Rahmenbedingungen auf, die mir notwendig erscheinen, um eine selbstverwaltete Filmförderung in Hessen effektiver zu gestalten. Die Struktur der Hessischen Filmförderung ist in ihren Grundzügen richtig. Grundvoraussetzung ist jedoch eine erhebliche finanzielle Aufstockung der Fördermittel sowohl für den Produktionsbereich als auch für Vertrieb und Abspiel und eine umfangreiche finanzielle Ausstattung der filmkulturellen Institutionen, um diese Bedingungen zu realisieren:

1. Intensivierung der Zusammenarbeit bzw. Zusammenlegung der existierenden filmkulturellen Institutionen in Hessen/ Frankfurt (Filmbüro Hessen, Filmhaus Frankfurt, Sekretariat der Hessischen Filmförderung u. a. ) Erste Schritte hierzu sind bereits getan; Probleme, die sich daraus ergeben, daß die viel zu niedrigen finanziellen Mittel aus verschiedenen Etats (Stadt/ Land) kommen, müssen gelöst werden.
2. Intensivierung der Kontakte und Kooperationen mit den bestehenden Betrieben der Film und Fernsehbranche im Sinne der Arbeits und Produktionsmöglichkeiten für hessische Filmemacher/ innen. 
3. Ausbau der Aus und Weiterbildungsmöglichkeiten sowohl im filmpraktischen als auch film-theoretischen Bereich.
4. Aufbau von Produktionsmöglichkeiten für junge unabhängige Filmemacher/innen (Produktionsräume, Technik, Filmsichtungsmöglichkeiten, Beratung etc. = Filmhaus! )
5. Ausbau eines filmspezifischen öffentlichen Diskurses (Symposien, Vorträge, Workshops, Filmzeitschriften, etc. )
6. Auf und Ausbau von Abspielmöglichkeiten für Filme in Städten und auf dem Land (Programmkinos, Kommunale Kinos, Beratung etc. )
7. Unterstützung filmhistorischer Arbeit (Archive, Kommunale Kinos, etc. )

Zur Realisierung der o.g. Bedingungen ist es notwendig, daß parallel zu den Kooperationen im filmkulturellen Bereich die Zusammenarbeit zwischen dem Land Hessen und Frankfurt forciert wird. Die unterschiedlichen Finanzierungen durch Stadt und/oder Land führen zu Verdopplungen, fatalen Unwägbarkeiten durch jeweils akute Finanznöte und differente kulturpolitische Vorstellungen.

Unabhängig von, gleichwohl wichtigen, standortpolitischen Überlegungen und strukturellen Effekten für die Region, die einen intensiven Ausbau der Hesssichen Filmförderung notwendig machen, möchte ich auf dem zentralen Punkt meiner Ausführungen beharren: Film ist unabhängig von wirtschaftlichen Überlegungen ein schützenwertes Kulturgut und bedarf in hohem Maße der staatlichen Unterstützung. Die Förderung dieser Kunst muß integraler Bestandteil jeder ernsthaften Kulturpolitik sein!

Abschließend noch einige Anmerkungen zur Struktur von Filmförderung. Ganz zweifellos ist es wichtig, ausreichend finanzielle Mittel für die Filmproduktion zur Verfügung zu stellen. Eine sinnvoll Filmförderung im umfassenden Sinne muß gleichwohl alle Bereiche von Produktion und Rezeption erfassen.

Filmkultur bedeutet eine Stärkung der Präsenz von Filmen im Kino, die neben dem mainstream-Kino keine Chance mehr haben. Eine Stärkung der Präsenz des europäischen Films heißt auch, auf Dauer Marktanteile zurückzuerobern. Denn: ¡e länger ein Film gespielt werden kann, desto mehr wird er von der Öffentlichkeit wahrgenommen und kann einem Publikum erst einmal bekannt werden. Die Abstimmung an der Kasse ist ein Mythos, da das Publikum nur über das abstimmen kann, was ins Kino und in die Öffentlichkeit gelangt. Der künstlerisch anspruchsvolle Film, der europäische Film, hat aber keine Öffentlichkeit (und es ist gleichfalls ein Mythos, daß anspruchsvolle Filme ein Massenpublikum erreichen müssen warum? ). Eine massive Unterstützung des Abspiels, der Werbung und der publizistischen Begleitung kommt letzlich auch wieder der Produktion und dem Vertrieb zugute.

Damit ein Publikum Filme sehen kann, müssen diese erst einmal die Chance der Öffentlichkeit erhalten, d. h. das Licht der Leinwand erblicken und zwar ohne den Druck der Ökonomie. Man muß eine filmkulturelle Öffentlichkeit herstellen. Wenn man neben der Filmproduktion das Abspiel, das Herstellen einer Öffentlichkeit unterstützt, bedeutet dies zugleich, daß endlich viele der geförderten Filme, die niemals das Kino erreichen, eine Chance bekommen. Das Kino ist die Basis des Films!

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Kino, Filmtheorie/Filmwissenschaft, Filmkultur, Filmpolitik, Filmhaus Frankfurt, Kulturförderung

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