GRIP 07
01.09.1993
A Cinema that looks at itself
ROCCO und seine Brüder
Von Eckhard Schleifer
Venedig 1960. Die Uraufführung von “ROCCO UND SEINE BRÜDER”, nicht nur für Enno Patalas das einzige Meisterwerk des Festivals, entfacht einen Skandal: “Minutenlange Pfeiforgien, wilde Tumulte, begeisterter Beifall, schließlich Schlägereien” (W. Schmieding). Die Gegner des Films (“Abscheulich! Eine Schande! ”), angeführt von rechten, vatikannahen Christdemokraten, setzen sich auch in der Jury durch: Visconti wird mit einem Silbernen Löwen abgespeist und stattdessen André Cayattes deutsch-französische “Versöhnungsschnulze” (Patalas) “JENSEITS DES RHEINS” prämiert. “Wenn der Löwe aus Silber, ist Schweigen Gold”, hatte Visconti schon anläßlich der bitteren Erfahrung mit “LE NOTTI BLANCHE” gekontert - diesmal reist er noch vor der Preisverleihung ab.
Welche Szenen sind nun für diesen Sturm der Entrüstung verantwortlich, der weitertobt mit der Beschlagnahme des Films durch die Mailänder Staatsanwaltschaft, einer Anfrage im Parlament wegen Bruchs der Grundrechte, der Verdammung durch die Katholische Aktion und einem Prozeß wegen Obszönität? Visconti selbst nennt die Vergewaltigungs- und die Mordszene, während Produzent Goffredo Lombardo zudem die homosexuelle Beziehung zwischen Boxmanager Morini und Simone anführt. Lombardo selbst hält sich auch als “genialen Geistesblitz” zugute, anstatt des Herausschneidens der inkriminierten Szenen ihre Abdunkelung während der Projektion vorgeschlagen zu haben, was die Zensoren akzeptieren. Die italienischen Zuschauer bekommen damit die Stimmen und Geräusche der “widerwärtigen” Passagen klar zu hören, aber die Bilder wegen heruntergedrehter Kohlelampen (Lombardo) bzw. eines Schleiers vor dem Objektiv (Berliner Zeitung) dunkler als den Rest bzw. nur undeutlich zu sehen oder aber aufgrund abgedeckter Linse (Der Spiegel) gar nicht. Welcher Aussage soll man hier im Abstand von über 3o Jahren glauben? Der des Produzenten, weil sie die unmittelbarste Quelle ist?
Sicher ist jedenfalls, daß “ROCCO UND SEINE BRÜDER” im April 1961 um die entscheidenden Szenen “gekürzt, gemildert, entschärft, also gleichsam wohltemperiert(.. )” (Schmieding) hier in die Kinos kommt, gemäß der Devise: Schneiden statt Abdunkeln. Trotzdem preist der Bavaria-Filmverleih, auf die werbewirksame Ausnutzung der Skandalchronik des Films spekulierend, die DF frech als “ungekürzte Exportfassung” an; dabei muß er zugeben, “einige kleine, unbedeutende Schnitte bei der deutschen Synchronisation noch zusätzlich vorgenommen (zu haben), um das Tempo zu beschleunigen. ” “Gewiß wird man eher eine Mars-Rakete entwickelt haben als ein Mittel, deutschen Verleihern Respekt vor der Filmkunst beizubringen” (Patalas in Filmkritik 6/61). Damit nicht genug, diese Form vorauseilender Selbstzensur vermarktet der Verleih auch noch trefflich: “Dieser Film wurde ohne Schnitte von der FSK freigegeben. Er kommt deshalb auch ohne Schnitte im Bundesgebiet zur Aufführung. ” Welch ein Kurzschluß!
Sehen wir uns also diese “kleinen, unbedeutenden Schnitte” und die “ungekürzten Kürzungen” etwas genauer an.
Es beginnt bereits beim Vorspann. Die IF setzt mit einer düsteren, Schicksals- und unheilsschwangeren Musik Nino Rotas ein, zu der auf schwarzem Hintergrund in weißer Schrift die wichtigsten Titel erscheinen. Danach taucht der Film mit dem von Elio Mauro in süditalienischem Dialekt gesungenen Volkslied in eine melancholische Stimmung; der Liedtext schlägt mit der Sehnsucht nach dem verlassenen Heimatdorf schon eines der großen Themen des Films an: die Heimatlosigkeit und das Exil. Dazu fährt die Kamera von unten, im Gittergeflecht eines Aufzugs gefangen, auf das Niveau der Bahnhofsgleise hoch, um uns in Normalperspektive den durch Gitterstäbe gebrochenen Blick auf die Bahnsteige zu bieten. Nach dem ersten Schnitt haben wir das “Gefängnis” verlassen und sehen in Aufsicht eine Totale des Bahnhofs mit der hellen Öffnung am Ende, die mir der in Ciro und Luca personifizierten Hoffnung auf eine veränderte Welt, ein “gerechteres und aufrichtigeres Leben” (Ciro) zu entsprechen scheint, während Simone und Rocco doch in den atavistischen Vorstellungen des Südens gefangen bleiben. Der Vorspann würde somit schon in nuce den Film enthalten. In der DF ist er dagegen um 11/2 min kürzer.
Das Volkslied fehlt völlig, ebenso die Credits vor schwarzem Hintergrund und die Kamerafahrt im Lift. Die DF startet mit dem “Gitterblick” auf die Gleise, der von Rotas (gekürzter) Musik begleitet wird statt von Elio Mauros Gesang. Da die Zeit jetzt für alle Stabangaben nicht mehr reicht, werden die restlichen einfach in die erste Szene (Ankunft der Parondis auf dem Mailänder Bahnhof) hineingezogen.
Welche Auswirkung “ kleine Schnitte ” von teilweise nur 5 sec auf die Struktur eines Films haben können, zeigt sich bei den “ausradierten Kapitelüberschriften”. Visconti hat seinen Film-Roman, der sich über einen Zeitraum von 5 Jahren erstreckt, in 5 Teile untergliedert, die die Namen von Rosarias 5 Söhnen tragen: VINCENZO, SIMONE, ROCCO, CIRO und LUCA. Nacheinander entwickelt sich ein jeder zum Protagonisten seines Kapitels, in dem die jeweils anderen dann eher Nebendarsteller bleiben. (Ursprünglich sollte “ROCCO UND SEINE BRÜDER” mit einem DIE MUTTER überschriebenen Prolog in Lukanien beginnen, um die Ursachen für den Aufbruch aus dem agrarischen Süden in den industrialisierten Norden darzulegen; doch aus Geldgründen wurde er zum Leidwesen Viscontis nicht gedreht. Der Fehler bestand schlicht und einfach darin, mit den Dreharbeiten in Mailand statt in Lukanien zu beginnen. ) Teilweise gehen aber dem deutschen Zuschauer durch diese “unbedeutenden Schnitte” über den romanhaften Aufbau des Films hinaus noch weitere Informationen verloren. Die fehlende Einblendung VINCENZO enthält uns auch das Verlobungspaar Vincenzo und Ginetta vor, das sich verliebt in den Augen liegt (die “Glückwunsch”-Rufe, mit denen das Kapitel in der DF einsetzt, gehen deshalb an unsichtbare Adressaten); und bei SIMONE wird Nadias Schlußfolgerung “Du hast Dich also für dieses Boxen entschieden” unterschlagen.
Um das Boxen geht es zwischen Simone und Nadia auch in Bellagio, wo die beiden die Osterfeiertage verbringen. In der DF endet die Szene damit, daß Simone Nadia eine Zigarette anzündet und Nadia sich Simones Hut aufsetzt: es bleibt so der Eindruck eines Liebespaares im Kurzurlaub (wir hatten Nadia und Simone schließlich im Bett verlassen). Dagegen rückt erst das folgende Gespräch, das wahrscheinlich der “Tempobeschleunigung” weichen mußte, die Dinge zurecht. Simone will Profiboxer werden, also “ernsthaft trainieren”, was auch für Nadia “ein großes Opfer” sein wird Darauf Nadia: “Was habe ich damit zu tun? ” Simone: “Wenn einer im Training ist, kein (Sex) ” (er nimmt das Wort nicht in den Mund, sondern drückt es gestisch aus). Doch Nadia wäscht nun dem verliebten Gockel, der schon gemeinsame Zukunftspläne schmiedet, gehörig den Kopf: “Es ist nötig, daß die Dinge zwischen uns klar sind. Ich mußte für ein paar Tage von der Bildfläche verschwinden mit einem, der nicht zu sehr auffällt. Nach einer Affäre ist Luftveränderung immer gut. ” Anschließend rückt ein Hoteldiener auch die sozialen Verhältnisse zurecht, indem der die “underdogs” von der Mauer des Hotelgartens, auf der sie sitzen, vertreibt.
In dieser Szene ist der Konflikt zwischen Simone und Nadia, der in Vergewaltigung und Mord eskalieren wird, bereits angelegt. Freilich fungiert Rocco als Katalysator, denn er hat, als sowohl im Beruf (Boxen) wie in der Liebe (Nadia) vorgezogener Rivale, Simone “sein Mädchen” weggenommen und ihm “Hörner aufgesetzt”. In der DF fehlen bei der Vergewaltigungsszene die 18 sec, die schon in Venedig für Aufruhr gesorgt hatten. Simone reißt Nadia den Slip vom Leib und wirft ihn Rocco mit Häme ins Gesicht: “Nimm und küß ihn, wenn Du Mut hast! Liebe kannst Du eh nur mit diesen Dingen machen. ” Zusätzlich manipuliert die DF die Tonspur, wenn sie (dezenterweise? ) auf dem “Höhepunkt” Simones und Nadias kurzatmiges Stöhnen in der IF durch das Pfeifen eines Zuges ersetzt. “Ungekürzt gekürzt” ist auch die Folgeszene, die schier endlose Schlägerei zwischen Simone und Rocco, die laut Visconti von so fürchterlicher Gewalt sein mußte, weil er sonst nicht auf den Grund der beiden Charaktere vorgestoßen wäre: Roccos Schuld- und Reuekomplex sowie Simones Gefallener-Engel-Komplex. So schleppt sich Rocco minutenlang vor dem ihn “wie ein wilder Stier” verfolgenden Bruder dahin, der mittels brutaler Gewalt seinen Status als “Vorstadt-Superman” wiederherstellen will.
Ähnlich hat die DF auch die Mordszene behandelt, für die das Team drei Tage brauchte, weil Visconti genau während des gerade 10 min dauernden Sonnenuntergangs drehen wollte (übrigens verweigerte die Stadt Mailand für diese Szene die Dreherlaubnis, so daß Visconti in die Nähe Roms, nach Sabaudia ausweichen mußte); wie vorher der Leidensweg des Ghandi-gleichen Rocco ist hier Nadias Passion abgekürzt: Die DF läßt es mit einem Messerstich bewenden, während Simone in der IF sein Messer drei weitere Male in die sich vor ihm auf dem Boden dahinwälzende Nadia bohrt; zuletzt so nachdrücklich, als wollte er es richtiggehend im Körper der Frau vergraben (nicht zufällig hält Simone das Messer vorher so, daß sich die Konnotation eines erigierten Penis aufdrängt).
Nach dem Mord platzt Simone zu Hause in die Feier von Roccos erstem großen Boxsieg und verwandelt die ausgelassene Stimmung in Wehklagen. Simone und Rocco liegen engumschlungen auf dem Bett (Moravia mutmaßt nicht ganz zu Unrecht, die beiden Brüder liebten sich in Wirklichkeit zu sehr, als daß sie auch eine Frau lieben könnten) und beweinen völlig aufgelöst Nadias Ende. Für Rosaria hingegen, die die “Nutte” noch nie leiden konnte, hat sich Simone endlich “von seinem Unglück” befreit. Darauf Ciro: “Mama! Hast Du auch den Verstand verloren? ” Rosaria: “Schande! Schande! Du Feind Deiner eigenen Mutter! Aber Jesus Christus muß doch bereuen, was er uns angetan hat!” Rocco: “Mama, Du darfst nicht fluchen! Wozu soll das gut sein? Wer hört uns schon? Alles Feinde! Auch wir sind nun Feinde geworden. Aber warum fluchen? Wir haben falsch gehandelt. Also müssen wir dafür bezahlen. Wir müssen alle bezahlen. ”
Schon vorher war Rosarías großes Klagelied über den Zerfall der Familie - eines der Visconti-Themen überhaupt - der “Beschleunigungsschere” zum Opfer gefallen. Rosaria: “Oh, Ciro! Sag mir, mein Herz, ob es meine Schuld ist, daß dies alles passiert. Ist es meine Schuld, daß ich meine großen, schönen und starken Söhne in die Stadt gebracht habe, damit sie reich werden und sich nicht auf diesem undankbaren Stück Land abquälen wie ihr Vater, der tausend Tode starb, bevor er die Augen für immer schloß? ” Ciro: “Du hast Dir nichts vorzuwerfen. Gar nichts. ” Rosaria: “Dein Vater konnte sich nicht losreißen von diesem Stück Land. Aber ich... All die 25 Jahre mit ihm habe ich nur daran gedacht wegzugehen, wegzugehen. Ich wollte es für Vincenzo, Simone, Rocco, für Dich, für Euch alle. Nichts war gut genug für Euch. Die Erde, die ganze Welt erschien mir klein. In einem bestimmten Moment glaubte ich, den Himmel mit den Händen zu berühren. Die Leute auf der Straße nannten mich ‘Signora’. ‘Signaora, mich! In einer so großen Stadt wie dieser. Alles aus Respekt für meine Söhne. Aber ich weiß nicht, was passiert ist. Rocco ist von
zu Hause weggegangen. Er sieht aus wie vom bösen Blick verhext. Und Simone, mein Simone hat sich für eine Hure weggeworfen. ” Leiden muß die Figur der Rosaria, die in ihrem sozialen Aufstiegsstreben via Kinder ebenso scheitert wie Maddalena in “BELLISSIMA”, also nicht zuletzt unter der deutschen “Bearbeitung”: “Man hat ihrem matriarchalischen Brio das antikische Maß genommen und eine gefühlvolle Kleinbürgerin zurückgelassen” (E. Goelz). Wendet man nun all die aufgezeigten negativen Aspekte ins Positive, entsteht spiegelbildlich die verdienstvolle Rekonstruktionsarbeit des ZDF, das die Verschnitt-Fassung durch untertitelte Originalklammerteile komplettiert hat: In den Dialogpassagen, die ich absichtlich sehr ausführlich wiedergegeben habe, ist somit die Zensurgeschichte auf den ersten Blick erkennbar. Leider ist es bei diesem Typ der Rekonstruktion unvermeidlich, daß der Zuschauer mit Ausnahme der ergänzten 11 min auf die deutsche Synchronisation von 1961 (Dialoge: Beate von Molow; Dialogregie: Conrad von Molow) verwiesen bleibt. Ich gehe zwar nicht so weit wie Karena Niehoff, die die Synchronisation “unerträglich” findet, “aber wir sind hier an den Grenzen der Übertragbarkeit. Ohne italienische Suada ist das eben ‘alles halb so schlimm’. Französische Rhetorik mag ihr noch konformer sein. (... ) Wir hier aber bleiben ein schönes Stück außen vor” (G. Ramseger).
Soviel zum Grundsätzlichen, nun noch stellvertretend zwei Beispiele für das Besondere. Charakteristisch für das Autonomiestreben von Ginetta und Vincenzo ist schon bei ihrer Verlobungsfeier, daß sie “es allein schaffen” wollen, während Ginettas Bruder Alfredo befürchtet, er und seine Eltern müßten die Verlobten durchbringen. Ginetta gibt dem kleinen Giftzwerg deshalb klipp und klar zu verstehen: “Wir werden nie etwas von Dir haben wollen. ” Die DF stempelt Ginetta dagegen zur herzlosen Egoistin und ihre Familie zu Hungerleidern: “Er (Alfredo) ist der Meinung, wir sollten hierbleiben und die ganze Familie erhalten. Aber wir - haben beschlossen, unser Leben allein aufzubauen. ” Und kurz darauf zu Alfredo: “Für Dich werden wir nie etwas tun, verstanden? ”
Gewichtiger für Viscontis Gesamtkonzeption und die emblematische Funktion von Ciro ist es, daß dieser in der DF Simone bei der Polizei anzeigt (alle damaligen Kritiken beten es brav nach); tatsächlich sagt aber Luca zu Ciro: “Das (Simones Verhaftung) müßte Dich eigentlich freuen, weil Du ihn doch anzeigen wolltest. ” Visconti brandmarkt doch die Figur, der er die Gedanken Gramscis in den Mund legt, nicht als Denunzianten!
Kategorie: Rezensionen (Bücher und Film bzw. GRIP Kritik)
Schlagworte: Spielfilm, Filmtheorie/Filmwissenschaft
