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04.11.2025
„Wir brauchen eine Vision, damit die Welt besser wird!“
Mehmet Akif Büyükatalay wurde für seinen Spielfilm „Hysteria“ (2025) mit einem Sonderpreis der Jury beim Hessischen Filmpreis ausgezeichnet. Sein vielschichtiger Thriller spielt mit dem „Film-im-Film“-Motiv und überrascht mit unerwarteten Wendungen: Auf dem Set eines Films, in dem es um den Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Solingen 1993 geht, wird ein verbrannter Koran gefunden. Die Dreharbeiten geraten nun außer Kontrolle. Die Praktikantin Elif wird in ein undurchsichtiges Spiel aus Lügen und Geheimnissen gezogen, das die Mechanismen gesellschaftlicher Hysterie schonungslos offenlegt. Zum Kinostart am 6. November spricht Büyükatalay über die zentralen Themen des Films und die Schwierigkeiten, sein brisantes Werk auf dem Filmmarkt zu verkaufen.
Von Gregor Ries
GRIP: Zwischen Ihrem Spielfilm „Oray“ (2019) und „Hysteria“ liegt eine längere Zeitspanne. Waren die Vorbereitungen so zeitintensiv?
Mehmet Akif Büyükatalay: Ja. Bei so einem hochkomplexen Thema dauert das Schreiben sehr lange, da man ihm gerecht werden möchte. Zudem sind die Förderer sehr vorsichtig bei einem Thema, das sich um einen verbrannten Koran dreht. Deshalb dauerte es enorm lange. Aber dazwischen waren wir nicht untätig. Ich schrieb noch den Dokumentarfilm „Liebe, D-Mark und Tod“ und verwirklichte noch weitere Projekte als Autor und Produzent.
Warum ließen Sie der Dokumentation um türkische Musikkultur in Deutschland den Vortritt?
Das Thema war einfach reif. Der Regisseur Cem Kaya und ich haben es parallel entwickelt. Irgendwann kreuzten sich unsere Wege. Da war eigentlich ganz klar, dass dieser Film Priorität hat.
Was diente als Auslöser, das Skript von „Hysteria“ zu entwickeln?
Für mich ging es hauptsächlich darum, wie ein Phantom, wie die Vorstellung eines Fremden eine Gruppendynamik auslöst, die zu Paranoia und Hysterie führt, so dass am Ende alle nicht mehr fähig sind, miteinander zu sprechen. Die Grundidee bestand im Schlüssel-Verlust. Jemand verliert einen Schlüssel, macht Aushänge und bekommt von einem Unbekannten einen Anruf: Ich habe ihn gefunden. Dann taucht diese Person nicht auf. Da draußen gibt es jemanden, der deinen Schlüssel besitzt, deine Adresse kennt und jederzeit eintreten kann. Das löst die Paranoia aus. Dieser Fremde ist eigentlich nicht existent. Ihn gibt es nur in unseren Köpfen. Es ist nur eine Projektionsfläche. Wie das Bild des Unbekannten uns beeinflusst, wie wir als Gesellschaft nicht fähig sind, miteinander zu sprechen, liegt an den Bildern, die wir voneinander haben. Dies war der Grundgedanke. Deshalb spielt „Hysteria“ auch in einer Bildermacherwelt.
Flossen hier eigene Erfahrungen als Filmemacher ein?
Eigentlich keine eigenen Erfahrungen, aber eigene Reflexionen über meinen Beruf und die Bilderproduktion. Es ist eine selbstkritische Haltung. Was passiert eigentlich, wenn wir Bilder machen? Welche Verantwortung haben wir, und was löst es in der Gesellschaft aus? Das ist eine wichtige Frage, die wir uns alle stellen müssen – vor allem in unserer Branche, aber auch im Social Media-Bereich. Jeder, der etwas postet, produziert Bilder. Das ist eine der Grundfragen des Films.
Wie kam es zur Wahl von Devrim Lingnau als Hauptdarstellerin?
Es handelte sich um einen langen Prozess. Am Ende war sie es, die die Zerrissenheit der Figur am besten, am hingebungsvollsten ausdrücken konnte. Auch sie ist wie Elif eine unsichtbare Migrantin mit türkischen Wurzeln, die sie aber aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer perfekten „weißen“ Erscheinung gut verheimlichen kann. Die innere Zerrissenheit ihrer Figur besitzt auch sie. Das hat sie in den Film transportiert. Devrim hat sich quasi geöffnet und ihrer Figur so eine immense Tiefe verliehen.
„Hysteria“ lief auf vielen Festivals. Aber die internationalen Verkäufe gestalten sich offenbar schwierig. Hängt es mit dem Sujet zusammen?
Genau, das ist ein wunder Punkt. International gibt es bereits Verkäufe – unter anderem nach Österreich, Indien, Australien und Portugal. In der Türkei lief der Film sogar schon im Kino und ist auf Mubi verfügbar. Doch auf Festivals erlebe ich immer wieder, dass viele Programmmacher und Verleiher, die ich persönlich kenne, den Film zwar großartig finden, sich aber nicht trauen, ihn zu zeigen. Das beschäftigt mich sehr. Es ist, als hätte sich das Thema des Films – die Hysterie – zu einem ständigen Begleiter entwickelt, der den gesamten Prozess prägt.
War es einfacher, einen deutschen Verleih zu finden? Man denkt bei dem Thema nicht automatisch an Rapid Eye Movies.
Wir haben tatsächlich von allen eine Absage erhalten, sogar nach der Berlinale-Zusage. Es handelte sich um die gleichen Erfahrungen wie bei den Festivals und den internationalen Verleihern. Da ist eine Skepsis vorhanden. Wir haben enorm lange gesucht. Nach der Berlinale sagte Rapid Eye Movies: Hey, wir wollen es doch machen – und sie waren dann die Einzigen.
Bei der Vermarktung muss man eine gute Strategie finden, die das Publikum nicht durch den verbrannten Koran abschreckt. Darum geht es per se nicht, es ist nur der Auslöser, ein Trigger. Meine Erfahrung zeigt: Wenn Leute sich trauen, den Film anzusehen, löst dies bei ihnen enorm viel aus. Im Anschluss besteht Gesprächsbedarf, und die Leute haben das Gefühl, dass es der richtige Film zum richtigen Zeitpunkt ist.
Der Film wurde auch von Hessen Film & Medien gefördert.
Hessen Film & Medien spielte eine entscheidende Rolle, da sie als Erste den Film förderten. Diese frühe Unterstützung gab uns das wichtige Gefühl, mit unserem Projekt auf dem richtigen Weg zu sein – dafür sind wir sehr dankbar.
Beim Lichter Filmfest in Frankfurt war „Hysteria“ der Eröffnungsfilm. Das durchaus positive Ende des Films wurde stark diskutiert.
Das Ende fällt hoffnungsfroh aus, weil ich Hoffnung vermitteln möchte. Als Gesellschaft haben wir dazu jeden Grund, allerdings müssen wir vieles neu denken und besprechen, da derzeit eine pessimistisch-fatalistische Sicht auf die Welt den Ton angibt: „Das Klima geht zu Ende. Die Demokratie ist vorbei. Alles ist vorbei.“ Das ist nicht die Haltung, die wir brauchen. Wir brauchen auch eine Vision, damit die Welt besser wird. Dafür müssen wir aber noch viel tun.
Wie kam es zur Gründung der Firma „Filmfaust“?
Wie „Hysteria“ drehte sich mein erster Film „Oray“ um die muslimische Lebensrealität aus muslimischer Perspektive. Es war sehr schwierig, fast unmöglich, eine Produktionsfirma zu finden, die sich an dieses Thema heranwagte. Dazu kam noch das geringe Budget, das uns zur Verfügung stand. So war uns früh klar, dass mutige Filme, die sich außerhalb der Norm bewegen, eine eigene Produktionsfirma benötigen. Deshalb gründeten wir die Firma schon 2016.
Gibt es schon neue Projekte?
Ich schreibe gerade an einer Hagen-Trilogie. Es fängt mit einer Dark Romance an, die ich in meiner Heimatstadt Hagen angesiedelt habe. Daneben gibt es noch viele weitere Projekte wie einen psychologischen, im Libanon angesiedelten Thriller oder einen Film, der in Kürze in Lettland gedreht wird. Wir sind derzeit an vielen Projekten in Deutschland beteiligt, aber auch an internationalen Co-Produktionen.
Kategorie: GRIP-Blog
Schlagworte: Filmemacher*in, Filmproduktion, Schauspiel, Spielfilm, Verleih
