Blog
15.06.2026
Wie hessisch ist ein hessisch geförderter Film?
Wie zuletzt in Cannes, halten von Hessen Film & Medien (HFM) geförderte Produktionen vermehrt Einzug in die Sektionen der großen internationalen Festivals. Genauer unter die Lupe genommen zeigt sich, dass die Filmstoffe kaum von regionalen Filmschaffenden entwickelt und produziert wurden, die Gelder erreichten eher im Rhein-Main-Gebiet ansässige Post- und Koproduktionsfirmen. HFM steuert dem Mangel seit Jahren mit gezielten Talentförderprogrammen entgegen – in der Hoffnung, dass junge Talente dauerhaft ihre Zelte in Hessen aufschlagen. Doch der stagnierende, ohnehin gering bestückte Etat aus dem Landeshaushalt, die befristeten und nun abgelaufenen Fördermittel für die Hessen Abschluss Förderung (HAB) sowie Kürzungen an den Hochschulen stehen dem entgegen. Am 17. Juni 2026 lädt die HFM zu einem Strategietag, um gemeinsam mit der Branche weitere Entwicklungsmöglichkeiten zu erarbeiten.
Von Andrea Wenzek
Der hessische Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur Timon Gremmels frohlockte, denn erstmals nahm ein von Hessen geförderter Film am Wettbewerb um die goldene Palme 2026 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes teil. Das Drama „Vaterland“ des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski begleitet den Schriftsteller Thomas Mann und seine Tochter Erika Mann auf einer emotionalen und politisch aufgeladenen Reise durch das Nachkriegsdeutschland 1949. Das Werk wurde mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Dies sei ein besonderer Moment für den Filmstandort Hessen, so Gremmels, und der Film verbinde „große europäische Erzählkunst mit einer starken inhaltlichen und kreativen Verbindung zu Hessen“. Jetzt stellt sich die Frage, wie hessisch diese internationale Koproduktion überhaupt ist, an der immerhin vier Filmnationen beteiligt sind. Aus Deutschland flossen lediglich Gelder von HFM an den Berliner Koproduzenten Edward Berger.
Bei einem Gesamtbudget des Projekts von rund 10 Mio. Euro fallen diese 200.000 Euro nicht sonderlich ins Gewicht, im Rahmen des HFM-Jahresetats in Höhe von knapp 11 Mio. Euro allerdings schon.
Wenn der Minister hier von einer „kreativen Verbindung“ zu Hessen spricht, geht es um nichts anderes, als dass die Fördergelder im Bundesland geblieben sind; von dem sogenannten Hesseneffekt profitierte in diesem Fall die Frankfurter Audio-Postproduktionsfirma FunDeMental Studios. Die vom Gremmels betonte inhaltliche Verbindung ergibt sich schlicht daraus, dass die Reise des Schriftstellers in Frankfurt beginnt. Drehtage am hessischen Filmstandort wurden dem Projekt nicht zuteil.
Das Debüt „I’ll be gone in June“ von Katharina Rivilis feierte seine Premiere ebenfalls in Cannes, in der Sektion Un Certain regard. Der Sitz von Rivilis‘ Firma befindet sich in Darmstadt und dies sei laut HFM maßgeblich für den Hessenbezug gewesen: „Darüber hinaus baut sich Katharina Rivilis eine langfristige Basis und Infrastruktur in Hessen auf. Auch dieser nachhaltige Aufbau von kreativen Strukturen im Land ist ein zentrales Kriterium innerhalb der Förderlogik.“ Insgesamt erhielt Rivilis‘ Film 400.000 Euro Fördergelder für die Ko-Produktion und seine Vorbereitung.
Rückblick: Berlinale 2026
Unter den in der HFM-Pressemitteilung angekündigten „sechs filmischen Erzählungen aus Hessen“ auf der Berlinale 2026 sucht man dagegen vergeblich nach in dem Bundesland zu verortenden Hauptproduktionsfirmen. Der für die auswärtigen Antragstellenden verpflichtende Regionaleffekt hat sich vor allem durch die Ko- und Postproduktion oder anteilige Drehtage im Bundesland ergeben: „Staatsschutz", ein politisches Drama von Faraz Shariat, produziert von Jünglinge Film GmbH (Hildesheim), erhielt von HFM 200.000 Euro. Der Sound wurde von den FunDeMental Studios gestaltet, die Visual Effects von LAVAlabs, beide Firmen sind in Frankfurt ansässig.
Die Literaturverfilmung „Allegro Pastell“ von Anna Roller, produziert von Walker + Worm Film (München) in Koproduktion mit der ARD-Tochter Degeto und dem Bayerischen Rundfunk, startete nach seiner Uraufführung auf der Berlinale im April 2026 im Kino. Die Münchner Firma erhielt 650.000 Euro Fördermittel, die Regionaleffekte wurden vor allem über die 16 Drehtage in Maintal und Frankfurt generiert. Auch deshalb waren mehrere hessische Crewmitglieder beteiligt, unter anderem in der Filmgeschäftsführung, Motivaufnahmeleitung und Set-Aufnahmeleitung. „Auch verschiedene hessische Dienstleister wurden eingebunden, beispielsweise durch die Anmietung eines umfangreichen Technikpakets bei MBF Filmtechnik in Frankfurt. Darüber hinaus ist das gesamte Projekt inhaltlich in Hessen verankert, ebenso wie der Buch- und Drehbuchautor Leif Randt“, so die Pressestelle der HFM.
Weitere auf der Berlinale uraufgeführte „hessische“ Filme generierten deutlich geringere Fördersummen: Kai Stänickes Spielfilmdebüt „Der Heimatlose“ (Tamtam Film, Berlin) erhielt 50.000 Euro, da der Bildgestalter Florian Mag seinen Hauptwohnsitz in Frankfurt hat. „The lights, they fall“ von Saša Vajda (Vajda Film, Berlin) erhielt 80.000 Euro und überließ die Postproduktion den Fun De Mental Studios. Die Darmstädter Filiale der Berliner Produktionsfirma CALA Film sicherte sich für die internationale Koproduktion „Tegenwoordig heet iedereen Sorry“ von Frederike Migom 50.000 Euro. Der dokumentarische Essayfilm „Im Umkreis des Paradieses“ von Yulia Lokshina wurde mit 35.000 Euro unterstützt, da der Sound Designer Aron Frankenberger in Wiesbaden ansässig ist.
Geht die internationale Strahlkraft bei den Förderentscheidungen vor?
Nun gut, die kleinen finanziellen Sahnetüpfelchen verkaufen sich gut und der Medienstandort Hessen tut auch gut daran, auf diese Weise international auf sich aufmerksam zu machen. Bei den Statements von Minister Gremmels und HFM zur Berlinale und zu den Filmfestspielen in Cannes drängt sich jedoch der Eindruck auf, in Hessen wurde nicht nur die Sahne aufgeschlagen, sondern gleich die ganze Torte gebacken. Das in dem Ende 2020 von HFM verfassten Strategiepapier postulierte Planungsziel, den Filmstandort Hessen zu „internationalisieren“ inklusive der Teilnahme der geförderten Filme an den sogenannten A-Festivals wurde immerhin umgesetzt. Dies gilt nach rund fünf Jahren auch für weitere Planungsziele: Die Umwidmung der verzinsten Bürgschaftsmittel über die WIBank in Haushaltsmittel und den Ausbau der Nachwuchsförderung sowie die Förderung von Diversität und Nachhaltigkeit in der Filmproduktion (Grüner Film). Ob es gelungen ist, den Dokumentarfilmstandort Hessen zu stärken, wird in der Dok-Szene dagegen bezweifelt. Auch wenn zahlreiche Anträge in den Jahren 2021 bis 2024 bewilligt wurden, ist zu hören, dass die Fördersummen weitaus geringer bewilligt wurden als beantragt. Zudem wird gemutmaßt, dass die Jurys in ihren Entscheidungen Projekte mit potentiell (inter)nationaler Strahlkraft bevorzugen und deshalb weniger auf hessische Majoritätsproduktionen setzen würden – nicht gerade ein Kompliment für die hessische Filmbranche.
Einsparungen bleiben Kürzungen
Wenn dann Staatssekretär Christopher Degen bei der Eröffnung des Lichter Filmfests bekundet, die Filmförderung habe erfreulicherweise keine Kürzung erfahren, da 2026 auf die feierliche Vergabe des Hessischen Filmpreises verzichtet werde, dann sorgt das in der Branche weiterhin für Missstimmung. Priorisiertes Sparen ist nichts anderes als Kürzen, auch wenn es nach Goodwill aussieht. 2025 beliefen sich die Kosten für die feierliche Verleihung des Hessischen Film- und Kinopreises in der Alten Oper laut HMWK immerhin auf 557.000 Euro. Die Höhe der Einsparungen ist noch nicht einschätzbar, doch dürften diese relativ hoch sein, denn die Verleihung wird 2026 in den vergleichsweise bescheidenen Räumlichkeiten des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums (DFF) stattfinden. An den Preisgeldern wird jedoch nicht gerüttelt.
Hinzu kommen Einschnitte auf den zweiten Blick wie das Auslaufen der auf fünf Jahre befristeten Hessen Abschluss Förderung (HAB) in Höhe von jährlich 250.000 Euro, die vom HMWK an die Hochschulen in Kassel, Offenbach und Wiesbaden ausgezahlt wurden, sowie deutliche Kürzungen in den Bereichen Lehre und Sachmittel für die Haushalte der vier filmschaffenden Hochschulen, auch in Darmstadt. Es obliegt nun den Hochschulen, die wegfallenden Gelder für die Abschlussfilme zu akquirieren oder hausintern umzuwidmen. Oder die Studierenden wenden sich an HFM, dort liegt, laut Richtlinien, ein kleines Budget von rund 180.000 Euro für "reguläre" und „besondere“ Hochschulabschlussfilme bereit, was jedoch weitere Förderungen aus dem Hause ausschließt.
Der von HFM angestrebte Aufbau einer stabilen kreativen Basis in Hessen dürfte sich daher weiter erschweren und die strukturelle Schwäche des Standorts langfristig eher verfestigen als überwinden. Wenn es Minister Gremmels nicht gelingt, eine Fortsetzung dieser Sparpolitik ab 2027 zu verhindern, steht seine Durchsetzungskraft zur Debatte. Es darf nicht selbstverständlich sein, dass vor allem in den Etats für Wissenschaft und Kunst bevorzugt gekürzt wird.
Ein Strategietag soll helfen
Die hessische Förderung steckt jedoch in einem grundsätzlichen strukturellen Dilemma: Mit einem Jahresetat von lediglich rund 11 Millionen Euro fehlen absehbar die finanziellen Mittel, um eine wirklich nachhaltige Standortpolitik zu betreiben. Die Fördermittel fließen häufig an Produktionsunternehmen mit Sitz in anderen Bundesländern. Die regionalen Effekte dieser Förderungen entstehen zwar – etwa durch die Stärkung von Postproduktionsfirmen und technischen Dienstleistern vor Ort –, doch helfen diese Förderungen wenig(er) beim Wachstum einer eigenständigen, tragfähigen Produzentenlandschaft, wenn diese nur häppchenweise unterstützt werden kann. Um dieses Defizit zu beheben, hat die HFM unter Anna Schoeppe mit ihrer Talentförderung in den letzten Jahren erfreulicherweise neue Zeichen gesetzt. Doch das Ministerium macht ihr einen Strich durch die Rechnung, denn entgegen der Koalitionsvereinbarung wurde die Filmförderung ab 2025 nicht erhöht, so dass die verfügbaren Mittel für mehr Majoritäts- und Koproduktionen aus Hessen bei den gestiegenen Kosten kaum ausreichen werden, um Talente nachhaltig im Land zu halten. Im Jahr 2024 wurden 43 Projekte von der Stoffentwicklung bis hin zur Produktion unterstützt und davon haben immerhin 31 hessische Produktionsfirmen profitiert, aber meist nur mit relativ kleinen Summen im Vergleich zu den weiteren Fördergeldern aus dem In- und Ausland.
Immerhin will HFM dieses Dilemma mit der Branche diskutieren und lädt zu einem Strategietreffen am 17. Juni 2026: „Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Hessen Film & Medien wollen wir den bisherigen, erfolgreichen Weg gemeinsam reflektieren und der Frage nachgehen, wie wir diesen Kurs fortsetzen und zugleich zukunftsfähig weiterentwickeln können.“ Im Fokus sollen hierbei der offene Austausch und die strategische Ausrichtung stehen, weniger unmittelbare Beschlüsse oder formale Absichtserklärungen. Die bisherige Unterstützung der in Hessen ansässigen Produktionsfirmen dürfte hierbei ein wichtiges Thema sein, ist aus der Branche zu hören. Es seien gar differenzierte Zahlen, die über die Geschäftsberichte hinausgehen, angefordert worden. Die Ergebnisse des Treffens sollen laut HFM in die weitere Strategiearbeit einfließen und: „Geplant ist, gegen Ende des Jahres dann daraus konkrete Ableitungen zu formulieren und zu veröffentlichen.“ Dann dürfte auch absehbar sein, ob sich die Landesregierung an die Koalitionsvereinbarung zur Filmförderung erinnert.
Der Beitrag wurde am 16. Juni zum Thema Hochschulabschlussförderung und am 18. Juni zum Thema Hessen Abschluss Förderung (HAB) präzisiert.
Kategorie: GRIP-Blog
Schlagworte: Dokumentarfilm, Dreharbeiten, Filmförderung, Filmpolitik, Filmproduktion, Filmwirtschaft, GRIP-Blog
