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25.06.2025
Nippon Connection: Nach 25 Jahren schließt sich der Kreis
Zum 25. Mal präsentierte das Nippon Connection Filmfestival Frankfurt die Bandbreite des japanischen Kinos. Dabei konnten mit 20.000 Besuchern die hohen Besucherzahlen des Vorjahres noch überboten werden. Neben den rund 100 Filmen bot Nippon Connection im Festivalzentrum – dem Künstlerhaus Mousonturm und der gegenüberliegenden Naxoshalle – ein vielfältiges Rahmenprogramm.
Von Gregor Ries
Das 25-jährige Jubiläum bot nicht nur Anlass, auf das aktuelle Kinoangebot aus Kassenschlagern und Independent-Produktionen aus Japan zu blicken. Auch an die Anfänge und Historie der erfolgreichen cineastischen Institution erinnert man. Im Jahr 2000 widmete ein siebenköpfiges Organisationsteam um Marion Klomfaß und Holger Ziegler dem hierzulande unterrepräsentierten japanischen Kino ein verlängertes Wochenende im Pupille Kino der Goethe Universität. Was als überschaubares Event geplant war, zog rund 1.000 Besucher an.
Interessant erwies sich am ersten Tag des Jubiläums die Trailer-Show mit teils makabren, alles andere als politisch korrekten Inhalten. In einer Talkrunde von Moderator Roberto Cappelluti mit Programmleiter Florian Höhl und Festivalleiterin Marion Klomfaß verriet diese, das Festival sei einst durch den Gewinn einer Japan-Reise bei Cappellutis Show „Late Lounge“ angestoßen worden. Damals schon verantwortlich für den Asiensektor des Wiesbadener Exground-Filmfests, konnte die Filmstudentin auf Fernost-Festivals erste Kontakte knüpfen.
An die Historie erinnerte eine Plakatausstellung im ersten Stock der Naxos-Halle. Nachdem das erste Programmheft noch in grün gehalten war, etablierte das Festival ab 2002 Pink als konstante Farbe für alle weiteren Plakate, Trailer und Kataloge. Auf dem Weg zum Ausstellungsraum fand sich eine Fotoauswahl mit Schnappschüssen aus frühen Jahren im Treppenhaus. Dort war etwa neben Jörg Buttgereit – schon im zweiten Jahr als DJ und mit Hörspielen vertreten – Stephan Holl von Rapid Eye Movies (REM) zu entdecken.
Aus dem ersten Programm erstand REM neben dem Psychodrama-Anime „Perfect Blue“ noch das wilde Zombie-Rock-Spektakel „Wild Zero“ und Toshiaki Toyodas gewalttätiges Bandendrama „Pornostar“. Als langjähriger Freund des Festivals begleitete Holl jetzt die Retro-Vorstellungen in der Pupille. Dort liefen neben „Wild Zero“ und „Pornostar“ noch Nobuhiro Yamashitas minimalistische Slackerkomödie „Hazy Life“ als Erinnerung an das erste Jahr. Toyoda und Yamashita besuchten mit ihren neusten Werken, dem fragmentarischen Esoterik-Trip „Transcending Dimensions“ und der gefälligen Manga-Anime-Adaption „Ghost Cat Anzu“ (Co-Regie mit Yoko Kuno) erneut das Jubiläum. Dies zeigt, dass Nippon Connection deren Entwicklung weiterverfolgte.
Marion Klomfaß erläuterte den Umzug des Festivals 2013 in den Mousonturm: „Der Hauptgrund lag darin, dass es 2006 oder 2007 hieß, das Studierendenhaus werde abgerissen. Wir wussten nie, ob es nächstes Jahr noch existiert. Es gab schon konkrete Pläne, dass man in den neuen Campus umzieht. Im Mousonturm hatten wir immer auch Ausstellungen gezeigt. Wir konnten mit dem neuen Intendanten reden, und er ermöglichte uns den Umzug.“
Für die „Nippon Visions“-Reihe (einst „Nippon Digital“) und weitere Veranstaltungen entstand die Idee, die Naxoshalle einzubeziehen. Klomfaß: „Damals gab es noch kein Kino in der Naxoshalle. Ich glaube, die Kinobox, eine Holzkonstruktion, haben wir damals mitgebaut. Es hat sich super ergeben, dass wir beide Intendanten überzeugen konnten, ein Filmfestival zu organisieren. Eine Weile bestand noch unser Büro im Studierendenhaus, aber bald kamen wir im Atelier Frankfurt unter.“
Aus der hr-Sendung „Late Lounge“ stammt auch die Idee des live kommentierten (Überraschungs-)Trashfilms. Allerdings fiel Roberto Cappelluti bei der Premiere 2009 neben Jörg Buttgereit aus. In den kommenden Jahren wurde Buttgereit beim „betreuten Sehen“ der schrägen Filmperlen von unter anderem Thilo Gosejohann und Heiko Hanel (Radio X) unterstützt, bevor zuletzt die Filmwissenschaftler Markus Stiglegger und Kai Naumann übernahmen. Das schon zu Beginn umfangreiche Rahmenprogramm mit Zen-Workshop, Konzerten, Kochkurs und Teezeremonie wurde im Verlauf der Jahre stets erweitert.
Seit 2015 etablierte man neben den Nippon Cinema- und Nippon Visions Jury-Preisen noch den Nippon Honor Award. Klomfaß zeigte sich besonders erfreut, dass man ein Jahr nach (Genre-)Regisseur Kiyoshi Kurosawa – dieses Jahr mit vier Filmen vertreten – dessen früheren Stammschauspieler Kōji Yakusho nach Frankfurt holen konnte. Der Superstar erwies sich als sympathisch-zugänglicher Gast.
Trotzdem wandelte man den Preis zum Nippon Rising Star um. Klomfaß: „Von Anfang an waren wir ein Festival, das den Nachwuchs fördern will. Wir möchten gerade jemanden auszeichnen, der auf dem Weg zur Bekanntheit ist. Das soll eine Wertschätzung für sie sein. Nach zwei Jahren prämierter Schauspieler*innen haben wir überlegt, ob man nicht jemanden hinter der Kamera auszeichnen sollte. Es gab Kontakte zu Stefan Riekeles von der Riekeles Gallery in Potsdam, der sich sehr für Background-Artists von Animes interessiert. Das sind Künstler mit eigenen Gemälden, die man eigentlich kaum wahrnimmt. Wir fanden Kosuke Hayashi spannend, der schon für das Studio Ghibli gearbeitet hat. Das erschien als schönes Statement zum Jubiläum.“ Von ihm als Art Director zeigte das Festival unter anderem die Trickfilme „In This Corner (and Other Corners) of the World“ und „The Imaginary“.
Nippon Connection entwickelte sich im Verlauf von über zwei Jahrzehnten zur größten Plattform für japanisches Kino. Inzwischen besitzt das Team sogar gute Kontakte zum Tōhō-Studio, zu dem die Kommunikation oft schwierig verlief. Bis auf wenige Titel, die man an andere Festivals verlor, vermochten Klomfaß und ihr rund hundertköpfiges Helferteam wieder das gewünschte Programm zusammenzustellen. Das Budget beläuft sich auf eine halbe Million, wobei die Hessen Film & Medien das Festival mit 160.000 Euro unterstützt. „Dabei sind wir aber nicht unter den Top drei der Festivals in Hessen“ , bedauert die Festivalleiterin.
Es gab in der Vergangenheit Projekte, die beim Publikum positiv aufgenommen wurden, sich aber auf Dauer als zu aufwändig, teuer und rechtlich problematisch erwiesen. Dazu zählt nicht nur die digitale Nachlese ausgewählter Werke während und nach der Pandemie, sondern auch „Nippon Connection On Tour“. Klomfaß: „Wir haben auch Filme in New York oder Rio de Janeiro gezeigt, aber das war superaufwändig. Bei den Rechtefragen ist das sehr kompliziert. Das ging einfach über unsere Kapazitäten hinaus. Unser Fokus soll auf dem Festival vor Ort liegen.“ Im Rahmen des Themenschwerpunkts „Obsessions“ werden ein bis zwei Filme noch im Rhein-Main-Gebiet gezeigt, wobei es sich eher um Independent-Produktionen handeln soll. „Für die großen Filme zahlt man 1.000-1.500 €. Das kann sich kein Kino leisten.“, so Klomfaß.
Wie in manchen Jahren konnten bei der Preisvergabe besonders humorvolle Stoffe punkten. Mit der Zeitreise-Komödie „A Samurai in Time“ (Nippon Cinema Award) und „Kajiu Guy!“ (Nippon Visions Audience Award) wurden Arbeiten über das Filmemachen erwählt. Der Nippon Storytelling Award ehrte mit dem unheimlichen „Missing Child Videotape“ ausgerechnet ein Werk, das wie eine Hommage an die J-Horror-Ära aus den Frühtagen des Festivals wirkt. Auch an diese gedachte die Retrospektive „Turning Point“ im DFF-Kino. Es schließt sich gewissermaßen ein Kreis, lässt aber angesichts der gelungenen Auswahl zugleich auf die kommenden Jahre gespannt sein.
Kategorie: GRIP-Blog
Schlagworte: Festival, Filmkultur, Auszeichnung, GRIP-Blog, Kino
