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10.04.2025

Netzwerken lernen – Das neu aufgestellte Begleitprogramm der Hessen Talents

Bereits seit 16 Jahren werden bis zu 20 Studierende der filmschaffenden Hochschulen in Hessen für die Teilnahme an dem Projekt Hessen Talents ausgewählt. Deren Filme kann das Fachpublikum bei einem Screening im Rahmen des European Film Market (EFM) während der Berlinale sichten. Doch bereits 2024 wurde, verknüpft mit der Berlinale, für die Talente ein umfangreiches Begleitprogramm entwickelt. Dazu gehören der betreute Besuch von Branchenveranstaltungen und Filmvorstellungen aller Sektionen sowie die Ausrichtung von Masterclasses mit Festivalgästen. Das Begleitprogramm soll eine Hilfestellung für die Studierenden auf dem Weg in die Branche sein.

Von Andrea Wenzek

Die hessische Film- und Medienakademie (hFMA), das Netzwerk von 13 Universitäten, Fach- und Kunsthochschulen in Hessen, präsentiert jedes Jahr ein Kurzfilmpaket ihres Filmnachwuchses auf dem European Film Market während der Berlinale. Das Projekt nennt sich Hessen Talents. Allerdings ging das Screening in dem riesigen EFM-Angebot bislang eher unter, auch 2025 fand nur wenig Fachpublikum den Weg in den Sichtungssaal. Um dem entgegenzuwirken, gab es 2025 zudem erstmals eine Kinovorführung der 14 ausgewählten Werke im Berliner fsk-Kino, darunter war auch „Der Friedhof der Namenlosen“ von Hesam Yousefi, prämiert mit dem Hessischen Filmpreis für den Besten Hochschulabschlussfilm 2024. Der Saal war überfüllt und die dieses Jahr 17 teilnehmenden jungen Filmemacher*innen freuten sich über ein direktes Feedback vom Publikum.

Doch wie wird das Filmpaket überhaupt zusammengestellt? Grundlage ist ein Branchenscreening des Hessischen Hochschulfilmtags (HHFT) während des Kasseler Dokumentarfilm- und Videofests im Herbst. Hier werden die neusten Filme der vier filmschaffenden Hochschulen in Hessen vorgestellt, ausgewählt von jeweils einem*einer delegierten Studierenden und zwei Externen, einer Person von der Hessen Film & Medien GmbH sowie einer vom Kasseler Dokfest. Zu sehen sind Abschluss- und Semesterarbeiten sowie Debütfilme aus den Bereichen Dokumentar-, Experimental-, Animations- und Spielfilm. In der Folge setzt sich die Hessen Talents AG zusammen, zurzeit bestehend aus der Projektleiterin Borjana Gaković und vier Professor*innen der vier filmschaffenden Hochschulen : Alexander Herzog (Hochschule Darmstadt), Angelika Levi (Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main), Jan Peters (Kunsthochschule Kassel) und Tom Schreiber (Hochschule RheinMain Wiesbaden). Die AG nimmt die Feinauswahl für das Kurzfilmpaket vor, denn für das Abspiel auf dem Filmmarkt stehen maximal nur 120 Minuten zur Verfügung. Ein Publikumsvoting der Fachbesucher*innen und Studierenden beim HHFT wird hierbei berücksichtigt. Der eine oder andere nachgereichte Film hat auch noch Chancen, in das Paket zu gelangen.

Seit 2024 zeigt sich das Projekt Hessen Talents umfangreicher, das Begleitprogramm wurde erweitert. Nachdem die frühere Geschäftsführerin der hFMA Anja Henningsmeyer im November 2023 in den Ruhestand ging, setzten sich die Mitglieder der Hessen Talents AG zusammen und überlegten, wie das Programm für die als Hessen Talents ausgewählten Studierenden breiter aufgestellt und so von ihnen noch besser als Sprungbrett in die Filmbranche genutzt werden könnte. Doch wer sollte das Ganze organisieren? Die Stelle von Henningsmeyer war noch nicht neu besetzt, sie hatte das Projekt bislang betreut. Das Präsidium engagierte die Film- und Medienwissenschaftlerin Borjana Gaković als Projektleiterin der Hessen Talents. Gaković wurde nicht nur wegen ihrer Erfahrung beim Kuratieren von Programmen und ihrer Arbeit als Dozentin engagiert, erklärt Jan Peters, Professor für Film und bewegtes Bild an der Kunsthochschule Kassel, „sondern auch wegen ihrer hervorragenden Vorschläge für die Neustrukturierung des Projekts, die nun auch umgesetzt wurden.“

Trubel und Andrang beim Hessen Talents Screening im fsk Kino.
Trubel und Andrang beim Hessen Talents Screening im fsk Kino.

Konkret heißt das, dass ab 2024 bereits Erprobtes ausgedehnt wurde, wie die von den Professor*innen begleiteten Exkursionen auf Veranstaltungen und Filmvorführungen aller Sektionen, nun möglich durch Fachakkreditierungen für die teilnehmenden Talente. Vormals gab es für sie nur Akkreditierungen für Studierende, die nur eingeschränkten Zutritt zu den Veranstaltungen gewähren. Neu sind auch die morgendlichen Austauschrunden, diese ermöglichen „über das Gesehene und Erlernte sowie über die unterschiedlichen Facetten der Filmbranche zu reflektieren – von Filmwirtschaft bis Filmkultur“, so heißt es in der aktuellen Broschüre des Projekts. Die von der hFMA schon während der Pandemie online durchgeführten Masterclasses sind jetzt an das Programm der Berlinale geknüpft. Die Begegnungen vor Ort bieten den Talenten nun einen persönlichen Austausch mit internationalen Regisseur*innen während des Festivals. Neben deren künstlerischer Arbeit geht es auch um die Finanzierungsmöglichkeiten von Filmen nach dem Studium, darunter auch internationale Koproduktionen. Die Auswahl der Masterclasses findet durch die AG notgedrungen erst dann statt, wenn das endgültige Programm der Berlinale steht, also Anfang Februar. „Dabei soll sich auch die Vielfalt der Berlinale mit ihren unterschiedlichen Sektionen in den Masterclasses spiegeln ebenso wie unterschiedliche Formate“, so Peters, „und natürlich auch gerne Produktionen, die für die Studierenden irgendwie ,in Reichweite‘ liegen. Weshalb dieses Jahr zum Beispiel bei dem Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“ von Martina Priessner auch Julia Geiß eingeladen wurde, die die zweite Kamera gemacht hat. Sie ist Absolventin der Kunsthochschule Kassel.“ Dass vor allem Regisseur*innen nicht-hessischer Filme ausgewählt wurden, liege bei einem internationalen Festival nahe, so Peters. Vier weitere Masterclasses erweiterten 2025 den Horizont des Nachwuchses. So berichteten etwa Juanjo Pereira (Regie) und Leandro Listorti (Produktion) von ihrer Archivarbeit für den in der Sektion Panorama uraufgeführten Dokumentarfilm „Bajo las Banderas, el sol“ (Paraguay, Argentinien, USA, Frankreich, Deutschland 2025). Bei der Presse erregte der von Hessen Film & Medien geförderte Spielfilm „Hysteria“ des Kölners Mehmet Akif Büyükatalay Aufsehen. Der Filmemacher erläuterte in der Masterclass, wie er jenseits aller Genregrenzen eine Mischung aus Filmbetriebs-Satire, Diskurs-Drama und Thriller umsetzte. Die Masterclasses der Hessen Talents stehen wohlgemerkt allen Studierenden hessischer Hochschulen offen, auch von kooperierenden Hochschulen wie etwa der DFFB.

Und wie finanziert sich das Projekt? Die Gelder entstammen dem Gesamtbudget des Netzwerks der hFMA, das sich aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (HMWK), durch Ressourcen der beteiligten Institutionen des Netzwerks und durch Drittmittel zusammensetzt. „Der hFMA-Vorstand hat dem Projekt 2025 rund 40.000 Euro zur Verfügung gestellt“, berichtet Rüdiger Pichler, seit dem Ausscheiden von Geschäftsführerin Lucie Peetz kommissarischer Geschäftsführer des Netzwerks und Professor für Kommunikationsdesign an der Hochschule RheinMain Wiesbaden. Die Hessen Talents stellen damit das größte Projekt der hFMA dar. Pichler hat das Wirken des Netzwerks seit seiner Gründung 2007 auch als Vorstand mitgestaltet und denkt über die künftige Besetzung der vakanten Geschäftsführerstelle nach: „Es sollte eine Mitmacher-Persönlichkeit sein, die idealerweise über einen weiten Erfahrungshorizont in allen Film- und Medienbereichen sowie ausgezeichnete Kommunikations- und Moderationsfähigkeiten verfügt. Es geht auch um eine angestrebte Vernetzung und Kollaboration unterschiedlichster künstlerischer und wissenschaftlicher Kapazitäten über die Hochschulgrenzen hinweg.“

Die diesjährigen Hessen Talents verkünden ihre Botschaften auf dem Empfang der Hessen Film & Medien während der Berlinale.
Die diesjährigen Hessen Talents verkünden ihre Botschaften auf dem Empfang der Hessen Film & Medien während der Berlinale.

Die teilnehmenden Talente besuchten 2025 auch Branchenveranstaltungen, dazu gehörte das Programm der Encourage Film Talents, eine Initiative für den bundesweiten Austausch und die Vernetzung von Nachwuchsfilmemacher*innen verschiedener Hochschulen und indirekte Nachfolge des früheren Empfangs der Filmhochschulen. Screenings und Pitches gehören zum Programm, bei den Panels geht es laut Eigenwerbung „um Förderstrukturen, Karriereentwicklung und die Balance zwischen kreativer Freiheit und Marktanforderungen“. Insgesamt 70 Studierende aus Hessen waren 2025 angemeldet. Auch wenn das hFMA-Netzwerk Encourage mitfinanziert, bedeutet dies nicht, dass die hessischen Studierenden automatisch am Pitching oder am Screening teilnehmen. Das Programm wird unter inhaltlichen und qualitativen Gesichtspunkten vom Encourage-Team kuratiert. Doch dominieren die Nachwuchswerke der großen Filmhochschulen das Programm. Die Kunsthochschule Kassel war allerdings auch dieses Jahr wieder vertreten, es wurden zwei Kurzfilme des Hauses gezeigt: „The guy who just wanted to smoke“ von Stella Hood und „Weird Fish“ von Oleksandra Krasavtseva. Dass Hessen keine eigene Filmhochschule hat, betrachtet Rüdiger Pichler sogar als Standortvorteil: „Der hochschulübergreifende Austausch der vier filmschaffenden Hochschulen und Kunsthochschulen in Hessen bietet Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, die anderswo nicht vorhanden sind. Und vor allem das Projekt Hessen Talents macht das Bundesland als attraktiven Studienort für Filmnachwuchs international bekannt. “

Was die Encourage-Akkreditierten unter anderem in ihren Beuteln fanden, war die Broschüre der Hessen Talents, aufwändig gestaltet von den Talenten selbst. Auch eine eigene Website des Projekts wurde von den Studierenden neu erstellt. Eigen-PR zu betreiben, auch über Social Media, gehört mit zum von der Projektleiterin betreuten Begleitprogramm. „Es geht bei uns generell um die Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis in der Lehre. Das kam bei den Studierenden gut an“, sagt Borjana Gaković. Das neue Konzept des Begleitprogramms wurde auch von der Studentin Rose Kaufhold goutiert, bereits 2024 Teilnehmende von der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach: „Ich hatte auf der Berlinale Kazuhiro Sōdas Premiere von „The Cats of Gokogu Shrine“ gesehen. Im Rahmen der Q&A kündigte er eine Lesung an, die ich besuchte. Ein späteres Gespräch mit ihm hat meinen gesamten Zugang zum Filmemachen verändert. Das erste Mal konnte ich in Berlin richtig die Luft der Branche riechen, später in Cannes wurde mir klar: Ich bin ein Teil davon.“ Dieses Jahr war Kaufhold wieder dabei in Berlin, als Besucherin. Insbesondere der Film „Die Möllner Briefe“ und die dazugehörige Masterclass hätten sie inspiriert. Ihr eigener Abschlussfilm befindet sich zurzeit in Postproduktion. Wir dürfen gespannt sein.

Kategorie: GRIP-Blog

Schlagworte: Ausbildung/Weiterbildung/Studium, Festival, Filmemacher*in, Nachwuchs, Institution, Filmförderung, GRIP-Blog