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06.08.2026

Jung und cinephil!

Nach der Schließung der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) haben deren seit 2014 bundesweit aktive Jugend Filmjurys ein neues Zuhause gefunden: den Bundesverband Jugend und Film (BJF) in Frankfurt. Doch dem seit 2014 etablierten Projekt fehlt es mit dem Umzug an Planungssicherheit. Die hessische Jury vergab dieses Jahr den Filmpreis Globale Perspektiven an ein engagiertes Verleihunternehmen. Die jungen Juror*innen berichten, wie sich ihre Juryarbeit gestaltet hat.

Von Birgit Schweitzer

Der Filmpreis wurde in drei Kategorien im Rahmen der 28. Filmtage Globale Perspektiven in der Evangelischen Akademie Frankfurt Ende Mai 2026 vergeben. Die jungen Juror*innen zeichneten das Verleihunternehmen Filmperlen mit dem „Besten Kinofilm für junge Menschen“ aus: den Kenianisch-Deutsche Spielfilm „Nawi – Dear Future Me“. Eine lobende Erwähnung erhielt missingFILMs für den Dokumentarfilm „Niñxs – Das Leben glitzert“ von Kani Lapuerta. Die Jury setzte sich aus fünf Personen zusammen: Ariane Köller (20) aus Marburg, Liam Belgorodski (17), Vincent Eckert (18), Finja Dorner (18) und Joel Perez Rentsch (18) aus Frankfurt. Diejenigen, die noch zur Schule gehen, waren von der Schulpflicht befreit.

Schüler*innen und Studierende
Vincent, Finja und Liam vertraten die Jury bei der Preisverleihung und verlasen auf der Bühne souverän ihre gemeinsam geschriebene Jurybegründung. Vincent studiert an der Uni Marburg Geschichte und Politikwissenschaft und ist Teil des LUCAS Filmclubs am DFF. Finja besuchte bisher die IGS Herder in Frankfurt – ein Standort der BJF-Jugend Filmjury. Nach ihrem Fachabitur hat sie die Schule für ein Gap-Year verlassen, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Sie war bereits Teil verschiedener Film- und Drehbuch-Jurys und ist seit sechs Jahren in der BJF-Jugend-Filmjury aktiv. Aktuell engagiert sie sich für den Neustart des Berger Kinos und ist auch ehrenamtlich aktiv in der Ada-Kantine. Liam besucht die 11. Klasse des Lessinggymnasiums, wo er an der Philosophischen Film AG teilnimmt, und im nächsten Jahr Abitur macht. Er hat sich bislang in der Juryarbeit beim LUCAS Filmfestival engagiert.

Liam (von links), Vincent und Finja bei der Preisverleihung ©Birgit Schweitzer
Liam (von links), Vincent und Finja bei der Preisverleihung ©Birgit Schweitzer

Der von der Jugendjury prämierte Film „Nawi – Dear Future me“ aus Kenia handelt von einem 13-jährigen Mädchen, das bei einem Test das beste Ergebnis der Region erreicht hat. Sie träumt davon, die High School zu besuchen. Ihr Vater hat andere Pläne für sie, er möchte sie mit einem viel älteren Mann verheiraten. Obwohl die Familie auf das Brautgeld angewiesen ist, wehrt sich Nawi gegen die Zwangsehe. In der Nacht vor der Hochzeit flieht sie und macht sich auf den Weg nach Nairobi. Doch dann erfährt sie, dass nun ihre Schwester an ihrer Stelle verheiratet werden soll.

Die Jugend Filmjury hielt das Drama aus mehreren Gründen für auszeichnungswürdig. „Einerseits hat der Film eine gut geschriebene Geschichte: Plot Development, mitreißende Dialoge“, so heißt es in der Begründung, „in Erinnerung bleibende innere Monologe, Spannung, die einen nicht loslässt, alles ist dabei“, verlas Vincent die Entscheidung. Der Film hätte dazu jede weitere Kategorie neben der erzählten Geschichte gemeistert: Das Schauspiel des gesamten Ensembles sei fabelhaft gewesen, die Schnittkomposition habe sie überzeugt, langsame Schnitte bei emotionalen Szenen, hektischer Schnitt bei spannenden Szenen. Dazu zeige Nawi unvergessliche Bilder. Liam verlas weiter: „Doch der Film bringt auch eine wichtige Thematik mit sich: Er will zeigen, dass Menschen aus aller Welt Träume haben, dass Menschen aus aller Welt etwas erreichen wollen, dass Menschen aus aller Welt ihre Träume auch verlieren können.“ 

Nawi wehrt sich im gleichnamigen Preisträgerfilm gegen ihre Zwangsverheiratung. Filmstill: Filmperlen
Nawi wehrt sich im gleichnamigen Preisträgerfilm gegen ihre Zwangsverheiratung. Filmstill: Filmperlen

Der Film vermittle, dass Kinder eine Stimme bekommen sollten, damit sie sich gegen Unterdrückung wehren und ihre Träume verfolgen können. Kevin Schmutzler, Regisseur (mit Toby Schmutzler, Val Chelluget und Apuu Mourine) und Produzent des Gewinnerfilms, bedankte sich live vom Festivalgelände in Cannes per Videocall zugeschaltet.

Beim Juryurteil waren sie sich schnell einig
Die Juror*innen berichten, dass sie nach einem Kennenlerngespräch ungefähr einen Monat Zeit hatten, sich die sechs nominierten Filme individuell über Watchlinks online anzuschauen. Dann folgte die Jurybesprechung mit allen Juror*innen. Diese wurde moderiert von Dascha Petuchow, der Projektkoordinatorin, und dauerte rund zwei Stunden, berichtet Dilan Yildirim, die Projektleiterin der BJF-Jugend Filmjury. Dabei bleibe die geführte Moderation stets auf ein Minimum reduziert. Jeder Film wird einzeln durchgegangen und diskutiert. Am Schluss wählen die Juror*innen aus, welcher Film in die nächste Runde geht. Beim Gewinnerfilm waren sie sich einig. Schon im ersten Durchgang fiel einhellig die Wahl auf „Nawi“.

Für eine lobende Erwähnung des mexikanischen Dokumentarfilms „Niñxs – Das Leben glitzert“ haben sich vor allem Finja und Liam stark gemacht. Kani Lapuerta begleitet darin über einen Zeitraum von acht Jahren die trans Jugendliche Karla in der kleinen Stadt Tepoztlán in Mexiko. Während Karla ihre Geschlechtsangleichung und das Erwachsenwerden meistert, zeigt das Filmporträt die Herausforderungen und Freuden einer trans Identität im ländlichen Raum. Finja verlas die Jurybegründung: „Was uns vor allem an dem Film gefallen hat, war die Art der Darstellung von trans Personen. Niñx zeigt trans Personen als ganz normale Menschen. Karlas trans Identität ist natürlich ein zentraler Punkt des Filmes, aber die Zuschauer*innen lernen sie auch als eine komplexe Person kennen und dass trans sein nicht das einzige Thema in ihrem Leben ist.“ 

"Niñxs – Das Leben glitzert" erhielt eine lobende Erwähnung. Filmstill: missingFILMs
"Niñxs – Das Leben glitzert" erhielt eine lobende Erwähnung. Filmstill: missingFILMs

Auch dass sie ihre Geschichte selbst erzählt und den Film mitgestalten konnte, merken sie positiv an und stellen es dem Film „Emilia Pérez“ „über eine andere trans Person, mit einem hetero-cis Mann als Drehbuchautor und Regisseur“ gegenüber.
Vor allem überzeugte sie, dass Niñx eine glückliche trans Person porträtiere, denn diese würden sonst oft depressiv dargestellt und vor allem die Ablehnung und Diskriminierung, die leider und auch im Globalen Süden zum Leben von trans Menschen gehöre, thematisiert. So sei dies eine erfrischende Alternative gewesen, die sie überzeugt habe.

Jung, kritisch, engagiert: Die Juryerfahrung prägt
Juryarbeit klingt nach viel Filme schauen, das gehört definitiv dazu – aber es ist längst nicht alles. Die Jugendlichen diskutieren: Was macht einen Film gut? Ist er emotional berührend? Und vor allem besprechen sie auch Fragen wie: Welche Themen sprechen junge Menschen besonders an? Wie zugänglich sind die erzählten Geschichten für Kinder und Jugendliche und welche gesellschaftlichen Impulse gehen von den Filmen aus? In moderierten Diskussionen setzen sich die Jurymitglieder intensiv mit den gezeigten Werken auseinander, bevor sie eine gemeinsame Entscheidung über die Preisvergabe treffen.
Die Medienkompetenz haben sie in medienpädagogischen Seminaren zu Beginn ihrer Jurytätigkeit meist im Alter von 10 bis 14 Jahren erhalten. Im Laufe ihrer Tätigkeit festigen sich diese Fähigkeiten, sodass die erfahrenen 14- bis 18-Jährigen sehr geübt darin sind, über Filme zu sprechen und ihre Meinung fundiert zu vertreten. Von daher werden sie von Filmproduktionen und Verleihen auch gebeten, Drehbücher gegenzulesen und bundesweit an Filmgesprächen und Festivals teilzunehmen. So diskutierte die BJF-Jugend Filmjury bei den Filmtagen Globale Perspektiven mit der Regisseurin Clara Trischler über ihren Film „Night of the Coyotes“, der illegale Grenzübertritte von Mexiko in die USA als touristische Attraktion den Erzählungen der örtlichen indigenen Gemeinschaft gegenüberstellt.

Andere Lebenswirklichkeiten im Kino erleben
In der Jury treffen unterschiedliche Meinungen aufeinander – das macht den Prozess spannend, in der Vielfalt der Jurymitglieder finden sie dennoch eine gemeinsame Bewertung.
Vincent ist in der Jury, weil er sich besonders für Filme interessiert, die nicht in den großen Kinos laufen und nur schwer zu sehen sind. „Ich finde es toll, dass Filme den Blick für Lebenswirklichkeiten, die man sonst vielleicht nie kennenlernen würde, öffnen.“ Das war bei den Filmtagen Globale Perspektiven der Fall, so lerne er dadurch etwas für sein Leben dazu.
Finja ist großer Fan von Dokumentarfilmen, die andere Lebensrealitäten porträtieren, die sie auch in ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten sucht. Dies hat sich für sie auch bei den Filmen aus dem Globalen Süden erfüllt. Sie schätzt die gemeinsame Erfahrung im Kino und taucht dabei gerne in die Welt von anderen Menschen ein. Liam, der Jüngste im Bunde, begann sich leidenschaftlich für Film zu interessieren, als er vor drei Jahren aufgrund eines Buchgeschenkes anfing, Filmklassiker zu schauen. Die Filme über den Globalen Süden zeigen echte Lebenssituationen wie Flucht, Armut und die Folgen des Kolonialismus. Dabei mag er, wenn Filme Standpunkte vertreten, ohne zu belehren. Er fragt sich bei seiner Juryarbeit immer, was ein Film bewirken kann.

Ein Blick auf die Geschichte
Die Jugend Filmjury entstand 2014 aus der Arbeit der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW), die sich fragte, wie Kinder und Jugendliche selbst die für sie produzierten Filme beurteilen würden. Das Projekt wurde von einer Arbeitsgruppe mit Jörg Witte (Leiter der SchulKinoWochen Niedersachsen und Vorsitzender des Saarländischen Filmbüros), Eva-Maria Schneider-Reuter (Medienpädagogin), Reinhold T. Schöffel (damaliger Geschäftsführer Bundesverband Jugend und Film), Holger Twele (Filmjournalist und -pädagoge) und Bettina Buchler (damals Direktorin der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW) entwickelt und am 10. Oktober 2014 auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Seitdem besteht die Jugend Filmjury als bundesweites Netzwerk aus jungen Filmjurys, die Filme nach eigenen Kriterien sichten, besprechen und mit einem Empfehlungs-Siegel versehen. 

Kevin Schmutzler bedankt sich für den Preis der Jugend Filmjury ©Birgit Schweitzer
Kevin Schmutzler bedankt sich für den Preis der Jugend Filmjury ©Birgit Schweitzer

Die jungen Menschen orientieren sich dabei vor allem an Verständlichkeit, Relevanz für ihre Altersgruppe, filmischer Qualität und der Frage, ob ein Film sie berührt oder überrascht. Die Jugend Filmjury entstand aus dem Wunsch, jungen Menschen eine eigene Stimme im Filmdiskurs zu geben und sie aktiv an der Bewertung und Auswahl von Filmen zu beteiligen. In Zusammenarbeit mit Filmfestivals, Kinos und kulturellen Institutionen wurde das Konzept entwickelt, Jugendliche nicht nur als Publikum, sondern als kompetente Jury-Mitglieder einzubinden. Seit ihrer Gründung hat sich die Jugend Filmjury zu einer festen Größe in der deutschen Filmlandschaft entwickelt: Über die Jahre hinweg ist dadurch ein lebendiges Netzwerk entstanden.

Bundesweit 13 Standorte
Auch wenn das Projekt in Hessen entstanden ist, gibt es mittlerweile an insgesamt 13 Standorten in ganz Deutschland Filmjurys, die aus zehn jungen Filmfans im Alter zwischen 10 und 18 Jahren bestehen. Am Standort Frankfurt wird mit dem DFF und der IGS Herder kooperiert. In Marburg gibt es zwei Jurys (10-14 Jahre und 15-20 Jahre) in Zusammenarbeit mit dem dortigen Cineplex Kino. Auch Schulen und Filmfestivals kooperieren mit den Jugend Filmjurys. Durch die verschiedenen Konstellationen und kulturellen Wissenshintergründe entwickelt jeder Standort sein eigenes Profil und bewahrt seine Eigenheit. An jedem Standort gibt es dazu eine Juryleitung und eine medienpädagogische Betreuung.
Gleichzeitig bietet die Juryarbeit jungen Jurorinnen und Juroren die Möglichkeit, hinter die Kulissen der Filmbranche zu blicken und ihre Perspektiven öffentlich zu vertreten. Eine Mitarbeit fördert ihre Medienkompetenz, ihr kritisches Denken und den Austausch über Filmkultur. Die Jurysitzungen, die alle sechs bis acht Wochen an den jeweiligen Standorten stattfinden, werden so wenig wie möglich moderiert. Es soll eine Empfehlung von guten Filmen von Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe sein. Die Kinder haben sich Kriterien selbst erarbeitet und bewerten Filme mit fünf Adjektiven und mit bis zu fünf Sternen. Erhält ein Film mindestens drei Sterne, schafft er es auf die Homepage (www.jugend-filmjury.com). Die Bewertungstexte und Alterseinschätzungen sind dort nachzulesen. Altersempfehlungen aus Sicht der Kinder sind ergänzend und teilweise auch abweichend zur FSK-Freigabe, die manches Mal überrascht.

Wackelige Planungssicherheit
Seit 2026 wird das Projekt vom Bundesverband Jugend und Film e. V. (BJF) getragen; zuvor lag es 12 Jahre lang bei der FBW, die Ende 2025 abgewickelt wurde. Bettina Buchler, die ehemalige Direktorin der FBW, hat sich intensiv dafür eingesetzt, dass die Jugend Filmjury bestehen bleibt und ist froh, dass der BJF, der bei der Gründung vor 12 Jahren maßgeblich beteiligt war, Anfang 2026 die Trägerschaft übernommen hat. „Es ist ein einzigartiges Projekt der Partizipation und Teilhabe des jungen Publikums, das es in der Kultur-, Kino- und Filmlandschaft so nicht gibt“, sagt sie. Dies spiegele sich auch in der großen Resonanz wider, die das Projekt bundesweit bisher erfahren habe.
„Wie wichtig der Erhalt der Jugend Filmjury ist, zeigt sich auch am Engagement der jungen Jurymitglieder bei Festivals und Veranstaltungen wie den Filmtagen Globale Perspektiven. Um das Fortbestehen des Netzwerks für ein junges Publikum sicherzustellen, wäre neben der Hessen Film & Medien und anderen Länderförderungen auch ein institutionelles Commitment des Bundes sehr wünschenswert. Da die Projektfördermittel jährlich neu beantragt werden müssen, fehlt es an Planungssicherheit“, sagt sie. Dies gilt insbesondere für die angestellten Kräfte Projektleiterin Dilan Yildirim und Projektkoordinatorin Dascha Petuchow. Sie teilen sich sozusagen eine Ganztagsstelle, denn die Jurykoordination kostet viel Arbeit, Vernetzung und Organisation der Veranstaltungsformate in allen Ländern. 60 bis 70 Filme werden pro Jahr gesichtet, hier muss auch mit den Verleihen zusammengearbeitet werden. In Kooperation mit Festivals lobt die Jugend Filmjury auch Preise aus. Dazu unterstützt eine studentische Hilfskraft bei Social Media.

Kategorie: GRIP-Blog

Schlagworte: Dokumentarfilm, Spielfilm, Auszeichnung, Festival, Institution, Kinder und Jugendliche