Filmland Hessen 2/2009

01.11.2009

Dem Leben auf der Spur

Hessens erfolgsverwöhnte Dokumentarfilmszene - ein Überblick

Von Martin Loew

„Nach einer wahren Begebenheit" - wenn ein Spielfilm mit diesem Hinweis wirbt, dann wohl deshalb, weil sich die Macher einen Mehrwert versprechen, so als wollten sie sagen: die besten Geschichten schreibt das Leben. Für Dokumentarfilme erübrigen sich solche Winkelzüge. Sie sind immer dem Leben verpflichtet; sind immer Themen auf der Spur, die der Recherche und der filmischen Auseinandersetzung lohnen. Das ist die Quintessenz erfolgreicher Dokumentarfilme, von denen viele gerade aus Hessen kommen, wie die erfolgreichen Kinostarts und viele Auszeichnungen belegen. 

Gerade Premiere hatte „Mazel Tov" von Mischka Popp und Thomas Bergmann. Sie porträtieren Juden, die nach dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland ausgewandert sind. Die Filmemacher lassen diese Menschen erzählen. Geschichten als Schätze, die Popp und Bergmann mit ihrem Film gehoben haben. Die Arbeiten der beiden Filmemacher sind mehrfach mit Preisen geehrt worden, auch mit zwei Hessischen Filmpreisen für „Giftzwerge" (1991) und „Augenlied" (2003). 

Die Themenwahl verrät die eigene Handschrift 

Sung-Hyung Chos neuer Film „Endstation der Sehnsüchte" ist gerade im Kino gestartet. Wie schon ihr fulminantes Debüt „Full Metal Village" (Hessischer Filmpreis 2006) nennt sich die neue Produktion ironisch „ein Heimatfilm". Die Protagonisten: Drei koreanische Frauen, die jahrzehntelang in Deutschland gearbeitet haben und nun im Ruhestand mit ihren deutschen Ehemännern in ein „Deutsches Dorf" in Korea gezogen sind. Mit viel Einfühlungsvermögen widmet sich die aus Südkorea stammende Regisseurin den Lebenswegen der Menschen und ihrer Suche nach einer Heimat, die doch schon lange verloren gegangen ist. 

Auf wirtschaftspolitische Themen hat sich Klaus Stern spezialisiert. Sein letzter Film „Henners Traum", der im Frühsommer in den Kinos zu sehen war, begleitete den Bürgermeister des nordhessischen Hofgeismar Henner Sattler bei seiner Suche nach Investoren für ein mondänes Tourismusresort im Norden Hessens - das Abbild einer Visionärs. Auch Stern ist Hessischer Filmpreisträger für „Lawine - Leben und Sterben des Werner König" (2008). 

Impulse durch Frankfurter Filmproduktionen 

Von gescheiterten Träumen eines Unternehmers erzählt Peter Dörflers „Achterbahn", der mit beachtlichem Erfolg 2009 in den Kinos gelaufen ist. Produziert hat diese wahnwitzige Dokumentation die Frankfurter Strandfilm, die gerade mit einem neuen Titel an den Start geht: „Blues March - Der Soldat Jon Hendricks" von Malte Rauch, die Geschichte des afroamerikanischen Jazzmusikers, der im zweiten Weltkrieg, wie unzählige andere schwarze Gl's, gegen Hitlerdeutschland gekämpft hat, gleichzeitig aber mit der Rassendiskriminierung in den eigenen Truppen konfrontiert ist. 

Und um das Spektrum aktueller preisgekrönter Produktionen zu vervollständigen, soll noch auf die Frankfurter Firma „Sehstern" verwiesen werden, die als Co-Produzent auch jüngst an zwei prämierten Werken beteiligt war: an „Opernfieber" von Katharina Rupp (Hessischer Filmpreis 2005) und an „Spielverderber" von Henning Drechsler und Georg Nonnenmacher (Hessicher Filmpreis 2008). Die ironisch-augenzwinkernde Verbeugung vor einer Spezies, die manche als Spielverderber sehen, ohne die aber nichts geht im Leben, zumindest auf dem Fußballfeld: die Schiedsrichter. So sind die Dokumentarfilmer zuletzt sogar noch auf Augenhöhe mit dem Ball. 

Kategorie: Bericht/Meldung (GRIP INFO + Filmland Hessen-Beiträge)

Schlagworte: Dokumentarfilm, Auszeichnung, Filmemacher*in, Filmproduktion

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