Filmland Hessen 1 / 2014
01.05.2014
DEUTSCHLANDS LEIDENSCHAFTLICHSTER FILMPRODUZENT
Zum Tod von Karl „Baumi" Baumgartner
Von Daniel Güthert
Als „Deutschlands leidenschaftlichstem Filmproduzenten" pries die Jury Karl Baumgartner, als ihm das 60. Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2012 den Kulturpreis der Stadt Mannheim verlieh. Eine von unzähligen Ehrungen, die dem Frankfurter Kinoenthusiasten für seine Verdienste um das internationale Filmschaffen zuteil wurden. So war ihm noch jüngst die Berlinale-Kamera überreicht worden, die er, von Krankheit bereits gezeichnet, im Februar entgegennahm. Nun ist der passionierte Zigarrenraucher und fußballverrückte Dribbelkünstler seiner schweren Krankheit im Alter von 65 Jahren erlegen.
„Als einen verwegenen Outlaw, einen Partisanen des Kinos, der mit Erfolg und unbeschreiblicher Begeisterungsfähigkeit die Sache des unabhängigen Arthousefilms zu seiner Sache gemacht hat", so beschrieb Berlinale-Chef Dieter Kosslick den Filmverleiher und Producer, als er ihm den Ehrenpreis der Berlinale zusprach. Als Dank auch für die enge Verbundenheit Baumgartners zu den Filmfestspielen, auf denen er regelmäßig mit seinen Arbeiten vertreten war - zuletzt 2012 mit der indonesischen Coproduktion „Die Nacht der Giraffe" (Regie: Edwin) und mit Pia Marais' „Leyla Fourie" 2013.
Weit zurück bis in die Anfänge der 70er Jahre reichte Baumgartners Hingabe für das Kino und den Autorenfilm zurück, als es den gebürtigen Südtiroler nach Frankfurt verschlug und er dort zusammen mit Reinhard Brundig und anderen das legendäre Programmkino Harmonie gründete und dann, 1982, den Pandora-Verleih ins Leben rief, mit dem gleich erste fulminante Erfolge des Weltkinos verbucht wurden: mit Andrej Tarkowskys „Nostalghia" und dem türkischen Epos „Yol" von Yilmaz Güney (Goldene Palme Cannes 1982). Der eingeschlagene Weg wurde fortgesetzt, auch als Baumgartner und Brundig 1991 in die Produktion einstiegen. So ist von Pandora gewissermaßen die Weltkarte des Autorenfilms neu vermessen worden. Namen wie Emir Kusturica, Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, wie Jane Campion oder Mira Nair erlangten Kultstatus. Bedeutende Auszeichnungen waren die Folge, darunter etwa der Europäische Filmpreis für Gianni Amelio („Gestohlene Kinder") und die Goldene Palme für „The Piano" (Jane Campion), für „Lebe wohl, meine Konkubine (Chen Kaige) und für Kusturicas „Underground".
An die 100 Filme sind bis heute von Pandora realisiert worden und die Liste der Filmemacher, die dabei untrennbar mit dem Namen Karl Baumgartner verbunden sind, liest sich wie die Enzyklopädie des Arthouse-Kinos. Das gilt selbst für den Bereich des Dokumentarfilms, denkt man nur an Nicolas Vaniers „Der letzte Trapper" oder Jacques Perrins „Die Nomaden der Lüfte". Pretiosen allesamt des unabhängigen, internationalen Autorenfilms. Und vermutlich ist es nicht einmal übertrieben, wenn in der FAZ, als wäre es in dunkler Vorahnung gewesen, zur Berlinale-Würdigung zu lesen stand: „Einer wie Baumgartner ist nicht zu ersetzen, auch nicht durch ein Dutzend Fördertöpfe."
Kategorie: Nachruf
Schlagworte: Filmproduktion, Auszeichnung, Festival, Spielfilm, Kino, Verleih
