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Weltoffen, visionär und gleichzeitig bodenständig

Weltoffen, visionär und gleichzeitig bodenständig
Die Franfurter Westend Film & TV hat sich mit TV-Dokumentarfilmen, TV-Service und Corporate TV einen Namen gemacht
Von Birgit Schweizer

Kaum, dass eine Ehe heute noch so lang hält. Wolf Truchsess von Wetzhausen und Robert Heitmann stehen seit 28 Jahren gemeinsam auf der Kommandobrücke der Westend Film & TV Produktion. Mit Mitte Zwanzig haben sie sich kennengelernt an der Frankfurter Uni - im Studienfach Ethnologie. Damals verdingten sich beide schon als freie Kameraassistenten für das ZDF und taten sich fortan als EB-Team zusammen. Und Heitmann erinnerst sich: „Mit einem Privatkredit von Wolfs Oma haben wir für 72.000 Mark unsere erste Kamera gekauft, eine Sony Betacam SP. Damals waren die noch sündhaft teuer."

Zunächst als Wohnzimmerfirma in ihrer WG, gründeten sie 1989 die Westend Film. Ein sehr günstiger Zeitpunkt, im Nachhinein betrachtet, als private Sender aufkamen und Teams gebraucht wurden. Schnell wuchsen sie zu einer größeren Firma, die bis zu sechs feste und freie Kamerateams an die Sender vermietete.

Das studierte Kamerateam hatte den anderen vorweg, sich gut in journalistische Anforderungen eindenken zu können. Sie konnten den Spagat zwischen klassischem Dokumentarfilm und Gesellschaftsmagazin, zwischen "aus der Hand gefilmt" und "klassisch aufgelöst" meistern. Deshalb waren sie vor allem bei Spiegel TV beliebt. „Für Stephan Aust sind wir durch die ganze Welt gejettet", berichtet Truchsess von Wetzhausen. Aus einer spontanen Laune heraus eröffneten sie in New York ein Studio, mieteten in Manhattan ein Appartement. „Es war eine schöne Zeit", sagen beide heute. In dreimonatigem Turnus wechselten sie sich - zwischen 1996 und 1998 - dort ab. Ein weiterer Schritt in die Internationalität kam dank den Verträgen mit der BBC und der japanischen NHK zustande, als sie im Auftrag der Sender Korrespondentenbüros zur Euroeinführung aufbauten.

Seit 2009 residiert die Firma nun auf 300 Quadratmetern am Steinernen Stock mit der Degeto und der Hessen Film und Medien GmbH als Nachbarn. Das Kleinunternehmen mit 20 festangestellten Mitarbeitern und einem Pool aus noch einmal so vielen Freien erwirtschaftet inzwischen einen stolzen Jahresumsatz von zwei Millionen Euro. Hochrangige Studiogäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur gehen hier ein und aus.

Als offizieller Playout Partner der European Broadcasting Union verfügt Westend Film über ein Studio mit modernster Übertragungstechnik, das auch für das Internet ausgerichtet ist, und hält auch ausreichend Schnittplätze vor. Gebucht wird dieser Service von internationalen Sendern und supranationalen Organisationen. Dazu betreibt die Firma noch ein ausgelagertes Studio an der Börse Frankfurt, das ausgestattet ist mit der neusten HD- und Greenscreen-Technik sowie AVID-Schnitt. Drei Kamerapositionen mit Kamerazügen auf dem Parkett und auf der Galerie ermöglichen die Bilder, die wir aus dem Fernsehen, beispielsweise aus dem Heute Journal, von der Börse kennen.

Die Haupteinnahmen der Firma liegen aktuell in der Produktion von Fernsehsendungen im Bereich Kultur, Geschichte und Gesellschaftspolitik. Nach dem Erfolg mit dem TV-Service kam der Wunsch, komplett zu produzieren, von der Idee bis zum fertigen Film. Die erste große Koproduktion entstand 2005 nach zweijähriger Recherche mit „Children of the Decree" ("Das Experiment 770 - Gebären auf Befehl"), einem Arte-Dokumentarfilm von Razvan Georgescu und Florin lepan, der den Auswirkungen des 1966 in Rumänien erlassenen Dekrets 770 nachspürt. Staatschef Ceausescu verbot darin Verhütung und Abtreibung zur Nachwuchssicherung einer kommunistischen Gesellschaft.

In diesem Jahr werden sie allein acht Sendungen für "Metropolis" im Auftrag von Arte realisieren und sich erneut an das von Truchsess von Wetzhausen besonders leidenschaftlich verfochtene Format machen, an das Dokudrama, eine Hybridversion zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm, die Quotenpferde von Arte zur Prime Time. Ein Dokudrama über die Hexenprozesse in Neuengland ist gerade in der Postproduktion. Und vorbereitet wird ein Film über das Leben der Lola Montez, der im Juni in Deutschland gedreht wird. Um die Inhalte kümmert sich eine hauseigene Redaktion.

Einen Traum erfüllte sich Truchsess von Wetzhausen mit der fünfteiligen Dokureihe für ZDF/Arte „Zwei im Wilden Westen". Schauspielerin Marie Bäumer reitet mit dem Trapper „Hawk" von der mexikanischen zur kanadischen Grenze durch Amerika. Er selbst war zu ross mit von der Partie. „Brutal anstrengend", ist sein Fazit.

Wie in einer guten Ehe haben die beiden Familienväter in fast drei Jahrzehnten neben guten auch schlechte Zeiten ihrer Firma überstanden. Ihr Magisterstudium beendeten sie nach neun Semestern mit Bestnote im Hauptfach. Abwechselnd bekam jeder ein halbes Jahr frei für die Prüfungen und das Schreiben der Abschlussarbeit. Eine schwere Zeit kam Anfang 2000. Sie hatten damals viel Geld in die Formatentwicklung eigener Produktionen investiert, waren hingegen gleichzeitig noch „Greenhorns im Finanzieren", wie Heitmann es formuliert. Zu viele Beschäftigte gab es zu bezahlen für wenig finanzielles Outcome. Auch erlebten sie mehrmals den Fall, dass gute Mitarbeiter direkt zum Sender wechselten und das Geschäft mitnahmen. Aus den Rückschlägen haben sie indessen gelernt. „Wir dachten, dass man Kreativität delegieren kann. Wichtig ist dagegen, immer selbst das kreative Gesicht nach außen zu sein", erkennt Truchsess von Wetzhausen zurückblickend. Zum Glück konnte ein Fehlschlag stets durch andere Bereiche aufgefangen werden. Das Erfolgsrezept der Firma fußt auf drei Säulen: Dokumentarfilme für das Fernsehen, Corporate-Filme und TV-Service. Diese breite Aufstellung rettete ihnen schon oft das Leben. „Viele Firmen, die mit uns am Start waren, sind Pleite gegangen, weil sie zu spezialisiert waren, etwa nur auf Werbefilm", meint Truchsess von Wetzhausen

Die Aktualitätsberichterstattung, mit der sie als EB-Team ihre ersten Brötchen verdienten, ist inzwischen in den Hintergrund gerückt, fungiert nur noch als Zusatzgeschäft. Zu viele freie Kameraleute bieten sich heute auf dem Markt für wenig Geld an.

Eine Nische allerdings besetzen sie, indem sie, vorrangig für das ZDF, speziell für ein „Hostile Environment" geschulte Teams (das heißt, Verhalten bei Entführungen, in Minengebieten, bei chemisch-biologischen Waffen sowie in Deeskalationsstrategien) weltweit für Reportagen in Krisengebiete schicken. Es sind professionelle Multitalente - und mutmaßliche Krisenjunkies -, die Dreh, Ton, Sprachmischung und Schnitt unter extremen Bedingungen vor Ort machen können. So waren bei der Katastrophe in Fukushima, im Irak und im Arabischen Frühling Teams von Westend Film vor Ort.

In der Corporate TV Sparte, die Heitmann engagiert unter seine Fittiche genommen hat, befinden sich momentan 15 Aufträge gleichzeitig in Produktion. Die Referenzliste enthält namhafte Kunden wie die Europäische Zentralbank, CNBC, die Deutsche Bundesbank, deren Pressekonferenzen sie live über Satellit übertragen, das Historische Museum und den Hessischen Landtag, dessen Plenarsitzungen sie für Gehörlose Untertiteln und dessen Youtubekanal sie pflegen. Im Vordergrund stehe hier, die Auftraggeber bei der externen und internen Kommunikation zu unterstützen, aber dabei immer auch neue Erzählmöglichkeiten auszuloten, so Heitmann.

Mit den Dokudramas ging Westend Film den Schritt in die Fiktionalität. So treibt die beiden Geschäftsführer noch ein ganz andere Zukunftsvision um: in die fiktionale Serienproduktion einzusteigen. Gegenwärtig investieren sie gezielt in die Entwicklung von Serienstoffen. Und erste Kontakte zu Sendern seien diesbezüglich auch schon angebahnt.

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