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Mitarbeiter von Filmfestivals beklagen fragwürdige Arbeitsverhältnisse

Mitarbeiter von Filmfestivals beklagen fragwürdige Arbeitsverhältnisse
Kommt die Initiative „Festivalarbeit“ unter das Dach von Verdi?
Von Andrea Wenzek

Besucher der Filmfestivals in Deutschland dürften überrascht sein: Das Gros ihrer Mitarbeiter ist prekär beschäftigt. Sie sind hochspezialisiert in einer vermeintlichen Nische des Kulturbetriebs, denn mittlerweile gibt es rund 450 Filmfestivals in Deutschland. Auf der Berlinale lud die Initiative „Festivalarbeit“ zu ihrem zweiten Treffen ein.

Unter den Teilnehmern befanden sich auch Betroffene der Festivals, die als Abspielprojekte von Hessen Film und Medien gefördert werden. Darunter auch Alexandra Hertwig, die als frühere Leiterin der Sektion „Dokumentarischer Langfilm“ beim Kasseler Dokfest lange ein nur geringes Honorar auf Basis eines Werkvertrags erhalten hatte. Ihre Funktion beschränkte sich beileibe nicht nur auf die Filmauswahl: „Ich war auch für alles andere in der Sektion zuständig, für Katalogtexte, Ablauforganisation, Moderation, Gästebetreuung und Zielgruppen–PR.“ Das Kasseler Beispiel ist in der Festivalszene gängige Praxis. Konnte Hertwig ihre Existenz noch über eine anderweitige Teilzeitstelle sichern, befinden sich die meisten Kuratoren und Programmverantwortlichen in einer anderen Lage: Sie sind als Selbständige für mehrere Festivals tätig, und ihr geringes Einkommen reicht für die Altersvorsorge nicht aus.

Die Wurzel des Übels liegt in der verzerrten Wahrnehmung der Festivals durch die öffentliche Hand. Als relevanter Teil der Kreativwirtschaft sorgen sie für imageprägende Aufmerksamkeit und handfeste Standortvorteile für die jeweilige Region. Doch deren „Vertreter singen regelmäßig ein Loblied auf das Ehrenamt zur Eröffnung eines Filmfests, als handele es sich um das Sportfest eines Fußballvereins“, wusste eine Teilnehmerin des Treffens zu berichten.

In der Tat haben sich die meisten Festivals seit den 1980er Jahren als Vereine dank des ehrenamtlichen Engagements junger Cineasten organisiert. Die Events brachten internationales Flair in die Städte, die dies mit ersten kommunalen Zuwendungen belohnten. In der Folge begannen sich die Mitarbeiter der Filmfeste zu professionalisieren. Die Budgets wuchsen – nicht zuletzt infolge von Zuschüssen der Länder, regionalen Filmförderungen und Bundesministerien. Und damit wuchsen auch die Erwartungen: mehr Filme, mehr Spielstätten, mehr Stars. Ermöglicht wurde dies, weil die Beschäftigten der Festivals bis heute unter fragwürdigen Bedingungen und un(ter)bezahlt arbeiten. Auch Festivalleiter sind davon betroffen: „Um unsere laufenden Kosten wie Miete und eine angestellte Bürokraft zu finanzieren, arbeite ich ehrenamtlich“, sagt die Leiterin von Nippon Connection, Marion Klomfaß, die ihre Existenz als Cutterin sichert.

Andrea Kuhn, seit Jahren an der Spitze des Internationalen Filmfestivals der Menschenrechte Nürnberg, umriss, worum es der Initiative geht: „Angestellte und arbeitnehmerähnlich freie Festivalarbeiter sollten Anspruch auf Verträge nach dem Tarifvertragsgesetz § 12a erhalten, welche ihnen einen Mindestlohn, die Absicherung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz und einen Urlaubs- und Rentenanspruch garantieren. Und es sollten die Aufnahmeregularien der Künstlersozialkasse geändert werden, die kuratorische Tätigkeiten bislang als nicht-künstlerisch ausschließen.“

Für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi stellte Kathlen Eggerling die Chancen für die Initiative vor, sollte sie sich in einer neu zu gründenden Gruppe innerhalb von Verdi, ähnlich der Filmunion, organisieren. „Die politische und institutionelle Lobbyarbeit wäre mit der Marke Verdi als mächtige Gewerkschaft leichter zu bewerkstelligen.“ Gerade entscheidet eine Online-Abstimmung unter den Mitgliedern der Initiative, ob sie sich als eigenständige Union mit oder ohne gewerkschaftliche Anbindung institutionalisieren will oder sich ganz unter das Dach von Verdi begibt.

Nur mit wem sollte die Gewerkschaft verhandeln? „Die Gründung eines bundesweiten Festivalverbands für die Lobbyarbeit in der Politik ist überfällig“ sagt Gerhard Wissner, Leiter des Kasseler Dokfests, der die Initiative der Festivalarbeiter unterstützt. Aber der Filmladen Kassel, Träger des Dokfests, habe als Veranstalter kaum Möglichkeiten, seine Gehälter und Honorare zu erhöhen. Die jedes Jahr aufwendig zu beantragenden Projektgelder, auch die von Hessen Film, ließen keine angemessenen Personalvergütungen zu. Festivalleiter verzweifeln an diesem System. „Insbesondere die Lobbyarbeit für eine höhere strukturelle und institutionalisierte Förderung wäre die Aufgabe eines bundesweiten Festivalverbands", so Andrea Kuhn, und sie ergänzt: "Wir arbeiten gerade an seiner Gründung".

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