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Ist Web-TV das Fernsehen der Zukunft?

Ist Web-TV das Fernsehen der Zukunft?
Das Internet gewinnt auch für die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender an stetiger Bedeutung
Von Reinhard Kleber

Film, Fernsehen, Video – alles wächst unter dem Dach des Internets zusammen. Während sich Online-Videos, Streamingdienste und Video-on-Demand-Portale wachsender Beliebtheit erfreuen, weiten auch die konventionellen TV-Sender ihre Aktivitäten im Netz kontinuierlich aus. Das beschränkt sich nicht nur auf die Bereitstellung der eigenen Sendungen in Mediatheken, vielmehr generieren die Sender auch interaktive Web-Specials zum eigenen Content und lassen originäre Web-Formate herstellen. Zu einem wichtigen Player und Impulsgeber avancierte das Online-Netzwerk FUNK, ein innovatives Angebot für das junge Publikum, das jüngst - im Oktober 2016 - startete.

Mit der Gründung von FUNK reagierten die öffentlich-rechtlichen Sender auf die fortwährende Abwanderung junger Menschen zu Online-Angeboten und zur nonlinearen TV-Nutzung. Nachdem ARD und ZDF jahrelang über die Ausgestaltung eines Jugendkanals gerungen hatten, der Fernsehen, Radio und Online kombinieren sollte, beschlossen die Ministerpräsidenten der Länder im Oktober 2014 die Schaffung eines Online-Only-Angebots.

Der Hintergrund: die Nutzung von Videos im Internet wächst rapide. Registrierte der Web-TV-Monitor im August 2015 noch 8.997 Online-Video-Angebote, so waren es ein Jahr später schon 12.008. Die jüngste Studie der Firma Goldmedia zeigt, dass heute 93 Prozent dieser Angebote über YouTube abgerufen werden. Binnen eines Jahres stiegen die Abrufe der deutschen YouTube-Kanäle um 77 Prozent auf 113 Milliarden.

Der Hauptfaktor für die Expansion ist laut Goldmedia-Geschäftsführer Klaus Goldhammer, daß "alle großen Plattformen derzeit ihren Bewegtbildberech kräftig auf- oder ausbauen." So habe Facebook 2016 seine Streaming-Funktion Facebook Live für alle Nutzer freigeschaltet. "Die Yahoo-Tochter Tumblr zog mit einer Live-Video-Funktion nach. Als Reaktion erweiterte Twitter das Längen-Limit auf seiner Videoapp Periscope von 30 auf 140 Sekunden. Zugleich startete Amazon sein YouTube-Konkurrenzprodukt Amazon Video Direct."

Ein weiterer markanter Befund: Im Bewegtbildmarkt wird auch das Live-Streaming immer wichtiger werden, so die Einschätzung der Experten. Doch während sich bei Videos auf Abruf YouTube als Standardplattform durchgesetzt hat, gibt es bei der Live-Verbreitung noch kein dominantes Portal.

Kein Wunder also, wenn die TV-Sender sich verstärkt im Netz engagieren. FUNK peilt denn auch gezielt 14- bis 29-Jährige an. Die Inhalte sollen in erster Linie drei Nutzerbedürfnissen entsprechen: informieren, orientieren und unterhalten. Bis Ende 2020 verfügt der neue Kanal über ein Budget von jährlich bis zu 45 Millionen Euro, das sich ARD und ZDF teilen. Angestoßen und betreut werden die Programme in allen Landesrundfunkanstalten von ARD und ZDF unter Federführung eines Teams (ca. 30 Mitarbeiter) des SWR in Mainz.

Der gravierende Unterschied zum konventionellen TV und seinen Mediatheken ist jedoch, dass für FUNK erstmals im öffentlich-rechtlichen System Inhalte produziert werden, die für soziale Netzwerke konzipiert sind und keinen Sendungsbezug zu Fernsehen oder Hörfunk haben. Die Inhalte sind auch nicht an eine begrenzte Verweildauer im Netz gebunden.

An den Start ging FUNK mit 40 Online-Formaten wie dem Facebook-Reportage-Format "Y-Kollektiv", die Mystery-Webserie "wishlist" oder der Comedy "Bohemien Browser Ballett". Zuletzt ging das Schulbegleitformat "musstewissen", auf Sendung, die Lerntipps von Experten werden hier von Wissens-YouTubern wie Mirko Drotschmann und Lisa Ruhfus präsentiert.

Im Zentrum des werbefreien Angebots stehen bekannte und weniger bekannte junge Webvideo-Akteure, die im Auftrag von FUNK neue Inhalte entwickeln. So baut Heimwerker-King Fynn Kliemann einen alten Bauernhof in Niedersachsen in sein "Kliemannsland" um und bestückt so einen neuen YouTube-Kanal. Für das investigative Format "Jäger & Sammler" recherchieren Nemi El-Hassan, Friedemann Karig und Ronja von Rönne Hintergründe zu aktuellen politischen Themen.

Gerade das expandierende Segment der Webserien ist zum Tummelplatz für Nachwuchsregisseure und –produzenten geworden, die Erfahrungen sammeln und sich profilieren können. So hat der Autor und Produzent Johann Buchholz die Webserien „Paare“ für Arte und die Programmreihe „Mann/Frau“ für den BR konzipiert und realisiert. Bei den Sendern sieht Buchholz vor allem Bedarf für Stücke bis zu fünf Minuten. „Der BR will Serien, die man morgens an der Bushaltestelle sehen kann.“ Was auf Laufzeiten von drei bis fünf Minuten hinausläuft.

Viele Webserien werden einfach, schnell und billig hergestellt, wie Buchholz am Beispiel von „Paare“, einer amüsanten Kurzfilmreihe mit Ansätzen zur Paartherapie, erläutert. Die erste Folge habe er mit befreundeten Schauspielern auf eigene Faust gedreht und dem Kultursender Arte angeboten. Nach dem grünen Licht des Senders habe er zehn Folgen gedreht. „Wir haben die Schauspieler auf die Couch in meinem Büro gesetzt und losgelegt.“ Bei einem zwei- bis dreistündigen Dreh konnten theoretisch drei Folgen pro Tag realisiert werden. Die Videos der zweiten Staffel wurden laut Buchholz mehr als 500.000 Mal angeklickt, mehr als das 2,5-Fache der ersten Staffel. Dennoch sei es „Paare“ nicht gelungen, viral zu werden, das heißt sich schlagartig wie ein Virus im Netz auzubreiten, beklagte der Produzent.

Schon seit Jahren hat sich Arte als besonders innovationsfreudiger Pionier bei der cross-medialen Erschließung kreativer Potenziale im Netz etabliert. Der Sender beschränkt sich nicht darauf, Filme und TV-Produktionen in die Mediathek zu stellen, sondern entwickelt spezielle Web-Programme. die das jeweilige TV-Thema einfallsreich ins Netz verlängern. Die Arte-Unterseite "Web-Produktionen" versammelt derzeit 70 fürs Web entwickelte Kreationen und Experimente mit den innovativsten Techniken.

Ein gutes Beispiel ist die Doku-Drama-Serie "14 – Tagebücher des Ersten Weltkrieges", die die Leipziger Produktionsfirma Looks Film & TV 2013 federführend für Arte und 21 weitere Sender aus 18 Ländern herstellte. Die fast sechs Millionen Euro teure deutsch-kanadische Koproduktion wurde 2014 zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs ausgestrahlt. Anhand von 14 Schicksalen beleuchtete die Serie, wie Zeitzeugen den Krieg erlebt haben.

Doch wie geht es nun weiter? Stimmt die These, dass Online-Videos dem klassischen Fernsehen bis 2020 den Rang ablaufen? Im Web-TV Monitor 2015 stimmten 58 Prozent der befragten Anbieter dieser Aussage zu. Andererseits arbeitet nicht einmal die Hälfte dieser Anbieter nach eigenen Angaben kostendeckend. Wie lange können sie sich das noch leisten?

Außerdem verteidigt in Sachen Zeitbudget das Fernsehen tapfer seine Vormachtstellung – die Deutschen schauen seit 2010 täglich im Schnitt gut 220 Minuten fern. 2015 verbrachten sie laut ARD/ZDF-Onlinestudie aber nur elf Minuten pro Tag mit Videos und TV-Formaten im Netz, bei den 14- bis 29-Jährigen waren es immerhin 30 Minuten. So schnell geht es also doch nicht bergab mit dem klassischen TV-Format.

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