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And the Bembel goes to China

And the Bembel goes to China
Mit dem internationalen Hauptpreis an die chinesische Tragikomödie „I am not Madame Bovary“ ist das 10. Lichter Filmfest zu Ende gegangen
Von Philipp Mehler und Tobias Hüser*

Das LICHTER Filmfest feierte in diesem Jahr zehnten Geburtstag. Im Jubiläumsjahr stellten sich die Festivalmacher neuen Herausforderungen. „Wir sind in der Programmvielfalt noch weiter gewachsen“, sagt Festivalleiter Gregor Maria Schubert. In der neuen Reihe Zukunft Deutscher Film präsentierte LICHTER ausgewählte Glanzpunkte der deutschen Filmlandschaft. Die fünf Beiträge, darunter beispielsweise „Tiger Girl“ von Jakob Lass oder die Doku „Gaza Surf Club“ (Regie: Philip Gnadt, Mickey Yamine) bewiesen, wie mutig und experimentell der deutsche Regie-Nachwuchs aktuell arbeitet. „Gerade unter jungen Filmemachern gibt es viele Talente, die im heimischen Kino leider völlig untergehen. In Frankfurt wollen wir ihnen Sichtbarkeit und den Zugang zu einem begeisterungsfähigen Publikum bieten“, so Johanna Süß, stellvertretende Festivaldirektorin. In der zweiten neuen Programmsektion konnten die Festivalbesucher mit 360°-Brillen in virtuelle Bilderwelten eintauchen. „Als erstes deutsches Filmfestival haben wir 2017 einen Virtual Reality Wettbewerb ausgelobt. Damit haben wir den Nerv der Zeit getroffen. Alle VR-Vorstellungen waren ausverkauft“, so Gregor Maria Schubert.

LICHTER hatte dazu die Naxoshalle in ein „VR Labor“ verwandelt. Gezeigt wurden dort die fünf Finalistenfilme, die von einer Jury aus über fünfzig international eingereichten Beiträgen ausgesucht wurden. Über den ersten Platz beim VR Wettbewerb konnte sich der französische Nachwuchsfilmer Alexandre Perez freuen, der mit seinem immersiven Film „Sergent James“ den Zuschauer in die Rolle des Monsters unter dem Bett eines kleinen Jungen versetzt und dabei die neuen Möglichkeiten des Mediums voll ausschöpft. Aber auch der zweite und dritte Platz stellten die Stärken von 360°-Filmen eindrucksvoll unter Beweis: in Henry Stuarts dokumentarischem Blick auf „Dublin in the Dark“ lag die Betonung vor allem auf dem Mitten-Drin-Sein bei VR, und in Uwe Flades Musikvideo „Tankstellen des Glücks“ nimmt der Sänger und Entertainer Friedrich Lichtenstein das Publikum in seinem alten Mercedes mit auf eine Reise durch Berlin. Das Konzept, einem mit VR noch nicht vertrauten Publikum einen niedrigschwelligen Zugang zu dem neuen, experimentellen Medium zu verschaffen, ging voll auf. Aufgrund der großen Nachfrage wurden am letzten Tag die ursprünglich 40 VR-Brillen in parallelem Einsatz auf 60 erhöht. Die VR-Screenings waren eingebettet in ein Rahmenprogramm bestehend aus einer zweitägigen VR-Messe, auf der Aussteller wie Metric Minds, Teltec, die Hochschule Darmstadt und Samsung, ihre Dienstleistungen und Produktionsmittel für VR-Inhalte vorstellten. Und auch der Kooperationspartner ZDF Digital stellte aus und veranstaltete zusammen mit LICHTER einen eintägigen Kongress, in dem VR-Pioniere ihre Erfahrungen in der Produktion von narrativen VR-Konzepten präsentierten.

Über 100 Filme und Veranstaltungen erwarteten die Besucher im Künstlerhaus Mousonturm und in weiteren Kinos der Stadt und der Region. Zum zweiten Mal zeichnete LICHTER den besten Langfilm aus dem internationalen Filmprogramm aus, in diesem Jahr zum Thema „Wahrheit“. Die Jury entschied sich für die chinesische Tragikomödie „I am not Madame Bovary“, in der Regisseur Feng Xiaogang einen satirischen und teils sehr amüsanten Blick auf die kafkaesken Justizprozesse in China wirft. Diskussionsrunden beleuchteten im Angesicht von Fake-News und Verschwörungstheorien ebenfalls das diesjährige Schwerpunktthema. Aus neun Beiträgen im regionalen Langfilm-Wettbewerb wurde Peter Rippls Zeitdokument „A Gravame – das Stahlwerk, der Tod, Maria und die Mütter von Tamburi“ mit dem Weißen Bembel geehrt. Die Dokumentation porträtiert die Einwohner einer süditalienischen Stadt, die unter Europas größtem Stahlwerk leiden. Der Binding Publikumspreis ging an „Ghostland“. Die Filmemacher Simon Stadler und Catenia Lermer begleiten in ihrem Festivalbeitrag die Ureinwohner Namibias auf einer Reise bis nach Frankfurt. Den Preis für den besten regionalen Kurzfilm erhielten Sebastian Binder und Fred Schirmer für den Dokumentarfilm Über Druck. Alle Finalisten des 7. LICHTER Art Award kamen in diesem Jahr aus Deutschland – laut Kurator Saul Judd ein Beweis für die derzeitige Qualität der Werke, die die deutsche Videokunst-Szene hervorbringt. Der Künstler Tobi Sauer wurde für seinen Videoessay „Simba in New York“ ausgezeichnet.

*Tobias Hüser ist Leiter der Presseabteilung des LICHTER Filmfests, Philipp Mehler ist Projektleiter der LICHTER VR Sektion.

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