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Vorsicht bei der Digitalisierungsoffensive

Vorsicht bei der Digitalisierungsoffensive
Nur der Erhalt des Originalmaterials gewährleistet die künftige Verfügbarkeit des Filmerbes
Von Anke Wilkening*

Das, was Film ausmacht, seine Reproduzierbarkeit, ist zugleich sein größtes Dilemma. In der analogen Zeit gab es gleich mehrere Originale: das originärste Material ist das Kameranegativ – das Negativ, das bei den Dreharbeiten durch die Kamera lief und anschließend im Kopierwerk entwickelt und geschnitten wurde, um davon das herzustellen, was der Zuschauer sich dann im Kino, im Fernsehen und auf Videokassette, DVD, BluRay oder im Internet ansehen kann.

Um einen Film also vorführen zu können, mußte das Negativ reproduziert werden. In der analogen Zeit hieß das, durch Kopierung auf Positivmaterial eine Kinokopie herzustellen. Da dadurch das Negativ mit der Zeit abgenutzt wurde, hat die Filmindustrie seit Mitte der 1920er Jahre Duplikatmaterial entwickelt. Es erlaubte die Herstellung eines Zwischenpositivs (Duplikat-Positiv), dessen Aufgabe die Reproduktion aller Details des Kameranegativs war, um davon die erforderliche Anzahl an Duplikat-Negativen herzustellen, die die Herstellung unzähliger Kopien und damit die maximale Auswertung eines Films gewährleistet haben.

Filmarchive haben die Herstellung von Duplikaten adaptiert, nicht nur um für die Verfügbarkeit ihrer Bestände im Kino, Fernsehen und Homevideobereich zu sorgen, sondern auch um die Originale ersetzen zu können. Für die Filmproduktion bis in die 1960er Jahre wurde Nitrozellulose als Träger der fotografischen Emulsion genutzt. Dieses Material wies die für Film notwendige Elastizität bei gleichzeitiger Stabilität auf. Jedoch hat es fatale Nebenwirkungen: Vom Beginn seiner Existenz an befindet es sich im Prozess chemischer Zersetzung und ist zudem äußerst feuergefährlich, so daß Nitrofilm - insbesondere bei unsachgemäßer Lagerung und Handhabung - etliche Brandkatastrophen in Kinos, Kopierwerken, Filmlagern und Archiven ausgelöst hat.

Angesichts dieses Risikos haben Gesetzgeber die Filmarchive in der Vergangenheit aufgefordert, alle Nitromaterialien sukzessive umzukopieren und die Originale hernach zu vernichten. International hat sich inzwischen allerdings durchgesetzt, dass ausschließlich die Konservierung der Originale die künftige Verwertungsmöglichkeit eines Films gewährleistet, die heute in immer höher auflösenden Formaten erfolgt. So hat sich in Anlehnung an diversen wissenschaftlich-technischen Untersuchungen zur Stabilität und Alterung von Nitrofilm die Überzeugung durchgesetzt, nicht mehr in teure Umkopierungen zu investieren, sondern in kühle Lagerung des Original-Nitrofilms um die null Grad.

Doch dies findet längst noch nicht überall Anwendung. Auch in Deutschland nicht. Das Bundes-Filmarchiv in Berlin gewährt die dauerhafte Aufbewahrung von Nitrofilm nur für Werke von besonderer technikhistorischer, historischer oder filmhistorischer Bedeutung. Dieser Definition jedoch entsprechen nur die wenigstens Werke, und jede neu Umkopierung entspricht in seiner Güte lediglich dem jeweiligen technischen Stand seiner Zeit – mit aus heutiger Sicht katastrophalen Folgen.

Historische Farbverfahren wie Agfacolor sind durch moderne Farbemulsionen nur ungenügend wiedergegeben. Der Sprache und den Tönen ist durch den Einsatz von starken Rauschfiltern nicht nur die Atmo abhanden gekommen, ganze Silben und Buchstaben sind weggefiltert und machen die Dialoge unverständlich. Es sind erhebliche inhaltliche Verluste beim Bild durch zu harte Kontraste und mitkopierte Beschädigungen der Filmoberfläche entstanden,. Unzulänglichkeiten, die nicht mehr gutzumachen sind, wenn die Originale vorschriftsgemäß zerstört worden sind.

Für die Digitalisierungsoffensive hat dies zur Folge, daß wir berühmte Titel zum großen Unverständnis der Öffentlichkeit immer wieder auf die Zukunft verschieben, weil sich nach umfangreichen Sichtungen die Ergebnisse der Umkopierungen als ernüchternd erweisen. "Der Kongress tanzt" (1931), eines der emblematischsten Beispiele der frühen deutschen Tonfilmoperette, wurde im falschen Bildseitenverhältnis umkopiert, so dass die Köpfe der Darsteller erheblich beschnitten sind. Da hilft nur noch die Suche nach Originalen außerhalb Deutschlands: Zum Beispiel in Tokio. Das National Film Archive dort besitzt noch eine Sammlung Nitrokopien früher deutscher Tonfilme.

* Die Autorin ist Restauratorin der Murnau-Stiftung

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