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Offenbach in Zeiten des Wandels

Offenbach in Zeiten des Wandels

Zwei bemerkenswerte Kino-Initiativen: das Hafenkino und das Kino im Deutschen Ledermuseum

von Philipp Mehler

Offenbach, Kreativstandort. Das ist kein hochstaplerisches Getöse der städtischen Marketinggesellschaft. Tatsächlich zieht es immer mehr Kreativschaffende nach Offenbach. Das mag an den im Vergeich zum Nachbarn Frankfurt günstigen Mieten liegen. Es mag aber seine Ursache auch in der kulturellen Infrastruktur haben oder in dem Phänomen einer veritablen Szenebildung. In diesem Kontext nimmt das nahezu alle Kunstsparten bedienende Kulturzentrum Hafen 2 eine wichtige Rolle ein. Dieses musste zwar kürzlich ein paar hundert Meter mainabwärts ziehen, um dem neuen Hafenviertel Platz zu machen, hat den Ortswechsel aber gut verkraftet.

Und mitgegangen ist auch das dazugehörige Hafenkino, das anfang Oktober nach drei erfolgreichen Jahren nunmehr am neuen Ort Geburtstag feierte. Daß es jemals so weit kommen würde, hätte zunächst niemand geahnt, auch nicht Daniel Brettscheider, den man als den Mann hinter dem Hafenkino bezeichnen kann. Angefangen hatte alles mit der Idee, im Sommer 2010 das Programm des Hafen 2 um Open-Air-Kinovorstellungen zu erweitern. Brettschneider, der Erzeihungswissenschaften studiert hat und dem Hafen 2 schon damals nahe stand, wurde aufgrund seiner Filmaffinität gefragt, ob er die Programmgestaltung übernehmen wolle. Seinem persönlichen Geschmack folgend, stellte er ein Programm quer durch die Filmgeschichte zusammen, das sofort ein großes Publikum fand. Sein Vorschlag, aufgrund der erfolgreichen Saison ein dauerhaftes Kino im Rahmen des Hafen 2 zu gründen, wurde von der Leitung des Kulturzentrums begeistert aufgenommen.

"Offenbach hatte zu dem Zeitpunkt nur ein einziges Cineplex-Kino. Die Idee war, wieder eine Programmkinokultur zu etablieren", erinnert sich Brettschneider. Bis heute stellt er das Programm zusammen, bucht die Filme, schreibt die Programmtexte. Er lässt es sich auch nicht nehmen, vor jedem Film eine Ansprache zu halten; er sucht den Kontakt zum Publikum. Das kommt gut an. Inzwischen hat sich das Hafenkino eine großes Publikum erschlossen. Die Vorstellungen, nach anfangs einmal pro Woche inzwischen jeden Freitag und Samstag, sind bis auf wenige Ausnahmen stets gut besucht.

Die Filmauswahl bezeichnet Brettschneider als "populäres Independentkino". Er macht aber auch Ausflüge in den Mainstream und den Avantgardebereich. "Wir haben inzwischen ein Stammpublikum, das im Prinzip jede Woche zu uns ins Kino kommt, unabhängig, welcher Titel gespielt wird", schwärmt Brettschneider. Das Publikum vertraut der Filmauswahl des Kinos und ist bereit, sich auf die Filme einzulassen. Programme ganz neuer, aktueller Kinostarts zeigt das Hafenkino allerdings nicht.

Die Filme werden von DVD oder BluRay abgespielt. Eine technische Einschränkung, die andererseits auch viel Freiheit bietet. "Wir möchten, das die Tickets günstig bleiben und wir durch geringere Kosten mehr Freiheit in der Auswahl des Programms behalten", sagt Brettschneider. Der Fokus geht darauf, Klassiker oder neuere, sehenswerte Filme wieder ins Kino zu holen und als besonderes Erlebnis erfahrbar zu machen. Oftmals auch mit Rahmenprogramm wie etwa einem Konzert vor oder nach dem Film. Auf das Ambiente wird besonderer Wert gelegt. Auch den Vorfilm plant Brettschnieder wieder zu etablieren. Die Region mit den vielen Hochschulen im Bereich Medien und Film wie beispielsweise die benachbarte Hochschule für Gestaltung (HfG) biete ein großes Potenzial an Kurzfilmen, die als Vorfilm einem größeren Publikum vorgestellt werden könnten.

Das Bestreben, dem Kino wieder einen besonderen Raum zu geben, setzt Brettscheider mit einem weiteren Projekt fort. Im Deutschen Ledermuseum gibt es einen Kinosaal, der bis in die 1980er Jahre von der Volkshochschule VHS und anderen Institutionen genutzt wurde und zeitweilig auch ein kommunals Kino war. Doch dann blieb der Saal unverständlicherweise ohne Verwendung - über 20 Jahre, bis es 2011 auf Initiative des Offenbacher Amtes für Kulturmanagement zu einem Neustart kam. Brettschneider zeigt seither dort wieder Filme.

Die Startfinanzierung kam durch die Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) und die Energieversorgung Offenbach (EVO), die eine neue Tonanlage und einen Projektor spendierten. Den Auftakt machte die Reihe "Cinema Culinaria", in dem Filme in Kombination mit dem passenden Essen präsentiert wurden - mit großem Erfolg. Es folgte die Reihe "stummfilm & ton", bei der populäre Klassiker wie "Nosferatu" oder "Goldrausch" mit experimenteller Live-Musik begeleitet wurden. Eine Kombination von altem und neuem, die bewusst mit den Erwartungen des Publikums bricht, und dabei gut angenommen wurde.

Die Reihen werden fortgesetzt; sie sollen im kommenden Jahr sogar noch ausgebaut werden. Neuestes Thema: "En Vogue - Mode im Film". Die Filmaufführungen sollen parallel zu einer neuen Modeausstellung im Ledermuseum laufen, die Kinobesucher bekommen zusätzlich zum Film auch eine Führung durch das Museum geboten. "Es soll ein Kino für alle werden, das nicht nur Filme, sondern eine abendfüllende Erfahrung bietet, und Raum für Experimente lässt", so Brettschneider.

Ein regelmäßiger Betrieb ist zunächst nicht geplant. Der Schwerpunkt des Kinos im Deutschen Ledermuseum bleibt auf Filmreihen beschränkt. Es habe auch schon Anfragen von außen gegeben, sagt Brettschneider und wäre bereit, mit anderen Institutionen zusammenzuarbeiten, zumal das Kino keinesfalls ausgelastet ist. Mit seiner ausgezeichneten Nahverkehrsanbindung - gerade mal zehn S-Bahn-Minuten von der Hauptwache Frankfurt entfernt - könnte es zumindest vorübergehend eine Lücke schließen, unter der besonders regionale Kino- und Festivalinitiativen leiden.

Das Kino im Deutschen Ledermuseum bietet mit seiner Offenheit eine ideale Basis, die dem, was man Premierenkino nennt, sehr nahe kommt. Ein ungebundener Ort, welcher der Kinokultur und Cinephilie das bieten kann, was sie in der Region dringend benötigt: einen Raum. Das Publikum beweist dies durch seinen regen Zuspruch. Daß Projekte wie das Hafenkino und das Kino im Deutschen Ledermuseum Erfolg haben, liegt aber auch an der Unterstützung durch die "Kreativstadt" Offenbach, die ihrem selbstgegebenem Namen hier alle Ehre macht.

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