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Ein Fenster zur Welt

Ein Fenster zur Welt

Wie sich die Kommunalen Kinos für mehr Filmkultur einsetzen – analag, digital, hybrid.

Von Reinhard Kleber

Der Begriff Kommunales Kino ist eng verbunden mit der Gründung des gleichnamigen Kinos in Frankfurt am Main im Dezember 1971. Der damalige Frankfurter Kulturreferent Hilmar Hoffmann entwickelte das Konzept und trieb die praktische Umsetzung voran. Gemeint ist damit ein nichtkommerzielles Filmtheater, das von einer Kommune getragen und finanziert wird. Auch wenn das heute im Frankfurter Filmmuseum untergebrachte Kommunale Kino vielfach als das erste seiner Art angesehen wird, so gab es ältere Häuser, die zwar noch nicht so hießen, aber auch als solche gelten dürfen.

1963 eröffnete in München das Filmmuseum als Teil der Stadtmuseums, wo es als eine Art Kinemathek seitdem Filme sammelt, restauriert und im eigenen Kinosaal zeigt. “Wenn man sagt, das ist ein Kino, das sich in städtischer Trägerschaft befindet und von städtischen Angestellten betrieben wird, dann ist das Filmmuseum in München das erste Kommunale Kino”, betont Museumsleiter Stefan Drössler.

Im Januar 1970 gründeten die Freunde der Deutschen Kinemathek in Berlin das Kino Arsenal, im September 1970 wurde in Duisburg das filmforum eröffnet, das an die städtische Volkshochschule angeschlossen war, ebenfalls 1970 nahm das Zelluloid im Essener Jugendzentrum den Spielbetrieb auf, im Oktober 1971 startete in Mannheim das Cinema Quadrat.

Vorläufer der Kommunalen Kinos waren einerseits studentische Filminitiativen, andererseits die Filmclubbewegung, die jenseits der kommerzielle Kinos Programm gemacht haben. In Deutschland gründeten Studierende erste Filmclubs bereits 1951 in Frankfurt, 1954 in Darmstadt und Karlsruhe und 1957 in Freiburg. Während Filmclubs in Frankreich schon nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und in Spanien ab 1928, wurden sie in der Bundesrepublik und der DDR erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Doch die Blüte der fünfziger Jahre währte nur kurz, weil aufkommende Programmkinos und TV-Kanäle zunehmend Arthouse-Filme und Filmklassiker zeigten. Mangels Masse löste sich der Verband deutscher Filmclubs schon 1970 wieder auf. An ihre Stelle traten vielerorts Initiativen, die in Kommunale Kinos mündeten. Dagegen haben sich in der Schweiz Filmclubs besser gehalten, sie haben sich mit nichtkommerziellen Filmtheatern im Verein CinéLibre zusammengeschlossen.

In Deutschland haben sich kommunale, studentische und nicht-gewerbliche Kinos, filmkulturelle Initiativen und Institutionen 1996 im Bundesverband kommunale Filmarbeit (BkF) organisiert, der aus der 1975 gegründeten Arbeitsgemeinschaft für kommunale Filmarbeit hervorging. Die Bandbreite der Mitglieder ist enorm: Einige Kinos wie das Berliner Arsenal haben Filmfestivals gegründet (Internationales Forum des Jungen Films), andere betreiben ein Archiv (Duisburg, Hamburg) oder gehören zu Filmmuseen wie in Frankfurt. Wieder andere haben nicht einmal einen eigenen Saal oder spielen nur sporadisch ihr Repertoire.

Bei allen Unterschieden in Rechtsform, Finanzierungsstruktur, Spielstätten, Konzept und Programmgestaltung, einig sind sich die Mitgliedskinos des Bundesverbands kommunale Filmarbeit (BkF), Filmkultur und –geschichte jenseits der kommerziellen Massenware zu vermitteln. Und einig sind sie sich auch in den vier zentralen Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen: eine stabile Finanzierung, die digitale Option, die Verjüngung des Publikums und neue Programmideen.

Einige dieser Themen Ideen wurden 2013 auf dem BkF-Bundeskongress im Frankfurter Filmmuseum erörtert. Hier ging es etwa darum, dass die Kommunalen Kinos angesichts steigender Betriebskosten, akuter Sparzwänge klammer Gemeinden, stagnierender Subventionen und der wackligen Finanzierung durch Projektmittel dringend Wege finden müssen, eine “stabile Verankerung in den Haushalten” zu erreichen, um mehr Planungssicherheit zu erhalten, wie Cornelia Klauß, die medienpoltische Sprecherin des Bundesverbands, betonte.

Bei der Anschaffung digitaler Projektoren hinken die BkF-Kinos deutlich hinter den gewerblichen Kinos her. Das ist kein Beinbruch, so lange es noch genug 35 mm Kopien gibt, die sie etwa im Repertoirebereich spielen können. Doch der Druck zur Aufrüstung steigt, da in naher Zukunft zumindest von aktuelleren Filmen keine analogen Kopien mehr verfügbar sein werden. Dazu kommt, dass auch finanzschwache Kommunale Kinos zunehmend ins Hintertreffen geraten gegenüber etablierten Museumskinos, die wie München oder Frankfurt am Main auch digitale 3D-Filme vorführen und damit den Multiplexen Paroli bieten können. Das sei zwar „nicht die brennendste Frage“, erklärte Klauß, „aber wenn man den Anspruch hat, alle Formate von Super 8 bis 70 mm, analog oder digital spielen zu können, dann gehört auch 3D dazu, wenn auch schrittweise.“

Die Digitalisierung ermöglicht aber auch die Erprobung neuer Programmformen und Marketingideen, die helfen können, die sich abzeichnende Überalterung der Kundschaft einzudämmen und umzukehren. Denn die Kommmunalen Kinos haben zwar seit Jahren relativ stabile Zuschauerzahlen, müssen sich aber verstärkt um jüngere Zuschauer bemühen. Ein Mittel dazu ist die Nutzung sozialer Netzwerke und die Partizipation des Publikums bei der Programmgestaltung.

Zum Beispiel über Cinema on Demand – nicht zu verwechseln mit Video on Demand. Auf Online-Portalen wie BeMyMovie können Kinogänger Filme vorschlagen und nach Mitstreitern suchen, die diesen Titel ebenfalls sehen wollen. Wenn genügend Interessenten zusammenkommen und Tickets erwerben, wird der Film gespielt.

Um das Spektrum der Programmarbeit und Arbeitsmethoden zu verdeutlichen, sollen hier zwei herausragende nicht-gewerbliche Kinos exemplarisch vorgestellt werden: Das Filmmuseum München und das Eye Museum in Amsterdam. Im Vergleich zu vielen anderen finanzschwachen Häusern sei das Münchner Filmmuseum “sehr privilegiert”, sagt Stefan Drössler, “weil der Etat im städtischen Haushalt verankert ist und die Stadt das Programm zu 100 Prozent finanziert.” Für Programmarbeit und Ankäufe, die auch Restaurierungen einschließen, stehen ihm 200.000 Euro zur Verfügung. Der Stellenplan umfasst fünf volle und fünf halbe Stellen.

Großen Wert legt Drössler auf die Präsentation vollständiger Retrospektiven. “In jedem Halbjahresprogramm ist mindestens eine vollständige Retro dabei. Da zeigen wir alles, was der jeweilige Filmkünstler geschaffen hat, plus wichtiger Referenzfilme. Da geben wir uns große Mühe und grenzen uns auch von anderen ab, die nur Auswahlretros anbieten und nicht so tief in die Materie einsteigen.”

Was die wahrscheinlich modernste europäische Spielstätte dieses Sektors leisten kann, zeigt sich am Eye Film Museum in Amsterdam. Es gehört zum Eye Film Institute Netherlands, das Anfang 2010 entstand, als die Promotionsagentur Holland Film, ein Filmbildungsinstitut, den Filmkunstverleih Filmbank und das Filmmuseum unter einem Dach vereinte. . Im April 2012 nahm das Eye in einem spektakulären Neubau auf einer Insel am Hafen den Betrieb auf. Der 36 Millionen Euro teure Gebäude beinhaltet vier Kinosäle mit zusammen 650 Sitzen und digitaler wie analoger Projektionstechnik. Dazu kommt eine Fläche von 1200 Quadratmetern für Dauer- und Wechselausstellungen.

Mit der Besucherresonanz ist Ido Abram, Director of Presentation & Communications, sehr zufrieden: „Im ersten Jahr hatten wir gut 750.000 Besucher - weit mehr als erwartet.“ Auch beim ausländischen Publikum kommt das neue Haus gut an, sein Besucheranteil liegt bei 17 Prozent. Abram setzt auf einen abwechslungsreichen Mix aus Klassikern, Filmpremieren, Themenschwerpunkten, Vorträgen und Retrospektiven, akzuell etwa zu Federico Fellini und zu 100 Jahre russisches Kino.

Das Filmarchiv des Eye beinhaltet rund 40.000 Filmtitel. Dazu gehören nicht nur alle Filme, die die Fördereinrichtung Dutch Film Fund je unterstützt hat, sondern auch viele internationale Filme sowie Spezialsammlungen. Besonders stolz ist Abram auf die Sammlung des niederländischen Kinopioniers Jean Desmet, die vor zwei Jahren in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde.

Wie es sich für ein nagelneues Haus gehört, nutzt Eye fleißig das Potential des Internets. „Wir wollen unsere Sammlung für ein breites Publikum online zugänglich machen“, heißt es auf der Homepage. Dazu hat Eye mehrere Websites entwickelt. Das Portal Instant Cinema zeigt experimentelle und Kunstfilme, Klassiker wie brandneue Arbeiten, die Filmemacher hochgeladen haben. Und die App "The Scene Machine" ermöglicht es, „unsere Filmsammlung intuitiv zu erkunden, und liefert kontinuierlich einen überraschenden Mix aus Filmfragmenten“. Mit Blick auf die vier Kinosäle resümiert Abram: „Das Internet ist unserer fünfte Leinwand und unser Fenster in die Welt.“

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