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GRIP 44

Wer kennt heute Kracauer noch?

Die Filmkritik als Fachdisziplin ist an der Universität so gut wie unbekannt

Von Hermann Wygoda

Was bewegt das Publikum, sich einen Film anzusehen? Diese Frage, seit dem Beginn des Films auf den Jahrmärkten oft gestellt, konnte indes nie genau beantwortet werden. Und mit dem neuen Medium Internet ist die Beantwortung noch schwieriger geworden. Heute sind es wohl nicht mehr die fein geschliffenen Filmkritiken in Zeitungen und Zeitschriften, sondern mehr die in Internetportalen- und Foren, in denen die Filmkritiken mehr oder weniger sachkundig und oft mit viel Engagement verfasst und  kommentiert werden. Denn viele Filminteressierte schauen sich inzwischen lieber in facebook und Co um, was ihre „Freunde“ gut finden, als lange Texte in Tageszeitungen oder Illustrierten zu lesen.

Die Filmkritik, wie man sie sich vorstellt, nämlich mit Fachwissen, Sachkunde und einem abgewogenen Urteil, das von der Kenntnis vieler Filme getragen ist, scheint kaum noch zu existieren. Joachim Hovarth hat in seiner Diplomarbeit an der FH Stuttgart schon im Jahr 1999 festgestellt, dass die Filmkritik „heute in allen untersuchten Medien, also in Presse, Radio, Fernsehen und Internet, zwar präsent und als journalistische Disziplin lebendig ist“, doch stellte er bei seiner Analyse auch fest, dass große „Niveaunterschiede in Anspruch und Kritiklust zu konstatieren sind“.

Doch wie wird man Filmkritiker? Es gibt nach Lage der Dinge offensichtlich keinen eigenen Studiengang mit diesem Schwerpunkt. Höchstens werden Grundlagen in einzelnen Seminaren im  Rahmen eines Film- oder Medienstudiums angeboten. Daniel Kothenschulte, Filmkritiker unter anderem der Frankfurter Rundschau, ist selbst ein gutes Beispiel dafür, wie man es schaffen kann: „1990 habe ich bei einer Stadtteilzeitung angefangen und habe wie vermutlich jeder in der Branche immer den Traum gehabt, in ein überregionales Blatt aufzusteigen“. Für ihn waren es zehn Jahre harter Arbeit als freier Autor, bis er es geschafft hatte. Heute sagt er, dass der Filmkritiker „ein typischer Quereinsteiger-Job“ ist. Kothenschulte hat Kunstgeschichte, Theater und Film studiert, „doch die Filmhistorie musste ich mir selbst aneignen. Da muss man einfach neugierig sein, Filmbücher lesen und viele Filme sehen, außer im Kino auch auf Filmfestivals“.

In der Frankfurter Goethe-Universität waren die Film- oder Medienwissenschaften in den vergangenen Jahren sträflich unterbelichtet. Hier ist das Fach Theater- und Filmwissenschaften als Institut in der „Neueren Philologie“ integriert. Der Lehrstuhl der Filmwissenschaften war zu allem Überfluss seit Oktober 2008 unbesetzt, seitdem Professorin Heide Schlüpmann verabschiedet worden war. Zum 1. April nun hat Professor Vinzenz Hediger den Lehrstuhl übernommen. Da in seiner Vita verzeichnet ist, dass er bei einer größeren Schweizer Tageszeitung als Filmkritiker gearbeitet hat, kann angenommen werden, dass er diesen Arbeitsbereich der Filmwissenschaften nicht außer Acht lassen wird. Doch zeigt die lange Vakanz auf dem Lehrstuhl deutlich, welchen Stellenwert das Fach „Filmwissenschaften“ an einer renommierten Universität heute hat.

Für Professorin Heide Schlüpmann gilt noch immer, was Siegfried Kracauer 1932 geschrieben hat: „Die Aufgabe des zulänglichen Filmkritikers besteht nun meines Erachtens darin, jene sozialen Absichten, die sich oft sehr verborgen in den Durchschnittsfilmen geltend machen, aus ihnen herauszuanalysieren und ans Tageslicht zu ziehen. Kurzum der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar.“ Bei Schlüpmann sind auch die Seiten des Films wichtig, die auf der Leinwand als technischer, historischer oder auch philosophischer Hintergrund wirksam sind, die der Filmkritiker im besten Fall herausstellen und dem Publikum vermitteln kann.

Da aber immer mehr Zeitungen inzwischen in ihren Feuilletons auf seriösen Filmkritiken verzichten und es lieber mit Texten halten, die mehr die Inhalte der Filme vermitteln als deren Hintergründe, scheint die Zukunft dieses Genres eher düster zu sein. Daniel Kothenschulte rät dennoch allen, die vom Film und von der Filmkritik nicht lassen wollen, sich bei guten Internetportalen, wie etwa www.critic.de durch kluge und interessante Texte bekannt zu machen.