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GRIP 44

Was wird aus der Filmkritik?

Stirbt sie aus oder schafft sie im Internet-Zeitalter einen Neuanfang?

Von Reinhard Kleber

 

Totgesagt wurde die Filmkritik schon öfter. Angesichts neuer Wellen der Kommerzialisierung haben Kulturpessimisten wiederholt den Untergang der professionellen Filmrezension beschworen. Aber noch haben sich die Texte engagierte Filmjournalisten als langlebiger und hartnäckiger erwiesen als die Prognosen der Apokalypse-Prediger. Doch spätestens seit der Weltwirtschaftskrise ist das Metier in eine neue Existenzkrise geraten: Wider Willen sieht es sich in einer aussichtsarmen Verteidigungsposition an mehreren Fronten.

Das gilt vor allem für Tageszeitungen, besonders die regionalen. Etliche Blätter veröffentlichen keine Kritiken freier Autoren mehr, sondern füllen wie die „Freie Presse“ in Chemnitz oder die „Nordsee-Zeitung“ in Bremerhaven ihre ‚Filmseite‘ mit Agenturtexten. Anders als bei Theater- oder Ausstellungskritiken schrumpft tendenziell der Platz für Kritiken zum vermeintlichen Populärmedium Kino.

Der Trend zur Mini-Kritik geht auch an überregionalen Blättern nicht vorbei. Der Filmkritiker Andreas Kilb berichtete vor anderthalb Jahren auf einer Fachtagung: „Jetzt gibt es auch in der FAZ Kurzkritiken, die früher nur im Lokalteil erschienen. Viele Filme, die man früher mit einer ausführlichen Kritik gewürdigt hätte, kommen nur noch in Kurzform vor.“ Statt sachkundiger oder auch mal eigenwilliger Besprechungen durch Autorenpersönlichkeiten setzen immer mehr Redaktionen auf Service-Texte, die mit Sternchen-Bewertung den Lesern nur noch bei der Frage helfen sollen: Lohnt der Kauf des Kinotickets? Parallel dazu nimmt der Trend zu Promi-Berichterstattung und Boulevard-Themen zu.

Insgesamt schrumpft die Bedeutung der traditionellen Feuilleton-Kritik als Orientierungsinstrument, während der Online-Bereich an Einfluss gewinnt. Aber noch immer zeigen professionelle Filmkritiken anscheinend bei vielen Lesern Wirkung. Anders lässt sich kaum nachvollziehen, dass ein Regisseur wie Til Schweiger seit Jahren keine Pressevorführungen seiner Kinohits ansetzt, sondern diese vorab nur einem ausgewählten Kreis ‚vertrauenswürdiger‘ Journalisten zeigt.

Medienexperten warnen schon seit längerem, dass die Zeitungen sich ihr eigenes Grab schaufeln, wenn überall das Gleiche drinsteht und die Texte immer oberflächlicher werden. Wenn es erst so weit kommt, dass sparwütige Chefredakteure lieber Amateur-Artikel von Filmfans und Fotos von unbezahlten ‚Bürgerjournalisten‘ statt von Profis nehmen, werden Zeitungen nicht mehr gebraucht. Ohnehin schauen schon heute viele Filminteressierte gleich in Info-Portalen wie filmz.de, rottentomatoes.com oder imdb.com nach, wo sie reihenweise substanzielle Kritiken lesen und vergleichen können.

Wie äußert sich nun der Mehrfrontenkampf? Da ist zum einen der ökonomische Druck: Wenn Zeitungen und andere Medienhäuser infolge der Wirtschaftskrise weniger Anzeigen bekommen, müssen sie sparen, gerade auch im Feuilleton. Verstärkt wird der Druck durch ohnehin vorhandene Tendenzen zur Rationalisierung und Konsolidierung. Jüngstes Beispiel ist die „Frankfurter Rundschau“ (FR): Hier protestieren gerade die Gewerkschaften gegen die Fusionspläne von FR und "Berliner Zeitung", die mit einem massiven Personalabbau einhergehen sollen.

Ein zweiter Faktor ist der Strukturwandel in den Medien. Ein willkommenes Sparinstrument stellen etwa die Angebote von spezialisierten Agenturen wie der Entertainment-Nachrichtenagentur „teleschau – der mediendienst“ dar, die jede Woche über 250 Artikel offeriert, darunter Pakete von Filmkritiken. Bei der Bonner Zeitung „General-Anzeiger“ wurden vor einiger Zeit versierte langjährige Filmkritiker ausgebootet; statt fundierter Artikel druckt das Blatt nun Agenturmaterial von fragwürdiger Qualität, das sich auch in etlichen anderen Zeitungen findet.

Der Spardruck schlägt sich zunehmend in den Geldbörsen der Filmkritiker nieder, bei manchen so heftig, dass sie sich Nebentätigkeiten oder einen anderen Job suchen müssen. Eine Befragung unter den 260 Mitgliedern des Verbands der deutschen Filmkritik bestätigte im Sommer 2009 diese triste Einschätzung. Über die Häfte der Mitglieder sieht sich gezwungen, andere journalistische oder berufsbildfremde Tätigkeiten auszuüben: Sie übersetzen, arbeiten bei Filmfestivals mit, halten Vorträge und Seminare, schreiben Theater- oder Musikkritiken, machen PR und Öffentlichkeitsarbeit und anderes.

In den letzten zwei Jahren hat eine klare Mehrheit der Befragten eine dramatische Verschlechterung der Auftragslage festgestellt. Der Zeitaufwand für das Akquirieren von Aufträgen sei größer geworden und die Akzeptanz von „abwegigen“ Themen wie Festivalberichten (!) sinke. Eine deutliche Mehrheit hat konstatiert, dass Mainstream, Glamour und Boulevard überhandnehmen und der Platz für Innovation und ausgefallene Themen schrumpft.

Skeptisch sind die Verbandsmitglieder auch hinsichtlich der Verdienstmöglichkeiten im Online-Sektor. Mehrheitlich erwarten sie angesichts der Gratis-Kultur im Netz keine mittelfristige Verbesserung. Sehr bedenklich sind die Antworten auf die zentrale Frage, ob die Filmjournalisten glauben, auch in fünf Jahren von dieser Tätigkeit leben zu können. Die überwiegende Zahl verneint dies. Einer gibt eine düstere Prognose: „In fünf Jahren ist der Filmjournalismus tot. Das Wort Kritik wird es nicht mehr geben. Entweder man ist der verlängerte Arm der Marketingkette und damit ein Lügner oder man arbeitet woanders.“

Ein dritter Faktor ist der zunehmende mediale Konkurrenzkampf. Wenn immer mehr Filminteressierte im Internet kostenlose Filmbesprechungen lesen oder in sozialen Netzwerke oder anderen Foren über neue Filme diskutieren, warum sollen sie dann noch Filmzeitschriften abonnieren oder Filmkritiken in Zeitungen lesen? Außerdem drohen zunehmend filmaffine Blogger freien Autoren Marktanteile streitig zu machen.

Kluge und anpassungsfähige Journalisten haben längst erkannt: Alles alles Klagen und Jammern über die früheren besseren Zeiten hilft nicht. Das Internet als Supermedium, das sich allmählich die herkömmlichen Medien von Zeitung über Radio bis zum Fernsehen einverleibt, kennt keine Gnade. Wer auch künftig über Filme kommunizieren will, muss langfristig dessen Gesetzmäßigkeiten beachten, die User-Gewohnheiten zur Kenntnis nehmen und Konsequenzen ziehen.

Philip Grassmann, Chefredakteur der Wochenzeitung „Der Freitag“, rief bei einer Podiumsdiskussion über „Perspektiven für Journalismus und Ökonomie“ im Dezember 2009 in Berlin die Journalisten dazu auf, von den Bloggern zu lernen: „Blogger wissen oft, wie man die neuen Vertriebskanäle virtuos bedient.“ Das Berufsbild des klassischen Journalismus werde sich deshalb verwandeln. „Künftig ist die Arbeit des Autors nicht mehr damit abgeschlossen, dass er den Text ins Netz stellt, er muss gucken, wie wird er kommentiert, muss dafür sorgen, dass er bekannt wird via Facebook und Twitter, muss mit der Community kommunizieren.“

Dazu kommt, dass den Wehklagen über abgeschaffte oder reduzierte Filmseiten in Zeitungen oder eingestellte Filmmagazine im Fernsehen neue Publikationsflächen im Netz gegenüberstehen, die sich zumindest auf längere Sicht auch zu neuen Einnahmequellen entwickeln können. Webseiten wie critic.de, filmstarts.de oder filmrezension.de veröffentlichen längst auch Filmkritiken, die mit renommierten Printmedien mithalten können.

Nebenbei haben diese Webportale den erfreulichen Vorteil, dass Autoren hier nicht zwangsläufig auf lästige Maximaltextlängen achten müssen. Allerdings sehen sich freie Journalisten immer wieder mit einer Ausverkaufsmentalität bei den Auftraggebern konfrontiert. Der Aachener Filmkritiker Günter H. Jekubzik berichtet etwa von Versuchen von Verlegern, „alle Rechte für alle zukünftigen und denkbaren Verwertungen durch Erpressung für null Cent abzuzwingen“, auf das schlagende Argument gestützt: „Sie brauchen ja nicht für uns zu schreiben.“

Wer sich gar über Nischenthemen informieren will, findet auf Spezialseiten wie zum Beispiel molodezhnaja.ch, einer privaten Website mit mehreren tausend Filmkritiken zu Bollywood und dem asiatischen Kino, lesenswerte Artikel von Cinephilen, die von großer Sachkenntnis zeugen. Ob diese Filmkritiker damit auch Geld verdienen können, steht auf einem anderen Blatt.