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Orientierung bieten

Pfadfinder des Kinos, seit 27 Jahren: epd Film

Von Rudolf Worschech*

Als im Februar 1988 das 50. Heft von epd Film erschien, war uns dieses Jubiläum Anlass, einmal über die Frage nachzudenken: Was ist eigentlich Filmkritik? Und welche Funktion hat sie? Wir haben unsere damaligen Autoren Georg Seeßlen, Rainer Gansera, Hans-Werner Dannowski, Norbert Grob, Marli Feldvoß und Claudius Seidl gefragt – die übrigens fast alle immer noch für uns schreiben-, und heraus kam, wie zu erwarten, ein eher diffuses Bild des Kritikers. Aber eines schimmerte durch alle Texte durch: dass das Schreiben über Film eine Bedeutung hat, wenn auch schon damals keine „marktmächtige“. Aber das Selbstbewusstsein, das war da. Den schönsten Satz der Debatte hat Georg Seeßlen geprägt: dass es eine Vorstellung gebe, „der Filmkritiker habe zu seiner ‚Meinung’ ungefähr ein Verhältnis wie ein Cowboy zu seinem Pferd.“ Und an den Lagerfeuern der Filmkritik wurde in den Achtzigern viel gestritten, zwischen den Ideologiekritikern und den Sensibilisten, der alten und der neuen Generation, zwischen den geadelten Feuilletonisten der großen Tageszeitungen und den Stadtblatt-Autoren.

epd Film war seit seiner Gründung im Jahr 1984, als es aus der Zusammenlegung zweier evangelischer Filmpublikationen entstand, nie ein Kampfblatt für eine bestimmte Richtung des Films und nie die Speerspitze einer bestimmten Art von Filmkritik. Von Anfang an standen in der Zeitschrift Mainstream und Arthouse (auch wenn es den Begriff da noch nicht gab) nebeneinander, und es erschien uns naheliegend, dass es für verschiedene Segmente des Films auch verschiedene Textsorten und Zugangsweisen braucht.

Diesem simplen, aber doch weitreichenden Konzept ist die Zeitschrift bis heute treu geblieben, und vielleicht macht das auch ihren Erfolg aus. Wir wollten nie die ästhetischen Vorkoster einer industriellen Verwertungskette sein, aber es auch nicht beim Übersetzen eines künstlerischen Mediums, des Films, in ein anderes, den Text, belassen. Eine Filmkritik sollte immer beides haben: einen Gebrauchswert, aber auch einen Hauch von artifizieller Eigenständigkeit. Viele Menschen lesen die Kritik erst oder wieder nach dem Kinobesuch. Filme entstehen ja nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf des Zuschauers, und vielleicht ist das der eigentliche Sinn des Schreibens über Kino: dass sich das eigene Bild reibt mit den Sätzen und Argumenten einer Filmkritik.

Heute, rund 250 Hefte nach unserer Jubiläumsausgabe, macht sich die Filmkritik Gedanken um ihre Marginalisierung. Der Platz in den Tageszeitungen schwindet. Und es ist bedauerlich, dass in vielen Feuilletons eine Sensibilität für abseits gelegene Kinematographien (die fangen schon jenseits der deutschen Grenzen an), für Filmgeschichte, für Filmpolitik abhanden gekommen ist. Gleichzeitig gibt es ein Zuviel an Filmkritik. Jeder, der nur halbwegs einen Computer bedienen kann, eröffnet seinen Filmblog, und selbst private Sendeanstalten befleißigen sich der Filmkritik – da haben sie schon einen Text, wenn der Film dann ins Programm kommt. So wie sich der Filmmarkt mit seinem Überangebot an Filmen selbst das Wasser abgräbt, ist auch das Geschäft der Filmkritik, vorsichtig gesprochen, unübersichtlich geworden.

Die Filmzeitschrift des Vertrauens bietet da Orientierung. Filme und Filmkritiken entfalten sich einfach besser im Zusammenhang – und das ist eine Chance, die epd Film nun im 27. Jahr nutzt. Herausgegeben wird epd Film vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, es erscheint monatlich und ist in guten Kinos und allen ausgewählten Buchhandlungen erhältlich.

 

*Rudolf Worschech ist Redaktionsleiter epd Film