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GRIP 44

Filmemachen wie ein langer ruhiger Fluss

Ein Porträt des Dokumentarfilmers Wilhelm Rösing

Von Claudia Prinz

Als Wilhelm Rösing im Februar im Frankfurter Mal Seh'n Kino seinen neuesten Film „Der Einzelkämpfer – Richter Heinz Düx“ vorstellte, war das Haus ausverkauft. Obwohl Rösing seit einigen Jahren in Bremen lebt, hat er in Frankfurt noch immer eine große Fan-Gemeinde. Die meisten Ideen zu seinen Filmen entstanden hier, wo er studiert und 30 Jahre lang gewohnt hat. Aber auch für ihn, wie für die meisten Filmemacher der Region, war es ein kein einfacher Weg zum erfolgreichen Dokumentarfilmer.

Das Studium der Chemie, das er bis zur Promotion durchzog, hatte keinerlei Affinität zum Film, seine Lust am Geschichten Erzählen und Bilder Erfinden blieb völlig unbefriedigt. Glücklicherweise bot die Goethe Universität in den 70iger Jahren etliche Möglichkeiten, sich Filmwissen anzueignen. Da gab es eine Klasse von Kunststudenten, die alle keine Lehrer werden wollten, sondern sich dem Film verschrieben hatten und von denen einige später als Regisseure, Kamera- oder Tonleute bekannt wurden, wie etwa Rolöf Silber, Michael Bühne oder Michael Busch.

Hier lernten sie allerdings nur die Theorie; um die Praxis musste sich jeder selbst kümmern. So kaufte sich Rösing schon bald eine Super-8 Kamera, mit der er nach dem Studium 1978 ein Jahr lang Vorderasien bereiste, über den Landweg mit dem Auto nach Persien, Afghanistan und Indien. „Ich wollte einen Dokumentarfilm über den Alltag drehen“, erinnert er sich. „Es hat mich das Leben auf der Straße fasziniert, zu erleben, wie kleine Fortschritte möglich sind“.

Das Schneiden brachte er sich selbst bei, als er aus dem mitgebrachten Material über den Alltag in Indien seine ersten beiden Filme á 40 Minuten montierte, die 1980 im Kommunalen Kino in Frankfurt gezeigt wurden.

Von Super-8 stieg er in der Folge auf 16mm um und gründete als weiteren Schritt in die Professionalität zusammen mit Michael Busch eine Firma, deren erster Auftrag „Als türkischer Lehrer an einer deutschen Schule“ von der Kultusminister-Konferenz kam und entsprechend gut honoriert war. Damals dachte er, mit diesen Filmen im Hintergrund gäbe es auch eine Chance, Aufträge beim Fernsehen zu bekommen, aber das vorerst ein Irrtum.

Statt dessen verlegten sie sich darauf, Lehrfilme über alle möglichen Themen für das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht in München (FWU) zu produzieren, und waren damit so erfolgreich, dass schließlich doch das ZDF auf sie aufmerksam wurde. So entstand „Mongo Punk“ über das erste Musik- und Theaterfestival geistig behinderter Menschen in Dänemark und weitere Fernsehbeiträge folgten. Haupteinkommensquelle blieben jedoch die Filme für das FWU.

Irgendwann war es Rösing leid, Filme für das FWU herzustellen, weil er dabei einer Gremienzensur von Leuten unterlag, deren pädagogische Grundsätze er nicht immer teilte. Der gute Verdienst wog diese Arbeitsbedingungen nicht auf und sein eigentliches Ziel war ein langer Dokumentarfilm fürs Kino. Diese Chance bot sich, als ihm 1986 Material angeboten wurde, das in den 50er und 60er Jahren in Indien und Afrika aufgenommen worden war. Diese Filmreste sollten der Ausgangspunkt einer Geschichte werden, zunächst aber wurden sie zum Endpunkt der Zusammenarbeit mit  Michael Busch, der  damals andere Karrierepläne hatte. Seitdem arbeit Wilhelm Rösing allein.

In mühseliger Recherche fand er die damaligen Reisebegleiter des längst verstorbenen Kameramannes Bernward Z. und interviewte sie. Unter Verwendung des alten Materials machte er daraus seinen ersten langen Dokumentarfilm für den WDR: „Auf der Suche nach Bernward Z.“, für ihn eine erneute Auseinandersetzung mit der Fremde: „Das war natürlich auch eine Reflexion meiner eigenen Fahrten nach Indien. Man kann sich immer vornehmen, ein fremdes Land zu betrachten, aber man guckt natürlich mit seinen Frankfurter Augen.“ Zum ersten Mal erhielt er damals Geld von der Hessischen Filmförderung, aber es war ein langwieriger Prozess, bis die Finanzierung stand. Insgesamt an die drei Jahre.

Von den 90er Jahren an wurden die Arbeiten über jüdische Emigranten Rösings Schwerpunktthema. Die Idee kam ihm, als er für den Film „Hotel Terminus“ von Marcel Ophüls als einer von mehreren Kameramännern engagiert war. Zunächst erwog er einen 90-Minuten-Film über Exilanten, die vor oder während des Kriegs Deutschland verlassen hatten und erst in den späten 60er Jahren zurückgekehrt waren. Zwei Jahre lang versuchte er, Geld dafür aufzutreiben, aber erst der Ansatz, den Film in exemplarische Schicksale einzelner Leute zu unterteilen, funktionierte.

Einer dieser Protagonisten war Ernst Federn, der sieben Jahre in Buchenwald inhaftiert gewesen war, nach dem Krieg in den USA gelebt hatte und Anfang der siebziger Jahre zurückgeholt wurde, um in Österreich an der Strafvollzugsreform als Konsulent mitzuwirken. „Es ist mein bekanntester Film geworden und einer der besten überhaupt, wenn es um Alltag im KZ geht.“ sagt Rösing selbstbewusst „Der lief im HR und wir sind mit diesem Film zwei Jahre lang durch die Kinos gezogen, circa 200 Aufführungen mit Diskussion.“

Sein optisch schönster Film, wie er meint, sei das Porträt „Bis zur Umkehrbank – Hans Keilson erinnert sich“ gewesen über den Schriftsteller und Psychoanalytiker Hans Keilson, der immer noch lebt und inzwischen 101 Jahre alt ist. Keilson ging 1936 nach Holland, wo er im Untergrund den Krieg überlebte. Nach dem Krieg kümmerte er sich um jüdische Waisenkinder. Aus seiner psychoanalytischen Arbeit mit diesen Kindern entstand ein Werk, das heute zur Grundlage der Behandlung von Traumaopfern gehört.

An beiden Filmen hat Rösings Frau, die Psychoanalytikerin Marita Barthel-Rösing, mitgearbeitet. Durch den Film über Ernst Federn kam Rösing mit der Gedenkstätte Buchenwald in Kontakt und wurde beauftragt, für die neue Dauerausstellung einen Film über unterschiedliche Überlebenskonzepte von Häftlingen zu drehen. Dieser Film läuft dort seit 1995 täglich außer montags.

1998 zog Wilhelm Rösing nach Bremen, mit einer beruflich schwierigen Anfangsphase. Es dauerte mehrere Jahre, bis er schließlich wieder einen langen Film realisieren konnte. Auftraggeber war das Fanprojekt Bremen, das erste Fanprojekt, das es überhaupt in Deutschland gab. Als sozialpädagogische Einrichtung, die sich um die Fans kümmert, wollte man einen Film, in dem Fußballfans wie Zeitzeugen behandelt würden.

Nachdem Rösing das Misstrauen der Fans überwunden hatte, die gewöhnlich immer nur als gewalttätig oder rechtextremistisch klischiert werden, gelang es ihm, Interviews mit 15 Fans über 40 Jahre Fankultur zu führen. Es war eine Arbeit, bei der auch er selbst viel gelernt habe: „Sie sprachen über ihre Auseinandersetzungen und Freundschaften, ihre Begeisterung und über ihre Schurkereien. Die wollten ja nicht als strahlende Helden dastehen, aber sie wollten, dass das, was sie erlebt haben, nicht verfälscht wird. Und das ist eine der wichtigsten Regeln, die man beim Dokumentarfilm im Hinterkopf haben muss“.

Der Film über Heinz Düx führte Rösing nach Frankfurt zurück. Seit vier Jahren arbeitet er für die Bibliothek der Alten im Historischen Museum, wo biografische Fragmente von insgesamt 150 Bürgerinnen und Bürgern mit Bezug zu Frankfurt für die Nachwelt in Kassetten archiviert werden. Ein Projekt, das bis 2105 dauern soll. Auf seine Anregung hin erhielt er den Auftrag, einige dieser Protagonisten in kleinen Filmen vorzustellen. Drei Vorschläge wurden ausgewählt, einer davon war Heinz Düx, einer der Untersuchungsrichter im Auschwitzprozess, über den er schon vor 20 Jahren einen Film hatte drehen wollen. Als er nun HR-Filmförderung dafür bekam, wurde ein Langfilm daraus. Und exemplarisch belegt dieser Film, was prinzipiell das zentrale Element von Rösings Arbeiten ist: Am Schicksal einer Person Geschichte für den Zuschauer beispielhaft erfahrbar zu machen.

 

 

Filmographie (Auswahl):

Als türkischer Lehrer an einer deutschen Schule (mit Michael Busch, 30 Min., FWU, 1984)

Zwischen Tradition und Technologie - Wer kümmert sich um die Bauern von Medak

(30 Min., ZDF, GTZ, FWU 1986)

Mongo Punk I (mit Johannes Elbert),  Mongo Punk II (je 15 Min., ZDF, 1985/87)

Auf der Suche nach Bernward Z. (90 Min., Hess. Filmförderung, WDR, 1991)

Überleben im Terror  - Ernst Federns Geschichte (90 Min., Hamburger FF, HR, Stiftung für kulturelle, soziale und humanitäre Initiativen, 1992, 1.Preis der Friedberger Filmtage 1993, Film des Monats 4/1994)

Bis zur Umkehrbank - Hans Keilson erinnert sich (mit Marita Barthel-Rösing,

102 Min., Filmförderungen von Brandenburg, Hamburg und Hessen, 1995)

 

Überleben und Widerstand (30 Min., Gedenkstätte Buchenwald, 1995)

Die Russen kommen (105 Min., HR-Filmförderung, Filmbüro NW, ZDF, 1999)

Deutscher Gruß oder Prügel - Zwei Polen aus Danzig erinnern sich

(31 Min., HR-Filmförderung, Landeszentrale für politische Bildung NRW, 2002)

 

Und wir sind begeistert mitmarschiert

(48 Min, Nordmedia, Landeszentrale für politische  Bildung Bremen, 2003)

Flucht und Vertreibung – Zweite Heimat Ritterhude

(7 Filme mit Zeitzeugen, Ritterhude, 126 Min., 2005)

Die Fans sind wir  (79 Min., Fan-Projekt Bremen, 2007)

Abriss Hammelsgasse (18 Min., Architekturmuseum Frankfurt, 2007)

Von der inneren Freiheit zum Widerstand – Irmgard Heydorn erinnert sich

(58 Min., Historisches Museum Frankfurt a. M., 2009)

Im Schatten des Unrechts – Drei Frauen aus Sankt-Petersburg

(96 Min., FF Bremen, Stiftung für kulturelle, soziale und humanitäre Initiativen, 2010)

Der Einzelkämpfer – Richter Heinz Düx

(79 Min., Historisches Museum Frankfurt, HR-FF, 2011)