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GRIP 44

Es gibt keinen Automatismus

Warum das Frankfurter Valentin-Kino erstmals seit 15 Jahren keinen Hessischen Kinopreis bekam

Von Daniel Güthert

Das Kino als Kulturort in der Mitte unserer Gesellschaft ist unverzichtbar, so Kulturstaatsminister Bernd Neumann, als er letztjährig die Kinopreise seines Ministeriums überreichte. Ein Preis, wie Neumann weiter formulierte, der Kinobetreiber dabei unterstützen soll, anspruchvolle Filmkunstprogramme anzubieten jenseits des kommerziellen Drucks. Mit rund 1,5 Millionen Euro ist der Preis des Ministers für Kultur und Medien (BKM) ausgestattet, der in vier Kategorien verliehen wird, nämlich in der Kategorie Gesamtprogramm sowie in den Sparten Dokumentarfilm, Kinder- und Jugendfilm sowie Kurzfilm.

Insgesamt 197 Filmtheater aus ganz Deutschland waren vergangenes Jahr unter den Titelträgern, darunter auch vier Frankfurter Spielstätten, wie das "Mal Sehn", das Kino "Orfeos Erben", die "Harmonie" und das "Valentin", die, so die Begründung der Jury, mit ihrem Repertoire besondere Akzente für die deutschen Kinolandschaft gesetzt haben.

Und dabei wird neben der reinen Programmarbeit, sprich der konsequenten Verfolgung von cineastischen Filmreihen, von Genres und Festivals, auch die kulturelle Aufbereitung und Vermittlung wie nicht zuletzt der Standort des Kinos für die Prämierung herangezogen, wie Ernst Szebedits (Neue Pegasos) erklärt, der seit vielen Jahren Mitglied der BKM-Jury ist. Und unter diesem Aspekt müsse das "Valentin", so Szebedits, anders gewertet werden mit seiner Randlage in Höchst, in einem Stadtteil ohne das spezifisch urbane Publikum und in unmittelbarer Konkurrenz zu den beiden umsatzstarken Multiplexen "Kinopolis" und dem "Cine-Star" in Griesheim.

Demzufolge ist dem Höchster Filmtheater, so Szebedits weiter, der BKM-Preis in Würdigung der Gesamtumstände überreicht worden, wie auch in den Jahren zuvor. Denn das "Valentin" ist seit 1997 Gewinner der BKM-Ehrung, seitdem es sie überhaupt gibt.

Auch für den Hessischen Kinopreis, der seit 1991 augelobt wird, gilt als Entscheidungsgrundlage ein Mix aus Qualität, Vermittlung und Standortsituation, wie die Geschäftsführerin der Hessischen Filmförderung, Maria Wismeth, bestätigt. Insofern sind die beiden Preise ihrem Wesenskern nach identisch, aber nicht bloß diesem Aspekt nach. Auch das Auswahlverfahren ist gleich, bis hin zu denselben Antragsformularen und denselben eingereichten Unterlagen. Einziger Unterschied: die eigene Auswahlkommission mit entsprechendem Aufwand und dem Kuriosum, daß die Hessenjury, wie nun im Oktober 2010 geschehen, dem "Valentin" den Hessischen Kinopreis verwehrt hat. Erstmals seit 15 Jahren.

Denn seit der Gründung des Kinos 1994 wurde es noch jedes Jahr des Preises für würdig erachtet. Eine Auszeichnung, die abgesehen von der Ehre vor allem auch eine dringend benötigte Finanzspritze von mehreren Tausend Euro verheißt. Viel Geld für ein Arthousekino, das sich in aller Regel, wie alle Programmkinomacher wissen, mit cineastisch ambitioniertem Repertoire mehr schlecht als recht über Wasser halten kann.

So stieß die Entscheidung der Hessischen Kommission bei den Kinokollegen auf blankes Unverständnis. Als Interessenvertretung der Branche preschte das Film- und Kinobüro vor und forderte die Jury auf, Ihre Entscheidung näher zu begründen. Denn für Erwin Heberling, Leiter des Film- und Kinobüros, gehört das "Valentin" zum Kern der Hessischen Programmkinoszene, das "in der schwierigen Randlage in Höchst auch verdienstvolle soziokulturelle Aufgaben wahrnimmt".

Auch "Valentin"-Chef Werner Rosmaity hat sich in seiner "unermeßlichen Enttäuschung" mit einem Schreiben an Hessens Kunstministerin Kühne-Hörmann (CDU) gewandt und um Erläuterung der Hintergründe gebeten. Noch steht eine Stellungnahme dazu aus. Auch Maria Wismeth seitens der Filmförderung hielt sich auf unsere Nachfrage bedeckt. Die Jury sei nun mal frei in ihrem Votum und niemand könne einen Förderautomatismus geltend mache, so ihre Reaktion. Gleichwohl bedauere sie die Entscheidung persönlich sehr. Denn nicht umsonst mache sie sich mit Vehemenz für die alternative Kinoszene stark und hoffe, daß das "Valentin" den zugrundeliegenden Kriterienkatalog im nächsten Anlauf wieder erfüllen werde. Doch wie soll sich, so muß man sich zwangsläufig fragen, ein Kino neu aufstellen, wenn es zu den Beweggründen einer Jury nichts in Erfahrungen bringen kann? Vielleicht sollten sich Branche und Förderer zu diesem Punkt noch einmal an einen Tisch setzen.

 

Daniel Güthert