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GRIP 44

Die Filmkritik in der Tagespresse

Als die Filmbesprechung noch den Rang einer literarischen Textgattung beanspruchte

Von Claudia Lenssen

 

Die Filmkritik als professionelles journalistisches Ressort in Tageszeitungen ist im Begriff, zu einer gefährdeten Spezies zu werden. Die Gewähr für ihre Qualität und journalistische Substanz, ihr Status in den Feuilletonredaktionen sowie im weiteren Sinn die kulturelle Bedeutung und Wertschätzung von Kritik überhaupt sind einem rasanten Wandel, wenn nicht Niedergang unterworfen. Ökonomisch zunehmend ausgetrocknet, durch das Internet einer tiefgreifenden strukturellen Konkurrenz und veränderten Erwartungen des Publikums unterworfen und zudem massiv gegängelt durch die immer einflussreichere PR-Branche, verliert die klassische Gattung Filmkritik in den Printmedien an Profil.

Die Zeitungshäuser legen Redaktionen zusammen, sparen Redakteursstellen ein, speisen die freien Filmkritiker mit katastrophal niedrigen Zeilenhonoraren ab und kürzen die Zahl und den Umfang von Filmartikeln im Blatt. In vielen Regionen Deutschlands sind die kleinen Kinos mit avanciertem Programm verschwunden, so dass Filmkritiker sich dort mit den ewig gleichen Blockbuster-Angeboten begnügen müssen, deren individuelle Besprechung kaum lohnt, oft sogar vom örtlichen Großkino durch ein Quizspiel mit Freikartenaktion ersetzt wird.

Gleichzeitig wächst jedoch paradoxerweise der symbolische Wert von Filmbesprechungen im enger werdenden Markt für deutsche und kleine internationale Filme. Eine langfristig und gut recherchierte kritische Hintergrundberichterstattung zu filmpolitischen Problemen ist für freie Filmjournalisten kaum mehr möglich, da die Zeitungen keine Spesen bezahlen, stattdessen wächst der Erwartungsdruck an Glamour- und „People“-Berichterstattung, von der sich die Zeitungen mehr Leser, die Film-PR ihrerseits größere Werbeeffekte versprechen.

Medien machen Namen, sie ersetzen in der subventionierten Filmlandschaft Deutschlands die pure Rangliste nach verkauften Kinokarten und daher entscheidet dieser Mechanismus der Instrumentalisierung unabhängig von den Filmkritiken indirekt über den Erfolg eines einzelnen Films. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die sich in veröffentlichten Kritiken misst - immer öfter auch in Talkshowauftritten und TV-Filmtipps - spiegelt nicht einfach den Erfolg, die Festivaleinladungen und Auszeichnungen eines Films wider, sie ruft solche Würdigungen in vielen Fällen auch erst hervor. Sie beeinflusst zudem latent die Förderentscheidungen der Gremien und Fernsehredaktionen zu Folgeprojekten und nicht selten verschafft eine solche Diskurskarriere den Filmkünstlern eine Existenzsicherung an einer der zahllosen deutschen Filmhochschulen.

So sieht die schlecht bezahlte kleine Gruppe der Filmkritiker nicht ohne Anteilnahme zu, wie ihre Arbeit im Lager der um jeden Förder-Euro ringenden Filmemacher aufmerksam gelesen und genutzt wird, während etablierte Regisseure und Produzenten, wie etwa Dany Levy und Stefan Arndt von X-Filme, Günter Rohrbach oder der jüngst verstorbene Bernd Eichinger in den letzten Jahren gern die emotionale Karte ausspielten, ihre Kränkung angesichts von schlechten Kritiken offenbarten und eine Negativhaltung zu ihren Filmen prinzipiell als „typische Kritiker-Missgunst“ diffamierten.

Der Filmkritik stehen die harten Zeiten erst noch bevor: Die Konkurrenz der „alten“ Printmedien gegen die eigenen, von Fotos und Filmchen überladenen Online-Ausgaben, gegen die Eventberichte des Fernsehens und im Ganzen gegen die unübersichtlichen Marktplätze im Internet hat nicht nur die Abwicklung eines umfänglichen, seriösen,  kulturkritischen, an nicht-etablierter Ästhetik interessierten Filmjournalismus zur Folge, das Dilemma betrifft auch den Wandel des Publikums und des schreibenden Nachwuchses selbst.

Im Unterschied zur klassischen Rezeption einer Zeitungskritik bietet die Internet-Filmbesprechung ein scheinbar unmittelbares Interaktionsangebot, was nicht immer qualitativ auf Augenhöhe beantwortet wird, aber längst zum Kommunikationshabitus des jungen Filmpublikums gehört. Angesichts der Klagen über die Defizite in der Medienkompetenz junger Leute wird gern unterschlagen, dass wir es inzwischen mit einer Generation zu tun haben, die kaum noch Zeitungen liest, dafür aber eine Verfügbarkeit über Filme, Filmhistorisches und international vernetzte Informationen ihr eigen nennt – nicht zuletzt in großer Zahl auch filmwissenschaftliche Studiengänge absolvierte, die seit dreißig Jahren in Deutschland ausgebaut wurden. Nicht wenige von ihnen betätigen sich inzwischen auf Internetplattformen und in Blogs als Kritiker, deren Texte zu lesen lohnt.

Die traditionelle Filmrezension ist eine gut formulierte, überzeugend begründete Kinoempfehlung oder anregende Negativbeurteilung, auf jeden Fall ein persönlich gestimmter, von (Film-)Bildung getragener Autorentext, der zu Beginn der Programmwoche der Kinos - meist donnerstags - ins Blatt gestellt wird und so die aktuellen, lokal orientierten Informationsbedürfnisse der Leser bedient. Diese Definition leitet sich aus der Tradition einer selbstbewussten Presse ab, die sich als kulturelles Leitmedium verstand.

Unter den bildungsbürgerlichen Literatur-, Theater- und Kunstkritikern waren die Filmkritiker bunte Hunde, die sich dem trivialen Massenvergnügen verschrieben. Man kämpfte für den Film, manche schöpften aus ihren Kritiken sogar Filmtheorien (Béla Bálázs, Siegfried Kracauer, André Bazin u.v.a.). Noch in der Nachkriegszeit und später in der Ära des Neuen Deutschen Films fungierten Kritiker als brillante Rhetoriker, die neue Filme, neue Filmsprachen und Filmkünstler in der kulturellen Arena durchsetzen halfen.

Empfehlungen wie Verrisse galten als Beiträge zu einer eigenständigen quasi literarischen Textgattung, als Teil eines historisch-politischen Diskurses, in dem ästhetische Formen dechiffriert wurden, brisante Zeitdiagnosen gestellt und Verdrängtes in der kollektiven Mentalität „entlarvt“ wurde. Die deutsche Filmkritik arbeitete daran, dem Medium unter lauter Filmverächtern zu künstlerischem Rang zu verhelfen und an der Filmgeschichtsschreibung mitzuwirken - scharfe Debatten galten als notwendiges intellektuelles Werkzeug.

Heute ist von dieser eigenständigen Energie kaum etwas zu spüren. Je machtvoller die Werbung für einen Blockbuster, desto prominenter auch sein Platz im Feuilleton. Feuilletonchefs, die sich als Meinungsmacher und Hype-Schreiber gerieren, nutzen Filme als Anlass für eigene Großkommentare wie zuletzt anlässlich von „Der Untergang“ oder „Das Leben der Anderen“. Diesen Scheindebatten in einer kritikentwöhnten Konsenskultur stehen die Texte einer neuen, für sich und die Freunde argumentierenden Schreibergeneration im Internet entgegen – beide Phänomene sind Anzeichen dafür, dass die Profession bezahlter, auf journalistischer Ausbildung beruhender Filmkritik ihrem Ende entgegengeht.