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GRIP 44

 

Den Dokumentarfilm zu einer festen Größe machen

30 Jahre AG Dok – ein Interview mit dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft, Thomas Frickel.

Von Christoph Brandl*

 

Christoph Brandl: Wie lange sind Sie schon Mitglied in der AG DOK?

Thomas Frickel: Ich bin quasi eine Viertelstunde nach Gründung der AG DOK dazu gekommen, im Herbst 1980. Als ich dann Vorstandsmitglied wurde, habe ich mich gewundert, in welchen Verein ich geraten war. Das war die Zeit der politischen Fraktionskämpfe. Und damit der regionale und politische Proporz gewahrt blieben, hatten wir damals einen Vorstand von 14 Leuten, bei nur 80 Mitgliedern insgesamt. Thomas Mitscherlich vertrat eine Fraktion, Peter Krieg eine andere. Ein anderes Vorstandsmitglied war der Hamburger Karl-Heinz Walloch, der der DKP nahestand. Und da gab es heftigste Diskussionen.

 

CB: Das hört sich eher nach einer Partei denn nach einem Berufsverband an?

TF: Viele von uns waren tatsächlich politische Filmemacher, die gesagt haben, wir müssen unsere Interessen selbst in die Hand nehmen. Weil in der Gründungszeit das dokumentarische Filmemachen eben oft politisch motiviert war, ist die AG DOK aus diesem Umfeld heraus entstanden.

 

CB: War denn die Arbeit politisch geprägt?

TF: Es gab in der Zeit der Gründung einen zentralen Konflikt: Ist dieser Verband gewerkschaftsähnlich und streitet somit auch für bessere Arbeitsbedingungen, oder bemüht er sich eher um das kulturelle Voranbringen des Dokumentarfilmes? Diese Frage ist damals zugunsten des zweiten Schwerpunkts entschieden worden. Wir wollten allgemein bessere Bedingungen des Dokumentarfilmes im Fernsehen; alle arbeits- und tarifrechtlichen Fragen überließen wir der Gewerkschaft. Der große Schnitt kam in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, als die AG Dok beschloß, selbständig zu bleiben und nicht in die Mediengewerkschaft einzutreten. Wir haben dann sukzessive angefangen, Felder zu besetzen, die wir vorher anderen überlassen hatten. Und um 1990 herum waren wir sehr erfolgreich und schafften es im Einklang mit anderen Gruppen, den Dokumentarfilm bei den Filmförderern durchzusetzen und ihn insgesamt – auch gegenüber den Fernsehstationen oder der Politik - zu einer festen Größe zu machen.

 

CB: Welche Vorteile hat die Mitgliedschaft in der AG Dok?

TF: Zuvörderst bieten wir konkret berufsbezogen unsere Hilfe an. Einer der größten Pluspunkte ist die Mailingliste, wodurch es möglich ist, innerhalb kürzester Zeit eine Antwort auf alle noch so spezifischen Fragen einzuholen. Auf technische Verständnisfragen genauso wie auf Fragen nach Kontakt zu einem Hindi-sprechenden Tonmenschen in Neu-Delhi. Außerdem bieten wir Rechts- und Vertragsberatung, was ein kostenloser Service ist. Und wenn wir meinen, daß das im allgemeinen Interesse ist, führen wir auch Gerichtsprozesse. Wir bieten die ganze Palette der German Documentaries, die Auslandsbewerbung der deutschen Dokumentarfilme an; wir organisieren Reisen von Filmen und Filmemachern zu internationalen Festivals, Messen und Märkten, Seminaren und Konferenzen. Und nicht zu vernachlässigen sind die Regionaltreffen mit Kollegen, um sich vor Ort über ähnliche Dinge auszutauschen.

 

CB: Wohin geht die Reise der AG Dok in den nächsten 30 Jahren?

TF: Wir haben Schwierigkeiten mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das den Dokfilm immer noch sehr stiefmütterlich behandelt. Sowohl von den Sendeplätzen, als auch von der finanziellen Ausstattung her. Aber wir gehen dagegen vor und sind im Gespräch mit den Anstalten, um die Rahmenbedingungen für Dokumentarfilmproduktionen neu zu definieren. Terms of Trade heißt das. Dann führen wir Diskussionen zum Thema Konvergenz, dem Zusammenwachsen von Fernsehen und Internet. Zudem suchen wir nach neuen Modellen, die das Überleben unabhängiger Produzenten sichern. Wir werden mit Vorschlägen kommen, die zukunftsweisend sind. Das Ganze geht einher mit einer Diskussion über den Zustand der deutschen Filmförderung. So haben wir in Leipzig eine Veranstaltung gemacht unter dem Motto: »Hat das Fernsehen die Filmförderung gekapert?« Wir wollen den Finger in die Wunde legen, weil wir denken, daß die gesamte Filmförderung zu fernsehlastig geworden ist und dem unabhängig produzierten Film viel zu wenig Raum gibt. Das ist ein großes, weites Feld, auf dem es noch viel zu beackern gibt.

 

*Nachdruck des Interviews mit freundlicher Genehmigung des Magazins Cinearte